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Frank Carter and the Rattlesnakes im Februar 2024 auf Tour

Wer Frank Carter vor seinem geistigen Auge erstehen lässt, denkt wahrscheinlich an einen wütenden Mann mit unbekleidetem Oberkörper, auf dem jeder Quadratzentimeter mit Tätowierungen bedeckt ist. Dieser Mann steht vorgebeugt am Bühnenrand und schreit derart brachial in den Moshpit hinein, dass seine Arteria carotis zu platzen droht. So kennt man ihn einfach, den ehemaligen Frontmann der Gallows.

Carter ist ein Musiker mit vielen Talenten und Facetten: Punk mit den Gallows, Alternative Rock mit Pure Love, die Kartharsis im ersten Rattlesnakes-Album „Blossom“ (und den drei Folgewerken) und jetzt der neue Sound auf „Dark Rainbow“, das Anfang 2023 erschienen ist. Was diese Projekte alle miteinander verbindet, ist die Kompromisslosigkeit, mit der sich Carter dem Neuen verschreibt. Musik ist nicht nur Melodie, Harmonie, Rhythmus und Dynamik, Musik ist in erster Linie Haltung. Daran mangelt es Frank Carter & The Rattlesnakes keinesfalls.

Im Februar 2024 geht es endlich auch wieder auf Tour und die Gruppe wird erneut unter Beweis stellen, dass sie besonders live unglaublich sind. Und wer den tätowierten Frank Carter schon mal mit den Gallows live erlebt hat oder wer das Glück hatte die Rattlesnakes zu sehen, der weiß, mit wie viel Energie die Jungs durch Deutschlands Clubs fegen werden.

Frank Carter and The Rattlesnakes in Hamburg: Das Publikum ist seine Bühne

Wer weder Bock auf Halloween, noch auf das parallel laufende St. Pauli Spiel hatte, ging natürlich in die Hamburger Markthalle. Denn hier wurde man pünktlich um Acht Uhr mit feinster, britischer Rockmusik verwöhnt.

Die aus Hastings stammende Band Kid Kapichi hatte und machte ordentlich Spaß und wären auch sicher noch ein paar Songs länger geblieben. Doch die Bühne musste sich noch kurz für die Stars des Abends schick machen.

Wir waren uns bis zuletzt nicht sicher, ob Frank Carter nach seinem Autounfall und den abgesagten Nordamerika-Konzerten überhaupt in Hamburg auf der Bühne stehen wird. Und das tat er auch kaum. Denn wohl kein ein anderer Künstler surft und läuft so viel auf den Händen seiner Fans, wie der Musiker aus England. Später standen Frank und sein Kollege Dean Richardson sogar gemeinsam auf den Schultern des Publikums und spielten ihre Songs.

Die körperliche Nähe wurde natürlich dankend und schwärmend entgegen genommen. Kleine Überraschung: Zum Song „Wild Flowers“ wurden alle Männer aus dem Moshpit gebeten. Denn dieser Song galt ausschließlich den Frauen. Jeder einzelne Song wurde voller Energie und Emotionen präsentiert. Ein Rockkonzert, dass sich auch so nennen darf und alle Erwartungen mehr als erfüllt hat.

Taubertal Festival 2019 am Samstag: Zum Glück geht es weiter

Der Sturm war vorbei! Die Luft fühlte sich frischer an und bis auf ein paar Pfützen und auf den Weg gefallene Äste, war keine Spur mehr von dem Unwetter am Tag zuvor zu sehen. Die vielen Besucher auf dem Festivalgelände vermittelten den Eindruck, als wäre es nun auch deutlich voller als am Vortag – was später auch den Wechsel zwischen den zwei Bühnen etwas erschwerte. Auf dem Programm des zweiten Festivaltags beim Taubertal 2019 standen so jede Menge großartige Acts aus verschiedensten Musikrichtungen – Donots, Madsen, Barns Courtney, Von Wegen Lisbeth, Frank Carter & the Rattlesnakes und das Beste kommt natürlich zum Schluss – Die Fantastischen Vier!

Apropos Vielfalt – die Geschäfte auf der Food Meile des Festivals boten viele leckere, festivaltypische Gerichte für an, für den kleinen Hunger zwischendurch oder das ausgiebige Mittag-/Abendessen. Hier konnte jeder etwas für sich finden – vom Handbrot mit Käse und Schinken/Pilzen über selbstgemachte, vegane Flammkuchen und Kartoffelchips mit Knoblauchsoße bis zum knusprigen Spanferkel am Spieß. Und dazu konnten die Festivalbesucher auch ein ganz besonders Highlight genießen: exzellente Sanitäranlagen, wovon die meisten Festivalgäste nur träumen können – mit Waschbecken, Seife und sogar mit Fön!

barns courtney

Nun aber zum musikalischen Programm. Mit roter Lederjacke und Aufnähern, dem wilden Lockenkopf und einem einzigartigen Indiesound ging es für uns los – Barns hatte einiges anzubieten. Da er aktuell eh um die Welt tourte, machte er zum Glück auch er einen Zwischenstopp beim diesjährigen Taubertal Festival. Auf der Bühne sang er voller Inbrunst, spielte dazu die akustische Gitarre und tanzte energiegeladen im Takt seiner Musik. Im nächsten Moment sprang er unerwartet ins Publikum und ließ sich dort auf den viele, willigen Händen der Fans tragen. Dabei gab der britische Singer-Songwriter weiterhin seine Songs zu Besten und das Publikum sang lautstark mit. Leider war sein Auftritt doch sehr kurz, aber immerhin bleibt uns der Lichtblick, dass Barns Courtney im Herbst 2019 mit seiner Band noch einmal zurück nach Deutschland kommt!

