Das Open Flair 2026 am Samstag und Sonntag
Das Wochenende startete für mich an der Freibühne mit Valy And The Vodkas: dreckiger Garage-Rock aus Sachsen. Die Show war energiegeladen und hat überzeugt. Eine Band, die man sich definitiv wieder ansehen kann. Alles andere als dreckig ging es dann auf der Hauptbühne weiter, wo Bibiza aus Wien mit einer gewissen Leichtigkeit und dem Wiener Schmäh lockere Hip Hop-Beats gepaart mit Indie-Pop über das Gelände erklingen und die Fans tanzen ließ. Mitsing-Charakter hatte auf jeden Fall dann auch die Coverversion von “Narcotic” (Liquido).
Ein anschließender kurzer Sprint zur Seebühne hat sich dann definitiv gelohnt. Dort spielten Bad Cop/Bad Cop aus dem Süden Kaliforniens. Auch hier zeigte sich wieder geballte Frauenpower auf der Bühne. Eine tolle Tendenz, die allgemein dieses Jahr stark auf dem Open Flair zu verzeichnen war. Die Band gibt es seit über 15 Jahren, hat in dieser Zeit vier Alben veröffentlicht und klingt eigentlich genau so, wie man es bei einer Band aus Kalifornien erwartet: nach gutem, handgemachtem Punkrock. Die Show hat sehr überzeugt und sorgte für gute Stimmung im Publikum.
Zurück am Werdchen spielte als nächstes Frank Turner & The Sleeping Souls, der König des Folk-Punk. Mit seinem zehnten Studioalbum “Undefeated” beweist der Brite einmal mehr seine Ausnahmestellung als Songwriter. Frank Turner zählt zu den treuesten Weggefährten des Open Flair. Und so überraschte es wenig, dass sich unzählige Fans vor der Bühne einfanden und ein gutes Konzert genossen. Und wer einen Blick aufs LineUp hatte, wusste, dass die Donots etwas später auch auf der Radio BOB-Bühne spielen sollten. Und so konnte man 1 und 1 zusammenrechnen, dass sich Ingo Donot zum Lied “Do One” zum Duett mit Frank Turner auf der Bühne einfand.
Kurz zur Freibühne gedreht, ging es dort weiter mit Karen Dió aus Brasilien. Die Sängerin sorgte für gute Stimmung mit ihrem Skate-Punk.
Tja, und dann gibt es Bands, die spielen auf dem Open Flair – und es gibt die Donots, die beim Flair schlichtweg zu Hause sind. Die Ibbenbürener Punkrock-Legenden haben in den letzten zwei Jahrzehnten während ihrer insgesamt 10 Auftritte wohl jeden Grashalm am Werdchen persönlich begrüßt und legendäre Shows abgeliefert. Die Donots starteten direkt mit voller Energie, darunter mit ihren Hits “Calling” und “Whatever Happened To The 80s”. Im Laufe der Show spielte Ingo dann mit einem Fan im Publikum Tischtennis auf einer winzigen Platte: erst im Moshpit und als ob das noch nicht genug wäre, ließen sich beide hochheben von den Fans herum inklusive der Tischtennisplatte und so lieferten sie sich ein kurzes und nicht ganz ernst gemeintes Match über den Köpfen des Publikums. Und dass ihre Konzerte als Pflichttermin für Herz, Seele und Moshpit angesehen werden können, bewiesen sie auch dieses Jahr: 2018 machten sie – auf Wunsch eines Fans – einen Aufruf, sich bei der DKMS registrieren zu lassen. Und genau dieser Fan (Sören) war am vergangenen Wochenende auch beim Open Flair, schrieb das den Donots und sie holten ihn – mittlerweile geheilt dank einer Knochenmarkspende – prompt auf die Bühne. Unfassbar menschlich und nahbar. Ein emotionaler Moment auf beiden Seiten.
