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Wacken 2019 Samstag: Crowdsurfen als Breitensport

Eine Sache die mir über die Jahre aufgefallen ist: Crowsdsurfen wird mehr und mehr zur Breitensportart. Das mache ich vor allem an der zahl der Surfer fest, die ich fotografiert habe, aber auch an der Zahl der Surfer, die ich selber nach vorne weitergeschoben habe. Tatsächlich hat sich die Zahl der Crowdsurfer in Wacken so weit erhöht, dass die vorderen Reihen teilweise “Zuuuu-Rück!! Zuuu-Rück!!” rufen und die Surfer wieder nach hinten schicken (und das sogar meist erfolgreich) weil sie keine Lust mehr haben, andauernd andere Leute über ihren Kopf zu heben statt das Konzert zu genießen.

Aus dem Grund ein paar Grundregeln für’s Crowdsurfen basierend auf jahrelanger Erfahrung sowohl beim Surfern als auch beim Surfen lassen.

Für den Surfer:
Arsch hoch! Wenn andere euch tragen, streckt den Körper durch, und lasst nicht das “Körperzentrum” hängen. Das macht es unnötig schwierig für die Leute unter euch. Keiner hat was dagegen wenn ihr euch dabei filmt oder eine Flagge schwenkt, solange Rücken und Beine eine möglichst gerade Linie bilden.

Abstand halten. Ich versteh, das ihr mit eurem besten freund oder euren besten Freundin zusammen surfen wollt, am besten Kopf an Kopf und euch dabei unterhält. Oder dass ihr gerade los wolltet, als der Kerl vor euch hochgehoben wurde. Aber: Haltet Abstand, es braucht einige Leute um einen Surfer zu tragen, und die sollten eine Verschnaufpause zwischen zwei Surfern haben. Taschen zuknöpfen. Reisverschluss hochziehen. Die Bauchtasche enger ziehen. Schnürsenkel nach schnüren. Wenn ihr surft, und irgendwas runterfällt, ist es weg. Wahrscheinlich für immer. Also überlegt euch vorher, wie ihr Handy, Portemonnaie, Cap, Hoodie, Schuhe(!!) und andere Besitztümer sichert.

Für die anderen:
Umdrehen. Wenn jemand euch von hinten auf die Schulter tippt, heißt das wahrscheinlich, dass ein Surfer unterwegs ist. Wenn vor euch jemand mit den Finger hinter euch zeigt, auch. Vor allem wenn diese Personen kleiner und schmaler sind als ihr, dreht euch um, guckt was da kommt, und packt dann mit an. Aber vorher …

Weitersagen. Wenn ihr einen Crowdsurfer seht, oder auf einen hingewiesen wurdet, oder ein Kopf oder ein paar Füße auf eurer Schulter abgeladen werden (ok, dann vielleicht nicht weil zu spät), macht andere auf den Surfer aufmerksam. Auf die Schulter tippen hilft meist und geht auch ganz schnell. Idealerweise nicht die kleinsten, sondern Leute die so groß oder größer sind als ihr. Arme nach oben. Die Idee ist, den Surfer von unten anzuheben und dann nach vorne weiterzureichen. Was überhaupt nicht hilft ist wenn man den Surfer von der Seite stützt (weil man nicht weiß, ob jemand auf der anderen Seite das auch tut) oder ihn nach vorne wirft (weil ihn dann die Leute vor einen auffangen müssen, was richtig auf die Schultern geht).

Und dann noch ein kleiner Tipp am Rande: Wenn ihr das Konzert genießen wollt, und jemand vor, neben oder direkt hinter euch einfach nur nervt, tauscht einen kurzen Blick mit dem nächst-kräftigen Kerl aus, schnappt die Nervensäge an den Beinen und hebt ihr auf die Leute vor euch, damit sie ihn wegtragen. Und schon habt ihr wieder eure Ruhe.