Donots

Das komplette Jahr 2019 stand und steh bei der Ibbenbürener Band Donots unter dem Motto „Silberhochzeit“! Die Punkrocker waren am Samstag die ersten auf der Hauptbühne, aber das man als Festivalgänger weiß, dass hier die Post abgeht, war das Infield schon gerappelt voll zu dieser Zeit. Kurz nach den ersten Klängen eskalierte die Stimmung im Publikum euphorisch. Nur die Musikfans auf dem Hügel mussten erst noch richtig wache werden und die Donots forderten sie auf, aufzustehen und mitzutanzen. Es dauerte nicht lange, bis auch sie ins Schwingen kamen. Später machte ein Fan sogar einen Purzelbaum und rollte den Berg herunter. Natürlich durften keine der unzähligen Hits aus ihrer 25-jährigen Bandgeschichte fehlen, „Stop the Clocks“, „We’re not gonna take it“, „We got the noise“ oder „So Long“ wurden mit viel Leidenschaft von Ingo Knollmann, Bruder Guido und dem Rest der Band präsentiert. Danach durchquerte der Sänger kurzerhand das Publikum für einen wilden Ritt im größten Circlepit des Festivals. Nach diesem einstündigen Auftritt gröhlte das Publikum nach einer Zugabe, leider vergeblich. Die Bühne wurde schon für die nächste Band vorbereitet.

von wegen lisbeth

Die Berliner Band um Sänger und Gitarrist Matthias Rohde brachte mit ihren dynamischen Klängen das Publikum schnell in Bewegung. Jedes der sechs Bandmitglieder entlockte den vielen Instrumenten auf der Bühne den bandtypischen locker-rockigen Rhythmus. Dabei hüpften die Musiker zwischen Gitarre, Keyboard, Zupfbrett und Xylofon hin und her. Das Publikum tanzte und sang zu den fröhlichen Indie-Pop-Sounds der Berliner. Von Wegen Lisbeth waren zum zweiten Mal auf dem Taubertal Festival und schienen sich sehr zu freuen, wieder hier sein zu dürfen. Nach einer energiegeladenen Show mit vielen iher beliebten Hits verabschiedeten sie sich dann mit den Worten „Es war extrem nice mit euch“ und dem bekannten Lied „Bitch“. Daraufhin mobilisierte das Publikum nochmal alle Energiereserven und bewies, dass man sich im Moshpit nicht nur bei harten Rocknummern austoben kann.

madsen

Anfangs waren erst nur ein paar harmonische Klänge zu hören, als die Band auf die Bühne kam. Diese wurden aber ruckzuck von Bassschwingungen und Gitarrenriffen überlagert. Madsen startete mit ihrer Punk-Hymne aus dem letzten Album „Macht euch laut“. Von Gitarrensolos bis hartem Punkrock bedienten Madsen einen enormen Facettenreichtum. Die Band feierte inzwischen ihr 15. Jubiläum und spielte in nun schon zum zweiten Mal auf dem mittelfränkischen Festival. Das aber auch nur, weil zwei Wochen vor dem Festival die bereits gebuchte US-Kultband Good Charlotte aus familiären Gründen den Gig absagen musste. Dafür brach Schlagzeuger Sascha sogar kurzfristig seinen Urlaub ab. Frontmann Sebastian Madsen und seine Kollegen sprangen gerne ein und noch lieber spielten sie als kleinen Trost Good Charlotte’s „Anthem“. Später im ihrem Liveset tauchten auch Songs von Feine Sahne Fischfilet und The Offspring auf. Ihr wunderbarer Ohrwum „Lasst die Musik an“ dröhnte als letztes über das Festivalgelände und dann verschwanden Madsen hinter der Bühne.

frank carter

Passend zum neuen Album „The End Of Suffering“ aus Mai 2019 war Frank Carter bereits im Frühjahr auf Tour in Deutschland, nun im Festivalsommer wurde es wieder Zeit für den Punkrocker, die Festivalbühnen des Landes aufzumischen. Vor der Bühne wartete schon ein feierwütiger Mob. Der Brite und seine Rattlesnakes versteckten sich zu Beginn der Show aber noch hinter dichtem Nebel und Bühnengegenlicht. Derweil sang das Publikum die Lieder „Kitty Sucker“ und „Lullaby“ schon mal energisch mit. Sie freuten sich natürlich tierisch, als Frank Carter kurzerhand mitten ins Publikum sprang um dort gemeinsam im riesigen Moshpit mitzutanzen und Selfies mit den Fans zu machen. Gitarrist Dean Richardson folgte dem Beispiel des Frontmannes und spielte ein Gitarrensolo, während er sich rücklings von der Menschenmenge auf Händen tragen ließ. Das war mal ein Auftritt mit viel Power.

die fantastischen vier

Eine Band, die auf 30 Jahre Bandgeschichte, neun Studioalben, unzählige Preise und Live-Shows zurückblick konnte, das sind Die Fantastischen Vier. Seit 1989 rappten sich Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon aufstrebend durch die Musikwelt. Den vier Stuttgartern ging trotz des Älterwerdens aber zum Glück einfach nicht die Luft aus.

Durch den Nebel erschien der Headliner des Abends dann auch endlich auf der Hauptbühne fragte das Publikum sogleich „Was geht“. Zwischen bekannten Hip-Hop-Hits ließen sich die Vier Zeit, mit dem Publikum zu interagieren. Neben aktuellen Themen wie der politischen Situation in Deutschland, sprachen sie auch über die Ungleichheit in der heutigen Gesellschaft. Die Stuttgarter fegten mit ihrer sechsköpfigen Liveband nur so über die Bühne. Ohne ihre Klassiker ging es natürlich nicht: „Sie ist weg“, „Troy“, „Gebt uns ruhig die Schuld“, „MFG“, „Die Da“ oder auch der aktuelle Radio-/Chart-Ohrwurm „Zusammen“ hauten die drei Frontmänner locker heraus. Mittlerweile wurden die „Fantas“ zu richtigen Taubertal-Veteranen, sie waren nämlich zum sechsten (!) Mal dabei! Hut ab! Eine coole Überraschung kam dann noch zum Schluss – Porky von der Band Deichkind kam in Bademantel auf die Bühne und spielte Schlagzeug.

pottinger

Zu guter letzt stand Alternative Rocker Pottinger auf der Bühne. Die deutsche Rockband überzeugte mit markantem Gesang und starken Gitarrenriffs, die an Alice in Chains erinnerten. Das Publikum schien kein bisschen müde zu sein und flippte noch einmal völlig aus. Die erste Reihe tanzte im Takt der Musik, BHs wedelten in der Luft. Ab und zu wurden die Dessous sogar nach vorne geworfen, aber anstatt der Bühne wurden die Security- oder Kameramänner getroffen. Ob die sich gefreut habe? Zum Schluss wurden CDs des aktuellen Pottinger-Albums im Publikum verteilt. Das Publikum war schnell verliebt – alle verlangten nach einer Zugabe. Ein echter Knaller als Abschluss des Abends!

Taubertal Festival 2019: Tickets + Infos

Taubertal 2020

Das große Foonale: der letzte Tag vom Sziget Festival 2019

Vom 07. bis 13. August wurde eine Donauinsel in Budapest zu einem der größten Musikfestivals Europas: Sziget 2019. Heute berichten wir vom Dienstag.

Gestern war der letzte Tag des Sziget 2019. Natürlich haben alle auf den Headliner aller Headliner hin gefiebert: die legendären Foo Fighters, die das Festival mit einem mächtigen 2,5 Stunden Set beenden wollten. Doch die Fans konnten sich noch auf weitere interessante Bands freuen: Frank Carter and the Rattlesnakes, Idles und die Twenty One Pilots.

Täglich rockt das Murmeltier

Fotograf Axel und ich gingen gestern zum nunmehr 6. Mal auf das Festivalgelände. Auch wenn sich die Bands ändern, schleichen sich Routinen ein: mit dem Taxi zur Insel, über die alte Stahlbrücke, durch die Sicherheitsschleuse, rechts am Mastercard Zelt vorbei, rüber zum Begrüßungsbier, dann zur Europabühne, spätes Mittagessen einlegen, Pinkelpause, noch ein Bier, ab zur Hauptbühne und so weiter und so weiter und so weiter. Auch die Securities im VIP-Bereich (in den auch Very important Redakteure wie wir reindurften) schauten nicht mehr so genau aufs Bändchen, sondern nickten uns nur noch zu. Man kennt sich.

Gelände ohne Ende

Wenn man nach so vielen Tagen Sziget denkt, man hat alles gesehen, geht man um eine Ecke und entdeckt ein riesiges Areal, das einem völlig unbekannt war. Zum Beispiel der bunte Jahrmarkt, der alleine zehn, zwanzig Attraktionen bot. Oder die riesige Art Zone mit vielen verrückten (und manchen weniger verrückten) Kunstwerken. Auf dem Sziget verbirgt sich hinter jeder Ecke noch eine Bühne, noch ein Food Truck, noch eine Party.

Frank Carter & the Rattlesnakes

Nach vielen Tagen bei Hochtemperaturen war es am Dienstag grau und frisch. Auf den Screens neben der Hauptbühne, auf denen gestern noch vor der Hitze gewarnt wurde, wurde heute ein Unwetter angekündigt. Aber dass in wenigen Sekunden ein Orkan über die Bühne toben sollte, konnte keiner wissen: Frank Carter & the Rattlesnakes.

Starker Wind zog auf, als der Namensgeber der englischen Punk-Rock-Band grinsend auf die Bühne kam und brüllte: „Are you ready for some Rock’n’Roll?“ Und dann wurde es laut. Leadsänger bzw. Leadschreier Frank Carter sprang schon beim zweiten Song in den Bühnengraben zu den Fans. Er sang mit irrem Blick und einem Gesicht, das irgendwann so rot war wie seine Haare. Als wäre das nicht genug Action so früh am Tag, fragte er: „Ready for an early morning moshpit? I wanna go crowd surfing first!“ Dann kletterte er über die Absperrung, Gitarrist Dean Richardson direkt hinterher. Die beiden kämpften sich durch die Menschenmenge – und das singend und Gitarre spielend. Weil’s dafür schnell zu eng wurde, stiegen die beiden auf die Schultern der Fans, um dort ihren nächsten Song zu spielen. What. The. Fuck.

Johnny Marr

Weil Frank Carter & the Rattlesnakes die Bühne musikalisch in Schutt und Asche gelegt haben, hätten man eigentlich um 16:30 Uhr nach Hause gehen können. Doch dann hätte man Johnny Marr von The Smiths verpasst, einer der einflussreichsten Indie-Rock-Bands aller Zeiten.

Anstatt sich mit einem Hallo aufzuhalten, hat Johnny direkt den ersten Song gespielt: „Armatopia“. Etwas später er sich dann doch von seinem Legenden-Thron herabgelassen, um die Fans mit einem „Hello hello hello“ zu begrüßen, gefolgt von den Songs „Day In Day Out“, „Getting Away With It“ und einem Cover des Depeche Mode Klassikers „I Feel You“.