Alabama Black Snakes

Es sind meist die großen Acts und Headliner, die auf den Festivals die bei der Berichterstattung die meiste Aufmerksamkeit bekommen. An dieser Stelle möchte ich auch mal über eine Band berichten, die “morgens” um 12Uhr auf einer der kleinen Stages gespielt hat. Und dann noch als Rockabilly-Band auf einem Metal-Festival. Die Alabama-Black Snakes aus Dänemark sind eine muntere Rock n Roll Combo, die neben E-Gitarre und E-Bass auch den typischen Bigsbi-Sound einer Halbakustik Gitarre und eine Mundharmonika erklingen lassen, während sie über Liebe, Herzschmerz, Liebe, Herzschmerz, Liebe, Liebe und Herzschmerz singen.  Vor der Bühne schwingen zahlreiche Besucher in Metal-Kutte oder Mittelalter-Outfit in guter alter Rock n Roll Manier die Hüfte. Eine gelungene Abwechslung nach zwei tagen Headbangen um den Nacken zu entlasten und den Rücken zu lockern. und mit guter Laune in den Tag zu starten.

Subway to Sally

“Ich bin dein Messias, vielleicht sogar dein Gott …” Mit diesen Zeilen startet Subway to Sally ihr Set. Folk mit Metal-Einflüssen oder metal mit Folk-Einflüssen – irgendwo dazwischen liegt das was Subway to Sally seit fast 30 Jahren von Bühne zu Bühne trägt. Neben Gitarre, bass und Schlagzeug gibt es noch eine Drehleier, eine Violine, und je nach Song weitere exotische Instrumente wie Tin Whistle oder Bagpipes. Alle Texte, zumindest alle die heute in Wacken gesungen werden, sind auf Deutsch, viele doppeldeutig oder voller Metaphern, manche aber auch offene Kritik an der modernen Gesellschaft und seinen verwöhnten, ziellosen Bewohnern.

Wenige Bands schaffen es, um 13Uhr das Infield so voll zu kriegen wie Subway to Sally, mit einer Menge, die alle Texte kennt und mitsingt, mitklatscht, mitfeiert und am Ende des Auftritts immer noch mehr will.

Kvelertak

“Ku – wer?” höre ich öfters wenn ich über Kvelertak erzähle, der Norwegischen Band die irgendwo zwischen Heavy Metal und Punk zu verorten ist. Der ehemalige Frontmann Erlend Hjelvik neigte dazu, mit einer Eulen-Maske auf dem Gesicht oder direkt mit einer großen Eule auf dem Kopf (also einer Art Eulen-Helm) auf die Bühne zu kommen. Der neue Sänger Ivar, noch nicht mal ein Jahr im Dienst, hat nur ein Bandana um und grölt direkt den ersten Song ins Mic, dessen Namen ich weder aussprechen noch richtig schreiben kann (irgendwas mit einem kleinen Kreis an der Spitze des großen “A”.

Aber dass die Songs auf Norwegisch sind und vermutlich vom fast keinem im Publikum verstanden werden ist bei einer Band wie Kvelertak egal. Es geht um die Energie, die die Band erzeugt, die ihre Musik ausstrahlt, und die die Menge ansteckt. Zu Recht waren die Jungs Vorband von Metallica und Mastodon. Und spätestens als Ivar von der Bühne runter und in die Menge springt um sich auf Händen tragen zu lassen – mit einem verkabelten Mikrofon in der Hand in das er weiter singt, während die Ordner panisch versuchen genug Kabel nachzuschieben – ist die Menge begeistert und der Gig ein voller Erfolg.

Prophets of Rage

Es hat viele Vorteile, als Berichterstatter auf einem Festival wie Wacken zu sein. Man kommt auch ins Infield wenn es eigentlich überfüllt ist, man darf in den Graben vor die Bühne um Fotos zu machen und ist somit näher an den Künstlern als alle anderen, man darf auch mal durch Notausgänge abkürzen und im Presse-Bereich gibt es ein großes Zelt dass vor Regen schützt, Storm für das Handy und kostenloses WLAN. Und doch gibt es diesen Moment, in denen man am liebsten die (gar nicht so billige und recht schwere) DSL Kamera wegwerfen möchte, um in die Menge zu springen und teil der feiernden Masse zu werden.

Wenn Ex-Rage-Against-the-Machine-Gitarrist Tom Morello, der ehemalige Gitarrist von Rage Against the Machine, seine Finger über die Gitarrensaiten tanzen lässt, und B-Real (Cypress Hill) und Chuck-D (Public Enemy) Songs wie “Jump around”, “Fight the Power” und “Killing in the name of” performen, ist genauso ein Moment. Aber nicht nur die Cover, auch die eigenen Songs von den “Prophets of Rage” reißen einen mit. Allen voran Hits wie “Unfuck the World” oder “Made with hate”, wo in guter alter Crossover-Manier mit innovativen, aber auch sehr aggressiven Gitarren-Klängen, dumpfen Turntable-Beats und messerscharfen Vocals die Gesellschaft aufs gröbste Kritisiert wird zeigen dass Hip-Hop und Metal nach wie vor eine gute Mischung sein können, wenn die Chemie zwischen den einzelnen Band-Mitgliedern stimmt.