Twenty One Pilots

Als wir danach mit einem Bier in der Hand übers Festivalgelände schlenderten, fielen uns zahlreiche Fans auf, die sich mit knallgelben Klebestreifen dekoriert hatten: im typischen Stil der Twenty One Pilots, die um 18 Uhr auf der Hauptbühne angekündigt waren. Hier stand schon das schwarze Auto, von dem Kenner wissen, dass es gleich in Flammen aufgehen wird. Und das tat es schon zum ersten Song: „Jumpsuit“. Normale Menschen würden bei einem brennenden Auto die Feuerwehr rufen, Tyler Joseph rappt darauf den zweiten Song „Levitate“. Zurück auf dem Bühnenboden sang er „Heathens“. Die Twenty One Pilots spielten eine Mischung aus Rock, Pop, Hip-Hop und allem, was sonst noch gut ist. Kein Wunder, dass jeder sie mag. Ach ja, Konfettiregen gab’s auch. Natürlich gelb.

Idles

Nebenan auf der Mastercard Bühne riefen die Fans schon ungeduldig nach Idles, einer Post-Punk-Band aus England. Ich hatte von Idles noch nie gehört, aber das sollte sich ändern, als die Band um 19:15 auf die Bühne stürmte: Gitarrist Mark Bowen, nur in Unterhose, gefolgt von Sänger Joe Talbot und dem Rest der Band. Von Idles gab’s Punk für die Ohren und Punk für die Augen: Joe Talbot stampfte im Kreis über die Bühne, scheinbar stinksauer und kurz davor zu explodieren. Er krabbelte singend, schreiend und grölend über die Bühne, spuckte rum und schlug sich mit Wucht auf die Brust, immer wieder, immer wieder.

Foo Fighters

Schon zwei Stunden vor dem Gig wurden wir am Hintereingang der Hauptbühne von aufgeregten Securities zur Seite geschoben, damit mit fünf Vans mit getönten Scheiben durchfahren konnten. Ganz klar, wer drinsaß: die Foo Fighters!

Als die Band 2018 in Hamburg Open Air gespielt hat, konnte ich sie auf meinem Balkon hören – 4 km von der entfernt. Er wird also laut werden.

Um 20:30 Uhr gab’s endlich los: die Foo Fighters kamen auf die Bühne! Und das pünktlich, was für Superstars ja unüblich ist. Dave Grohl begrüßte die Fans mit den Worten „Are you fuckin ready? This gonna be a long, beautiful night!“ Ein dickes, fettes 2,5 Stunden Konzert war angesetzt. Gut, dass die Foo Fighters in 25 Jahren Bandgeschichte genug Songs geschrieben haben, um den Abend zu füllen: „We got a lot of fuckin songs to play!“ Und der erste war direkt ein Klassiker, den sogar ein Hip-Hop-Head wie ich mitsingen konnte: „All My Life“. Dann spielten sie „Learn To Fly“, gefolgt von „The Pretender“, „The Sky Is a Neighorhood“ und 17 weiteren unsterblichen Songs.

Ganz am Ende gab’s noch eine Überraschung, die für Foo-Fighters-Kenner keine war. Denn die wissen, dass die Band gerne mal Fans auf die Bühne holen. Auf dem Sziget war’s ein crowdsurfender Rollstuhlfahrer, der von Dave Grohl entdeckt wurde: „He’s the star of the show right there!“ Die Fans haben ihn mit vereinten Kräften nach vorne getragen, damit er auf der Bühne den letzten Song des Abends erleben konnte: „Everlong“. Als wäre das nicht genug, durfte er Dave Grohls Gitarre in Rockstar-Manier auf den Bühnenboden krachen lassen, was mit tosendem Applaus belohnt wurde. Der Typ wird noch tagelang selig grinsen.

Ende laut, alles gut.

Das Foo Fighters Konzert war ein lauter, legendärer Abschluss des siebentägigen Sziget-Festivals. In einer ungarischen Zeitung habe ich gelesen, dass geschätzte 530.000 Besucher da waren. Um Dave Grohl ein letztes Mal zu zitieren: „This is a big fuckin festival! I like it like that!“

Wir sind hundemüde, gönnen uns aber keine Pause: Schon in wenigen Tagen sind wir euch auf dem Dockville in Hamburg. Wir sehen uns dort!

Sziget Festival 2020: Tickets + Infos

sziget Festival 2020

Deichbrand Festival 2019 am Samstag – Unsere Highlights

Nachdem der Donnerstag und auch der Freitag glücklicher Weise mit Sonne-Wolken gutes Festivalwetter für das Deichbrand beschert haben, sieht es für dem Samstag jetzt nicht mehr ganz so gemütlich aus. Macht an sich nichts, jeder Besucher weiß ja eigentlich, dass er bestens ausgestattet sein sollte mit Poncho, festem Schuhwerk oder Gummistiefeln. Und Spaß haben kann man auch, wenn es zwischendurch mal regnet – sogar, wenn es dann mehrfach sehr, sehr stark regnet.

Als das Festivalgelände sich für den zweiten Tag öffnet, strömt direkt eine größere Menge Besucher herein. Warum sollte man auch lieber auf dem Campingplatz abhängen, wenn man stattdessen gleich zur frühen Stunde die Donots auf der Fire Stage erleben kann? Dass ist strategisch natürlich gut gelegt, denn die Energiebündel um Ingo und Guido Donot sind ein Garant für gute Stimmung und volle Action auf und vor der Bühne. Daher gibt es Frühsport mit der Band aus Ibbenbühren und auch das Publikum ist entsprechend sportlich gestylt. Das weitere Tagesprogramm verspricht natürlich noch einige weitere Schmakerl. Am Abend steht Headliner Nummer zwei – The Chemical Brothers – auf dem Programm, allerdings wird davor auch noch Rockgröße Biffy Clyro zu erleben sein. Gleich zwei große Acts die für Spannung sorgen. Der Deichbrand 2018 Samstag kann sich auch sonst sehen lassen, Dendemann, The Kooks, BHZ, Nura, Two Door Cinema Cluba, White Lies und viele mehr versprechen viel Bewegung für die Tanzbeine und fordern die Stimmbänder heraus. Für alle Nachteulen gibt es dann auch noch bis in die frühen Morgenstunden Programm u.a. von Charlotte De Witte, Dave Clark, Lexy & K-Paul sowie den beliebten The Bloody Beetroots.

Donots

Im April 2019 haben die Donots auf „Birthday Slam-Tour“ ihr 25. jähriges Bandjubiläum gefeiert. Sänger Ingo Knollman und sein Bruder Guido an der Gitarre, dazu die Bandkollegen Alex Siedenbiedel ebenfalls an der Gitarre, dann Jan-Dirk Poggemann am Bass und zu guter letzt Eike Herwig an den Drums – das sind die Donots. Seit zwei Dekaden ist die Band aus Ibbenbüren nicht mehr aus der deutschen Musiklandschaft wegzudenken. Und schon gar nicht von den Bühnen unseres Landes. Im regelmäßigen Takt geht es für die Donots auf Tour, es vergeht fast kein Jahr, an dem sie nicht mindestens auf einem Festival in Deutschland spielen. Und die Fans lieben sie dafür. Denn das dargebotene Programm ist alles andere als 0815! Hier wird es gesellschaftskritisch und politisch. Jede „Gegen Nazis-Ansprache“ von Frontmann Ingo wird seitens des Publikums sofort mit einem lauten „Nazis raus“ beantwortet. Dies zieht sich üblicherweise auch so durch die ganze Show. Fragt man die Donots selber, so beschreiben sie ihre Konzerte mit purer Abrissstimmung – stimmt. Denn auch beim Deichbrand zu so früher Stunde, geben die Herren geben Gas, als gäbe es keine Bandscheiben. Und dazu spielen die Donots eine gelungene Zusammenfassung ihrer besten Songs. Top!

deaf havana

Weiter geht es auf der Water Stage mit Deaf Havana, einer britischen Alternative-Rock-Band aus Norfolk. Hier gibt es handgemachte Musik, die sich in den Bereichen Alternative Rock und etwas Hard Rock wohl fühlt. Ihr Sound ist gespickt mit viel Pathos, Herz-Schmerz Passagen und Gefühl.  Und das aktuelle Album „Rituals“ aus August 2018 haben sie natürlich auch mit im Gepäck, ansonsten ziert die Live-Setlist ein perfekter Mix ihrer bisherigen Schaffensgeschichte. Sänger James Veck-Gilodi ist dabei in ständiger Interaktion mit den Fans. Sehr sympathisch.

frank carter & the Rattlesnakes

Passend zum neuen Album „The End Of Suffering“ aus Mai 2019 ist Frank Carter mit seinen Rattlesnakes bereits im Frühjahr auf Tour in Deutschland gewesen. Nun ist es wieder Zeit für den Punkrocker, die Festivalbühnen des Landes aufzumischen. Direkt geht die Punkrock-Achterbahnfahrt los. Die Rattlesnakes flitzen auf die Bühne, wenig später folgt Carter. Ein diabolischer Blick in Richtung Publikum, der Sound wird volle Kanne aufgedreht und kurz darauf, absolute Eskalation! Auf der Bühne, vor der Bühne. Alles schiebt nach vorne, die Grenze zwischen Musikern und Musikbegeisterten verschwimmt. Frank Carter kommt seinen Fans wirklich nahe, es gibt eigentlich keine eine Hemmschwelle. Der Sänger surft auf den Köpfen des Publikums, badet förmlich in der Menge – entsteht sofort eine Einheit. Jeder Besucher fühlt sich hier als Teil der Show. Der tätowierte Rocker und seine Rattlesnakes geben alles. Song für Song aus den Alben „Blossom“, „Modern Ruin“ und dem neusten Werk peitschen sie die Zuschauer aus. Wut, Trauer, Freude – alles entlädt sich in den mehr als klaren Lyrics und den zornigen Riffs. Mit schier grenzenlosem Körpereinsatz präsentieren die Briten für eine brachiale Punk-Performance.

motrip & Ali As

Nun kommen gleich zwei mehrfach Gold- und Platinausgezeichnete Rapper auf die Bühne. Die Rede ist von MoTrip und Ali As. Beide sind seit Jahren solo unterwegs und haben den Hip-Hop-Markt mit ihren Punchlines, Humor, Intelligenz und ihrer Poesie längst geprägt. Was läge da näher als sich auch mal zusammen zu tun? Das Kollabo-Album „Mohamed Ali“ ist seit Dezember 2018 auf dem Markt, dies gilt es zwar zu promoten, doch die meisten Fans kennen die Songs daraus bereits. Dies zeigt zumindest der textfeste Fanchor in den ersten Reihen. Klar, auch hier werden die derzeitige Trend Auto-Tune wieder mit aufgegriffen, immerhin aber nur als Stilmittel für Effekte, die die stimmlich sonst nicht realisierbar wären. Ihr gemeinsamer Sound orientiert sich sehr an dem aktuellen, amerikanischen Markt und klingen eher wie Drake und Co., das ist experimentell und klingt nicht einfach nur langweilig. Beide haben lassen ihrem Flow freien lauf, das ist es, was die Fans auch hören wollen.