Avatar

Avatar gehört zu den Bands, die man nicht einem bestimmten Metal-Genre zuordnen kann. Außer vielleicht “Crazy Metal”. Immerhin ruft Avatar in ihrem letzten Album “Avatar Country” ihren eigenen Staat aus. Musikalisch bleibt es abwechslungsreich: Einige Songs sind Thrashig, andere Melodisch, wieder andere sind richtige Böser Death Metal. Und irgendwo dazwischen gibt es starken Rock n Roll Einfluss, mit einer kleinen Prise Country.

Auch der Auftritt mit den Kostümierten Bandmitgliedern und dem stark geschminkten Frontmann Johannes Eckerström der so schaurig schön Screamen kann wie Cradle of Filth und bei seinen Ansagen charismatisch daherkommt wie Heath Ledgers “Joker” aus The dark Knight” hat eine ganz eigene Verrücktheit inne, die bei stampfenden Bass-Drums und Riffs von den im Takt wirbelnden Haarprachten aller Bandmitglieder noch unterstrichen wird. Avatar ist finster, aber nicht auf die tiefschwarze Weise wie die meisten Death- oder Black-Metalbands, sondern auf seine helle bunte Weise wie es sie lange nicht mehr im Metal gab.

Parkway Drive

Direkt vor dem Auftritt von Parkway Drive gibt es eine angekündigte “Überraschung” der Wacken-Veranstalter: Trivium Frontmann Matt Heafy spielt auf einer Funken-sprühenden Gitarre ein langes Solo während die ersten bekannten Bands für das Wacken Open Air 2020 angekündigt werden, u.a. Amon Amarth und Judas Priest. Dann steigen zwischen Flammenstößen mehrere aztekisch gekleidete Männer auf die Bühne, die allesamt ein wenig an das Iron Maiden Maskottchen “Eddy” erinnern. Ein Hinweis darauf, dass es beim nächsten Wacken Open Air ein Motto geben wird: Die Kultur der Mayas und Azteken. Wie das ganze aussehen soll, bleibt der Phantasie überlassen: Lateinamerikanische Deko auf einem norddeutschen Metal-Acker, wo die Wikinger-Metal-Band Amon Amarth spielt. Man darf gespannt sein.

Dann wird es still, und dunkel. Fackeln werden entzündet, und ein Fackelzug schlängelt sich durch die Crowd, steigt über den Wellenbrecher und klettert auf die Bühne. So eröffnet Parkway Drive das Headliner-Set am dritten und letzten Wacken-Abend. Und mit Wishing Wells, den ersten Song vom neusten Album “Reverence”. Einen Wütend-Traurigem Metalcore-Lied in dem die Welt die die Götter angeklagt und bedroht werden. Ein melodisch langsam beginnenden Lied, das zum Refrain in brutale Rifft und Rhythmen beschleunigt, zu denen Frontmann Winston McCall den Text leicht growlend shoutet. Ebenso stark ist der zweite Song “Prey”, wo es ebenfalls darum geht, wie Trauer sich in hilflose Wut verwandelt.

Nach dieser Eröffnung begrüßt Winston erstmal fröhlich die Menge, holt Bassisten Jia auf die Bühne, der sich das Bein gebrochen hat und im Rollstuhl sitzt, aber trotzdem Bass spielt. Und Jias Mum wird vorgestellt, die sich während der Tour um ihren Jungen kümmert. “Sie war noch nie Crowdsurfen” erklärt Winston, und bittet die Wacken-Besucher Jias Mum nach hinten durchzulassen und sie dann sicher auf ihren Händen nach vorne zu tragen. Danach geht es mit Musik weiter. Metal-Core-Melodien mit Hardcore-Vocals, so kann man Parkway Drive am besten beschreiben. Die Songs sind schnell, kraftvoll, die Texte sprechen vielen aus dem Herzen, aus den dunklen Ecken und den schwierigen Zeiten.

Für “Wirtings on the Wall” und “Shadow Boxing” kommt ein Cello-Quartett dazu – wie in den Studioaufnahmen, das Tempo sinkt ein wenig, aber die Texte bleiben düster. Danach wird das Tempo wieder angehoben, und zu “Crushed” und “Bottom Feeder” können sich die Besucher noch mal so richtig austoben bevor der 30-jährige Geburtstag des Wacken open Airs zu Ende geht.

Wacken Open Air 2020: Tickets + Infos

Wacken 2020 Tickets

Kvelertak in Rostock: Volle Metal-Ekstase unter der Woche

Auf dem Weg zum Konzert konnte sich tatsächlich keiner von uns klar erinnern, ob Sänger Erlend Hjelvik während unseres letzten Kvelertak-Frontpit-Vollkontakt-Desasters beim Opener eine ausgestopfte Monstereule auf dem Kopf hatte oder nicht. Was soll’s, das war 2016 beim Roskilde Festival und das waren für uns ein paar Jägerbombs zu viel.

Also dann, neuer Versuch. Der M.A.U. Club in Rostock war für einen tristen Mittwochabend erstaunlich gut gefüllt. Nicht vollgepackt, aber immer ein Kuttenträger oder sonstiger Hardcore-Berserka in Schubsweite. Und erstaunlich viele Kvelertak-Bandshirts in der Crowd. Ob das Metallica-Support-Credit oder einfach nur entspanntes Verlangen nach der Abrissbirne war, konnte uns egal sein. Wir freuten uns erstmal über SIBIIR, die von Kvelertak als Support direkt aus Oslo mit eingeschifft wurden. Zu einer abgründigen Mischung aus Black Metal und Hardcore wurde schon mal munter geheadbangt. Für die sympathische und schön sinnlose Anmoderation für „Beat Them To Death“ verballerte Sänger Jimmy Nymoen seinen kompletten deutschen Wortschatz. Respekt! Versuch das mal auf Norwegisch. Im Stadthafen vor dem M.A.U. fing der Schneesturm an und uns wurde drinnen langsam warm.

Mittlerweile wurde das Publikum noch durch einen Schub metäugiger Skandinavier von der Abendfähre verstärkt, die ihre Keulen und Äxte netterweise vorher an der Garderobe abgeben hatten. 21:00 Uhr. Begrüßung? Nix – Nada – Njet. Gitarrist Vidar Land startete direkt mit dem Psychoriff von „Åpenbaring“ des gefeierten Albums „Meir“. Es stiegen die beiden nächsten Gitarren ein und dann Bass und Drums. Und dann war ja schon klar was passiert. Erlend erschien auf der Bühne, mit der Monstereule auf dem Kopf. Die Crowd drehte komplett frei.

Für sechs hyperagile Bühnenpunks war die Stage eigentlich eine Nummer zu klein. Aber die Jungs nutzten einfach jeden Zentimeter und wenn es dann doch mal auf der Bühne zu eng war, wurde direkt der Zaun der Front Pit übersprungen. Kompliment übrigens an den Mixermann – das 3er Gitarrenset war sauber abgemischt und entwickelte ohne Ende Schub. Erlend erkundigte sich oft nach dem Befinden des Publikums, offensichtlich nur um zu versuchen mit dem nächsten Titel den ganzen Laden komplett aufzumischen. Der tobende Mob bekam dann auch prompt ein Kompliment vom Gitarristen und Sänger Maciek Ofstad: „Leute, es ist doch nur Mittwoch. Was treibt ihr eigentlich am Wochenende?“

Es gab natürlich auch einen Versuch für eine Wall of Death. Allerdings standen sich die beiden getrennten Crowds nur Sekunden gegenüber. Bevor der Run Riff kam, moshte der ganze Laden schon wieder herum. So muss das. Und allen war klar, das Finale kommt erst noch: „Blodtørst“. Füße in der Luft, Kopf am Knie, Crowdsurfer fangen sich halbvolle Flugbiere, die Wikinger holen sich die Äxte aus der Garderobe. Einfach nur komplette Extase. Leute liegen am Boden und bekommen sofort einen Lift aufmerksamer Nachbarn. Take care of each other!

Nach 90 Minuten sind eigentlich alle platt und keiner glaubt an eine Zugabe. Aber Kvelertak legen tatsächlich noch drei Titel oben drauf. Unglaublich. Wir fahren grinsend nach Hause und schreien die blutroten Ampeln an „Blod! Blod! Blod! Blodtørst!“. Und bei grün warten wir auf rot: „Blod! Blod! Blod! Blodtørst!“

Danke an: Frank Schneider (Text).