Verbales Style Kollektiv

Die Rüppelrapper von K.I.Z sind wieder beim Deichbrand. Aber halt, irgendwie ist das doch was anders. Die deutsche Hip-Hop-Band hat zusätzlich zu ihrem ersten Bandprojekt noch ein weiteres zugelegt. Und da wird es Retro, hier bekommt der 90er Hip-Hop eine Hymne verpasst. Dahinter stecken MC Schreibmaschine (aka Maxim), Streichholz MC (aka Nico), Flowbotta (aka Tarek), DJ Ratzefummel (DJ Craft), MC Bleistift, Dr. Podwich, Masta Maik und Fanta Yokai. Eine ironische Zeitreise mit Oldschool-Rap, klugen Rhymes und guter Laune.

White Lies

Die White Lies sind eine Alternative-Rock-Band aus London in England. Seit gut zehn Jahren spielen White Lies ihren vom New Wave beeinflussten Post-Punk. Ihr fünftes Studioalbum „Five“ ist im Februar 2019 erschienen. Dies und auch Songs der vier Vorgänger-Alben haben die Briten für das Deichbrand-Publikum dabei. Die drei  Jungs schaffen es, ein Zeitreise in die 80er zu kreieren. Und das alles lebt von der Bassbariton-Stimme von Harry McVeigh, den warmen und eingängigen Melodien und natürlich von dem melancholischen Grundgefüge. Mit von der Partie sind sind seine Bandkollegen – Bassist Charles Cave sowie Schlagzeuger und Keyboarder Jack Lawrence-Brown. Sie kennen sich schon viele Jahre von der Schule her und haben auch schon früh miteinander Musik gemacht, damals aber noch unter dem Namen Fear Of Flying.

The Kooks

The Kooks sind wieder in Deutschland und haben Nachschub für die Ohren am Start. Wie immer zeitlos, positiv, mitfühlend und schwerlich aus dem Kopf zu bekommen. Das fünfte, aktuelle Album „Let’s Go Sunshine“ ist bereits ein echter Erfolg. Den Musikstil der britischen Band beschreibt man am besten als gelungene Mischung aus Funk, Jazz, Soul und Rock. Schön, dass die Jungs nach fünf Jahren Abstinenz wieder am Start sind, vor allem die Mädels scheinen heiß auf The Kooks zu sein – wie man an den vielen Pappschildern in der Menge sehen kann. Sicher liegt das an Sänger Luke Pritchard, der mit seiner bewegenden Stimme und seinem natürlichen Rock’n’Roll-Charme für Begeisterung sorgt. Dazu gibt es lange Gitarrensoli und auch mal lässige Akustik-Grooves. Insgesamt eine wunderbare, britische Rock-Show.

BHZ

Nun liegt es an BHZ, der Rap-Crew aus Berlin-Schöneberg, das Palastzelt in Schwung zu bringen. Kein Zweifel, dass die sieben Jungs ihr Live-Potential voll ausschöpfen. Denn das haben sie bereits in 2018 und jetzt zur Festivalsaison mehrfach bewiesen. Klar, bei so viel Energie, gibt es Moshpits fast wie bei einem Punk-Konzert. Viele ihrer Tracks, die sie in der vergangenen Zeit veröffentlicht haben, gehen in Richtung Trap, aber die Berliner Jungs bringen noch viel mehr mit. Retro Gefühle, smoothe Flows und ein klassischer MotP-Beat ermöglichen eine Zeitreise durch die 90er-Jahre.

two door cinema Club

Die Indie-Rock mit Elektropop-Einflüssen aus Nordirland besteht aus drei Bandmitgliedern – Sänger Alex Trimble spielt auch Gitarre, Kevin Baird am E-Bass und Sam Halliday an der Gitarre.  Die Band aus dem kleinen, am Meer gelegenen Bangor in Nordirland schloss sich zusammen, um die Tanzflächen der Independent-Szene zu erobern. Flitzende Gitarrenspitzen, die elektrischen Reize im Nervensystem von Synapse zu Synapse schicken. Verspielte Basslinien mit Hang zum Discofunk kommen oben drauf und ganz darüber gipfeln die Drums, die dem ganzen Gefüge das nötige Tempo einheizen. Ein wahrhaftes Indie-Pop-Spektakel, was die Iren hier liefern.

brkn

Weiter geht es im Palastzelt mit BRKN – dem deutschen Rapper, Sänger und Musikproduzenten mit türkischen Wurzeln. Der 29-jährige heißt mit mit bürgerlichem Namen Andac Berkan Akbiyik und hat der Einfachheit halber daraus den Namen BRKN gemacht. Der Musiker spielt Klavier und Saxophon seit er sechs ist und hat mit 12 dann begonnen zu rappen und zu singen. BRKN lebt in Berlin-Kreuzberg, wo er geboren und aufgewachsen ist. Bevor er seine Solokarriere begonnen hat, ist er bereits als Produzent und gern gesehener Featuregast tätig gewesen, zB bei Künstlern wie RAF 3.0, K.I.Z, Mach One und Said. Seit 2014 wandelt er auf Solopfaden und seit 2016 macht BRKN monatlich die musikalische Live-Latenightshow im Tiyatrom in Kreuzberg, zu der er prominente Persönlichkeiten einlädt.