Kvelertak Tour 2018: Norwegens Metal-Export im Frühjahr in Deutschland

Die Band aus Stavanger muss keinem mehr beweisen, dass man es mit norwegischen Texten in einem Stilbastard aus Metal, Punk, Hardcore und Rock’n’Roll auf die ganz großen Bühnen bringen kann – so unwahrscheinlich das auch im ersten Moment klingen mag. Spätestens seit Metallica sie für ihre Europatourdaten 2018 als Vorband pickten, dürfte klar sein, in welcher Liga Kvelertak spielen.

Daran sind vor allem ihre Konzerte schuld, bei denen Kracher wie „Bronsegud“, „Fossegrim“, „Berserkr“ und „Heksebrann“ noch aggressiver klingen, als sie es auf Kvelertaks bisher veröffentlichten drei Alben tun. Aber auch ihr Freude daran, artverwandte Genre zu vermischen und deren Aggressionspotential herauszudestillieren, fasziniert Fans aus allen Lagern. Zwischen ihren Metallica-Verpflichtungen nehmen sich Kvelertak im Frühjahr erfreulicherweise noch Zeit für ein paar schweißtreibende Clubshows.

Kvelertak (Kuh-vell-er-tack) is a band from Norway that plays rock music

So steht es zumindest auf der offiziellen Website der norwegischen Metal-Band, die seit November durch Europa reiste und am Sonntag Abend ihre „Nattesferd“-Tour 2016 in der Markthalle in Hamburg beendet hat. „Nattesferd“ ist das neue Album von Kvelertak und bedeutet auf deutsch “Nachtreise”, was ja gleichzeitig auch ein passender Titel für eine Winter-Tournee ist. Und überhaupt bemüht man sehr oft den norwegisch-deutsch-Übersetzer, wenn man sich mit der Band auseinandersetzt, die alle ihre Songs auf Norwegisch singt.

Doch bevor Kvelertak am auf die Bühne kamen, heizten Skeletonwitch die Markthalle ein. Und jeder der schon mal in der Markthalle war, weiß, dass „aufheizen“ wörtlich zu nehmen war. Denn wie jedes Mal verwandelte sich der Saal mit einer Kapazität von knapp 1.000 Zuschauern in eine kleine Sauna, sobald er sich zum Konzertauftakt gefüllt hatte. Die Trash-Metalband aus Athen (Ohio/USA, nicht Griechenland) gab sofort Vollgas, spielte fünf Stücke ohne Pause bevor ein kurzes „Danke“ ans Publikum gerichtet wurde und machte danach nur noch zwei kurze Unterbrechungen wo sie der Crew und den Fans dankten. So stopften sie ingesamt 12 Songs in ihren 50-minütigen Auftritt. Leider war der Gesang, oder besser gesagt die Mischung aus Black-Metal-Kreischen und tiefem Growling von Frontmann Chance Garnett, zu leise abgemischt. Oder die Doublekick von Schlagzeuger Derrick Nau zu laut, so dass die anderen Instrumente soweit aufgedreht werden mussten, dass der Gesang dagegen verlor. Schade, denn das Publikum und vor allem Chance Garett selbst, hätte für seinen energiegeladenen Auftritt einen besseren Sound verdient.

Bildergalerie: So war SKELETONWITCH live

Nach einer kurzen Umbau-Pause war dann endlich Zeit für Kvelartak. Der Auftakt war mystisch, zu „Dendrofil For Yggdrasil“ (frei übersetzt: Baumfetisch für den Weltenbaum) kam Frontmann Erlend Hjelvik mit einer leuchtenden Eulen-Maske auf die schwarzlicht-geflutete Bühne und eröffnete den Auftritt mit ruhigen Bewegungen, starken Posen und laut geschrienem Gesang zu schnellen Gitarren-Riffs. Kaum war die Maske nach dem ersten Song abgesetzt, war es vorbei mit der Mystik.

Bildergalerie: So war KVELERTAK live

Wirbelnde und in die Luft geworfene Gitarren, Bandmitglieder die immer wieder gerne auf die Lautsprecherboxen kletterten, synchrone Air-Kicks von der ganzen Besetzung und nicht zuletzt ein stagedivender und crowdsurfender Gitarrist erinnerten von der Bühnenshow eher an australische Hardrocker à la Angus Young (AC/DC) oder Joel O’Keefe (Airbourne) als an nordische Blackmetal-Bands mit mystischen Artworks auf ihren Alben-Covers. Die Band hatte offenbar viel Spass auf der Bühne, und das Publikum ließ sich davon anstecken und mitreißen. Es wurde gemoshed, gebanged, mitgegröhlt, und zahlreiche Crowdsurfer sorgten dafür, dass die Security sich nicht langweilte. Zum großen Finale kamen auch die Jungs von Skeletonwitch auf die Bühne um Kvelartak bei „Utrydd dei svake“ (keine Ahnung was das heißt) zu unterstützen, so dass sich die Bandmitglieder mit einer Bierdusche über dem Publikum und sich selbst gebührend verabschieden konnten.

Das neue Album von Kvelertak erhaltet ihr bei Amazon:
Audio-CD „Nattesferd, Vinyl-LP „Nattesferd“ oder MP3-Download „Nattesferd“

Norwegens Metal-Exportschlager »Kvelertak« auf Tour

Anfang Juli 2016 zogen Kvelertak beim Roskilde Festival in Dänemark eine ganz große Show ab und zeigten den anwesenden Metal-Fans, wie hoch in Norwegen der Pegel in Sachen schnell & hart & laut steht. Auf der Bühne ist die sechsköpfige Band eine wilde, chaotische und reichlich raue Truppe, die sich jedoch auf der inzwischen dritten, neuen Studioplatte „Nattesferd“ auch mal etwas melodischer gibt. Die royale Lieblingsband – der norwegische Kronprinz Haakon wurde mit seiner Gattin Mette-Marit gelegentlich auf Konzerten gesehen – schaltet aber live trotzdem keinen Gang zurück und bleibt bei ihrem Vollgas-Black-Metal-meets-Rock’n’Roll-Punkrock, um das Genre mal angemessen zu erweitern. Und wenn es jemals so etwas wie einen roten Faden gab, der sich bisher durch das Gesamtschaffen der skandinavischen Mix-Metaller zog, dann ist es definitiv die künstlerische Unberechenbarkeit, mit der die stilistisch experimentierfreudigen Jungs aus Stavanger seit der Gründung im Jahre 2007 kompromisslos operiert. Mit „Nattesferd“ veröffentlicht das Sextett nun eine Sammlung der bisher explosivsten Metal-Granaten auf feinstem, reinstem Norwegisch. Der Titel der Platte – auf Deutsch „nächtliche Reise“ – fasst die Songs gut zusammen. Die ganze Platte ist eine Art Reise, die von sehr dunklen Texten geprägt ist. Alles greift sehr gut ineinander. Sie ist eine persönliche Einladung zur Realitätsflucht. Und die Reise geht diesen Herbst weiter: Kvelertak haben bestätigt, dass sie ab November 2016 auf ausgedehnte Deutschlandtour gehen werden.

Das neue Album von Kvelertak erhaltet ihr bei Amazon:
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So war der Donnerstag beim Roskilde Festival 2016

Der Tag beginnt früh mit den ersten Konzerten am Mittag. Der ganze Müll von der Nacht vorher ist auf magische Weise verschwunden bzw. hat sich in den Pfützen in gut riechenden Rindenmulch verwandelt. Es ist absolut rätselhaft wann das eigentlich noch passiert. Die letzten Shows laufen ja bis ca. 4.00 Uhr. Allerdings ist auch typisch für Roskilde, dass die Frontpits vor der Orange Stage und der Arena nach jedem Konzert komplett geräumt und gereinigt werden. Insofern sammeln sich kaum Müllberge.

Auf dem Weg zum Pavilion treffen wir eine 25-jährige Frau namens Emma. Sie erzählt uns, dass sie in bereits 24-mal auf dem Roskilde Festival war! Das dürfte in ihrem Alter ein absoluter Rekord sein. Sie erklärt es uns: Ihre Eltern sind jedes Jahr für Jahr als Techniker beim Festival und so kam es sogar fast zu einer On-Stage-Geburt. Seither war sie in jedem Jahr dabei, zunächst im Kinderwagen und so weiter. Einen Sommer ohne Roskilde Festival kann sich Emma gar nicht vorstellen. Verständlich!