biffy clyro

Die Schotten Biffy Clyro haben ihr letztes Studioalbum „Ellipsis“ in 2016 veröffentlicht, dazu hat es natürlich etliche Konzert- und Festivalauftritte gegeben. Etwas neues hat es dann in 2018 gegeben: Das erste Akustik-Album der Band nennt sich „MTV Unplugged: Live At Roundhouse London“ – dort ist das Set ihres legendären Konzerts aus November 2017 bei der beliebten Unplugged-Reihe verewigt. Was die Band ausmacht, live oder akustisch, ist der perfekte, teils mehrstimmige Gesang gepaart mit abwechslungsreichem Sound. Auf die Deichbrand 2019-Bühne kommen Biffy Clyro mit gewaltigen Lichtgewitter und schmettern direkt mit den ersten Song los. Sparsam gehen die drei Schotten mit ihrer Energie nicht um. Sie springen, treten in die Luft und holen wirklich alles aus ihren (oberkörperfreien) Körpern heraus. Vor der Bühne ist es rappelvoll und der stechende Strat-Sound von Frontmann Simon hagelt auf alle herab. Mit sanften und harten Progressiv-Rock-Sounds donnern die Biffies jede Menge Fetzen Seele in die Herzen ihrer Fans. Hier gibt es gepfefferte Rocksongs genau wie ruhige Balladen. Biffy Clyro haben einfach einen großen Vorteil vielen anderen Rockbands gegenüber: sie sind nämlich eine mega gute Live-Band und ihr Repertoire an Hits wird von Album zu Album größer. Eine Band, die einzigartig und lebendig ist.

The chemical brothers

Seit mehr als bald drei Jahrzehnten sind The Chemical Brothers der Garant für die besten Liveshows im Genre der elektronischen Musik. Im Fokus steht dabei seit jeher ein klangvolles und gleichzeitig audiovisuelles Erlebnis. Hinter dem Musik-Projekt stecken Tom Rowlands und Ed Simons aus Manchester, England. Wie kein anderes Electronic-Duo verstehen es Tom & Ed, verschiedene Musikrichtungen zu vermischen und damit neue Klänge zu erzeugen. Für ein einziges, exklusives Deutschland-Konzert sind The Chemical Brothers am Samstagabend beim Deichbrand Festival. Anlass ist das neuste Album „No Geography“ und das sich nähernde 30-jährige Bandjubliäum. Das legendäre Duo hat weltweit mehr als12 Millionen Alben verkauft und vier Grammys eingesackt. Seit April 2019 ist das neuste, neunte Studioalbum „No Geography“ auf dem Markt und dies gilt es jetzt zu promoten und live gekonnt in Szene zusetzen. Von der Bühne aus breitet sich eine epische Sound-Collage aus, die man im Auto sofort laut aufdrehen würde, aber vor allem live in zuckende Tanzbewegungen umsetzen mag. Kein Wunder, alles was es an Songs der umfangreichen Künstler-Diskografie zu hören gibt, ist energetische Tanzmusik. Innovative, bestens abgestimmte Klänge und Sequenzen mit vielfältigen Stile – das bringt reichlich Abwechslung. Da ist kein Song der nicht zumindest die Muskeln vibrieren lässt. Der technisch perfektionierte, messerscharfe Sound rundet das Musikerlebnis perfekt ab.

Deichbrand Festival 2020 tickets + Infos

Deichbrand Festival 2020

Danke: Theresa Friedenstab (redaktionelle Mitarbeit)

Eskalation! Frank Carter And the Rattlesnakes in Hannover

Der Kultclub Béi Chéz Heinz in Hannover-Linden ist am Donnerstagabend gut gefüllt. Draußen ist es endlich länger hell und der Hauch von Frühling nimmt einem die Entscheidung ab, seine Jacke im Auto zu lassen. Passend zum neuen Album „The End Of Suffering“ (erscheint am 3. Mai 2019) stehen noch zwei weitere Konzerte bei Frank Carter And The Rattlesnakes auf dem deutschen Tourneeplan. In Nürnberg ist der Punkrocker bereits am 16. März zu Gast gewesen, nun ist Hannover an der Reihe und gleich am Folgetag werden die Bochumer Fans beschallt.

Im Vorprogramm bringen The Pearl Harts den Saal auf Betriebstemperatur. Auf Besucherseite müssen die Muskeln schließlich aufgewärmt werden, denn wer ein Frank Carter-Konzert besucht, wird es definitiv nicht ohne vollen Körpereinsatz erleben. Den zwei britischen Rockgören in Leo-Leggings und Glitzer-Stiefeln gehört die volle Aufmerksamkeit. Sängerin Kirsty Lowery haut direkt in die Saiten der Gitarre und dehnt die Stimmbänder, dass die Wände wackeln. Schlagzeugerin Sara Leigh Shaw zieht mit und schwingt zu gleichen Teilen energisch ihre Drumsticks und die langen Haare. Eine knappe halbe Stunde bekommt das Publikum rotzigen Girls-Rock á la Taylor Momsen/Pretty Reckless um die Ohren gehauen. Großartig!

Nach kurzem Umbau wird es endlich dunkel im Heinz. Das Adrenalin pumpt in die Venen und los geht die Punkrock-Achterbahnfahrt. Die Rattlesnakes flitzen auf die Bühne, wenig später folgt Carter. Ein diabolischer Blick in Richtung Publikum, der Sound wird volle Kanne aufgedreht und kurz darauf, absolute Eskalation! Auf der Bühne, vor der Bühne. Alles schiebt nach vorne, die Grenze zwischen Musikern und Musikbegeisterten verschwimmt – und zwar für den Rest des Konzertabends. Frank Carter ist seinen Fans bei den Liveshows wirklich nahe, es gibt eigentlich keine eine Hemmschwelle. Der Sänger surft auf den Köpfen des Publikums und turnt dabei an der Decke, badet förmlich in der Menge und es entsteht sofort eine Einheit. Jeder Besucher fühlt sich hier als Teil der Show.