Roskilde Rekord-Besucherin EMMA

Roskilde Festival 2016

Im Pavilion starten wir mit der US-Sängerin/Songwriterin Elle King und sind durchweg begeistert. Ihre musikalische Mischung aus Country, Soul und Blues hat sie in ihrem Set mit schönen Cover-Interpretationen ergänzt. Sie versprüht gute Laune pur und schenkt uns einen schönen Einstieg in den neuen Festivaltag.

Roskilde Festival 2016: ELLE KING

Roskilde Festival 2016 / Elle King

Kurze Zeit darauf bei den Blues Pills gingen die Meinungen dann doch weiter auseinander. Erdiger Bluesrock mit Psychedelic und 70th Attitüde ist nicht jedermanns Sache. Unsere dafür schon. Die Blues Pills touren übrigens mit der Berliner Band Kadavar im Oktober durch Deutschland. Unser Tipp: Absolut Empfehlenswert! Kakkmaddafakka aus Norwegen gingen im kleinen Pavilion extrem gut in die Hüften. Noch nicht ganz bereit für zu schwere Kost nochmal kurz bei Santigold in die Arena reinschauen. Die US-Amerikanerin mixt gekonnt Elemente aus Reaggae und Dancehall mit Hip-Hop und Dub. Aus kurz wurde dann aber doch nichts. Eine begeisternde Show mit Publikumsgruppen auf der Bühne (der Horror für die Crowd Safety) und Dynamik bis zum Ende hielten alle bis zum letzten Beat in der Arena.

Bildergalerie: BLUES PILLS

Nun ist es aber schon fast 16.00 Uhr und nach dem ganzen Gezappel wollen wir endlich einfach nur zu psychedelischen Riffs nicken. In der Frontpit lernen wir zwei sehr nette Isländer kennen. Sie sind das erste Mal beim Roskilde Festival und wir bieten ihnen unsere Plätze direkt am Zaun an (sie sind so unglaublich klein…). Und weil es so ja gerade gut passt, wünschen der isländischen Nationalmannschaft den Sieg über Frankreich. Hat nichts genützt, wie wir nun wissen.

Tatsächlich haben wir dann bei Uncle Acid & The Deathbeats aus Cambridge den Mund nicht mehr zu bekommen. Eine kalte und klar hinterleuchtete, extrem reduzierte Show. Dunkle, endzeitige Riffs zu durchdringendem Gesang. Damit hätte unser Tag auch schön im Camp enden können. Aber wir hatten doch noch Kraft für PJ Harvey und Kvelertak. Zwei komplett unterschiedliche Acts. PJ Harvey überzeugte die volle Arena mit einer perfekt arrangierten und choreographierten Vorstellung. Unwirkliche Sound- und Lichteffekte zu mittelalterlichen Gesangs-Strukturen mit Bläsern und viel Perkussion – reine Faszination.

Roskilde Festival 2016: PJ HARVEY

Roskilde Festival 2016 / PJ Harvey

 Roskilde Festival 2016: UNCLE ACID

Roskilde Festival 2016 / Uncle Acid

Und dann Kvelertak (Würgegriff) aus Stavanger. Direkt in die Fresse. Eine Stunde durchschreien. Die Volunteers überschlagen sich damit, Wasserbecher in die Frontpit zu reichen. Total aufmerksam. Ein Blick und der Becher kommt. Wird weitergereicht und alle moshen rum. Und die Security wirkt nun auch sehr konzentriert vor der rockenden Crowd. Und weil es so schön gescheppert hat, kann man auf dem Rückweg noch mal bei den Londoner Postpunk Mädels von Savages in das Avalon abbiegen. Etwas unterkühlt die Truppe, aber absolut stylisch. Besonders die Bassistin begeistert durch minimalistische und hochfrequente Tanzeinlagen.

Bildergalerie: KVELERTAK und SAVAGES

Auf dem Rückweg in das Camp kommen wir Richtung Entrance East an einer endlosen Reihe von liebevoll geschraubten Soundsystemen vorbei. Wir fragen uns, wie viele LKW-Batterien diese coolen Jungs eigentlich am Start haben haben müssen. Tanzendes Partyvolk in der kurzen Dunkelheit. Ein unglaubliches Bassgewummer begleitet uns bis in unser Zelt. Im Norden wird es schon hell oder war noch gar nicht dunkel. Egal.

Roskilde Festival 2016

Hier geht es zu den Berichten:
Donnerstag und Freitag beim Roskilde Festival 2016