Der tätowierte Rocker und seine Rattlesnakes geben alles. Song für Song aus den Alben „Blossom“, „Modern Ruin“ und dem neusten Werk peitschen sie die Zuschauer aus. Die Gefühle kochen hoch. Wut, Trauer, Freude – alles entlädt sich in den mehr als klaren Lyrics und den zornigen Riffs. Mit schier grenzenlosem Körpereinsatz präsentieren die Briten für 1,5 Stunden ihre brachiale Punk-Performance. Das ist Aggressionsbewältigung auf hohem Niveau.

Ordentlich Dampf auf’m Kessel: Frank Carter And The Rattlesnakes in Berlin

Der Party- und Musik-Club Bi Nuu in Berlin Kreuzberg ist restlos ausverkauft. Vor 1,5  Jahren hat es an der Abendkasse vom „Musik und Frieden“, ebenfalls in Kreuzberg, noch Karten gegeben. Diese Zeiten sind natürlich vorbei. Alle fünf Konzerte, die Frank Carter And The Rattlesnakes in Deutschland spielen, sind ebenfalls ausverkauft! Im rappelvollen Saal heizen uns dieses mal „Woes“ und „Demob Happy“ im Vorprogramm ein und erweisen sich als würdig, das zunächst etwas reservierte Publikum dann doch schnell aus der Reserve zu locken.

Als Frank Carter die Bühne betritt und diabolisch in die Menge blickt, ist zu ahnen, was 10 Sekunden später passieren wird: Völlige EKSTASE! Dieser Mann ist ein Hexenmeister, ein Derwisch, ein Punk feinster Sorte! Der Punkrocker und natürlich seine Rattlesnakes geben alles und sogar noch mehr. Song für Song peitschen sie uns aus. Besonders bei Carters schier grenzenlos leidenschaftlichem Einsatz muss ich unweigerlich an seine gesundheitlich bedingte Zwangspause im letzten Jahr denken. Ich wünsche ihm die Kraft, diesen „Knochenjob“ noch lange durchzustehen. Für ihn, für uns.

Die Crowd ist glücklich, mosht und circled umher, von der Bühne wird regelmäßig in die Menge gesprungen. Frank fordert ausdrücklich dazu auf. Aber die Band schlägt zum Beispiel mit „Loss“ auch leisere Töne an. Dies nimmt Sänger direkt zum Anlass, seine Fans aufzufordern, achtsam mit Freunden und Bekannten umzugehen. Sensibel dafür zu sein, wenn es ihnen nicht gut geht, sie leiden. Seine Botschaft: Hört ihnen zu! Über das unsterbliche „Devil inside of me“ feiern alle dem Finale entgegen und verlassen beseelt das Bi Nuu.

Auf dem Heimweg frage ich mich, was eigentlich das Besondere an Frank Carter und seinen Rattlesnakes ist. Für mich: In erster Linie die Authentizität, mit der diese Hardcore-Kombo ihre brachiale Punk-Performance zelebrieren. Eine klassische win-win Situation. Sie leben es, wir lieben es.

Frank Carter and the Rattlesnakes im März 2018 auf Tour

Wer Frank Carter vor seinem geistigen Auge erstehen lässt, denkt wahrscheinlich an einen wütenden Mann mit unbekleidetem Oberkörper, auf dem jeder Quadratzentimeter mit Tätowierungen bedeckt ist. Dieser Mann steht vorgebeugt am Bühnenrand und schreit derart brachial in den Moshpit hinein, dass seine Arteria carotis zu platzen droht. So kennt man ihn einfach, den ehemaligen Frontmann der Gallows. Und jetzt schaut man sich das Video zu „Spray Paint Love“ an, der neuen Single von Carter und seinen Rattlesnakes: Im bunten Hemd und mit rotgefasster Sonnenbrille tanzt der Mann durch ein wechselgefärbtes und technisch bearbeitetes Spiegelkaleidoskop und singt einen Song voller scharfer Riffs. Etwas weniger Hardcore, aber trotzdem unglaublich geil. Was sich mit der zweiten Platte „Modern Ruin“ von Anfang des Jahres angedeutet hat, wird hier genial fortgesetzt. „Grob auf halbem Wege zwischen schleppendem Grunge und stampfendem Glam Rock“, schreibt korrekterweise die Visions. Carter ist ein Musiker mit vielen Talenten und Facetten: Punk mit den Gallows, Alternative Rock mit Pure Love, die Kartharsis im ersten Rattlesnakes-Album „Blossom“ und jetzt der neue Sound auf „Modern Ruin“ und der aktuellen Single. Was diese Projekte alle miteinander verbindet, ist die Kompromisslosigkeit, mit der sich Carter dem Neuen verschreibt. Musik ist nicht nur Melodie, Harmonie, Rhythmus und Dynamik, Musik ist in erster Linie Haltung. Daran mangelt es Frank Carter & The Rattlesnakes keinesfalls.

Im März 2018 kommen sie wieder auf Tour und werden erneut unter Beweis stellen, dass sie besonders live unglaublich sind. Und wer den tätowierten Frank Carter schon mal mit den Gallows live erlebt hat oder wer das Glück hatte die Rattlesnakes zu sehen, der weiß, mit wie viel Energie die Jungs durch Deutschlands Clubs fegen werden. Als Support haben sie Demob Happy mit dabei.