Zweiter Headliner – neben den Donots – waren an diesem Abend Feine Sahne Fischfilet, Mecklenburgs lauteste Stimme gegen Rechts. Auch sie haben schon ein paar Mal auf dem Open Flair gespielt. Sänger Monchi, der am Nachmittag noch aus seinem Buch “Jenseits der Brandmauer” gelesen hat im Rahmen des Festivals, sorgte mit seiner Band für viele Bierduschen, Moshpits und Crowdsurfer – eine riesige, tobende Masse. Und da es nicht reicht, die Leute vor der Bühne tanzen zu sehen, forderte Monchi die Security im Graben auf, beim letzten Lied alle Fans auf die Bühne zu lassen. Was für ein Abend.
Was folgte, war eine Neuheit beim Open Flair: der erste Headliner für nächstes Jahr wurde verkündet, noch während das aktuelle Festival läuft. Und wer in den letzten Tagen aufmerksam Plakate und Zäune am Gelände begutachtet hat, wusste es schon längst. Niemand geringeres als die Ärzte (aus Berlin!) werden nächstes Jahr hier in Eschwege das Publikum begeistern.
Etwas überraschend kam für mich vor ein paar Monaten die Ankündigung des letzten Acts des Samstag: die Babyshambles. Indie-Pop trifft bei diesem Stück Rockgeschichte auf Garage-Rock. Das Gefühl, dass die Band nicht ganz so gut aufeinander eingespielt ist, ließ mich irgendwie während der Show nicht wirklich los, auch wenn es dennoch ein solider Auftritt war. Direkt zweites Lied war dann auch ihr großer Erfolgshit “The Delivery”.
SONNTAG
Nicht nur die Sonne sorgte am Sonntag für ausreichend Sommer-Vibes mit sehr sehr hohen Temperaturen, nein, auch der Ska-Punk von Less Than Jake sorgte für gute sommerliche Stimmung. Die Band aus Florida ist seit über 30 Jahren unterwegs und verwandelte, mit der aktuellen EP “Uncharted” im Gepäck, das Festivalgelände in eine Tanzfläche. Still Talk, die nächste Band des Tages, stehen für Pop-Punk & Emo-Revival aus Köln: Mit ihrem Debütalbum “St. Kilda” hat sich die Band um Sängerin Tanja Prill blitzartig an die Spitze der heimischen Alternative-Szene katapultiert. Und so brachten sie mit ihrer Musik frischen Wind aufs Open Flair.
Mit Hot Water Music spielte eine Institution des Punkrock auf der Hauptbühne. Vor gut 30 Jahren gegründet, konnten sie mit ihrem Jubiläumsalbum “VOWS” erneut unter Beweis stellen, dass ihre Musik unvergänglich ist. Und den Beweis erbrachten sie nun auch wieder einmal beim Open Flair. Eine starke Show, energiegeladen, mit harten Riffs und einer Reibeisenstimme von Sänger Chuck Ragan. Das ging unter die Haut.
Im Anschluss spielten Buster Shuffle aus London auf der Freibühne. Jet Baker und seine Jungs verbinden schwungvollen Ska mit Piano-Pop und britischem Humor. Wer in den vergangenen Jahren bei Buster Shuffle vor der Bühne stand, weiß: Tanzen ist Pflicht! Und diesem Aufruf folgten die Fans. Gut eine Stunde begeisterten sie das Publikum.
Vom Geheimtipp auf den kleinen Bühnen des Open Flair direkt auf die großen internationalen Festivals: Die Giant Rooks haben in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Mit ihrem mitreißenden Indie-Pop und internationalen Welthits kehren sie als gestandener Top-Act zurück nach Eschwege. Und sie überzeugten auch dieses Jahr wieder und zogen sehr viele Fans vor die Radio BOB-Bühne. Bei “White Stairs” kommt Frontmann Frederik Rabe ins Publikum. Zum Abschluss der Show gab’s dann noch Konfettiregen.
Weiter auf der Hauptbühne ging es dann mit dem großartigen Aki Bosse. Für das erste Lied war die Bühne noch durch einen Banner verdeckt und er stimmte gemeinsam mit einem Chor aus 30 Fans seinen aktuellen Hit “Lass dich nicht f*cken” an, kinderfreundlich umgetextet in “Lass dich nicht zwicken”. Danach fiel der Vorhang und Aki sprang und tanzte als personifizierte Lebensfreude über die Bühne und brachte einen Hit nach dem anderen. Er ist mittlerweile Dauergast auf dem Open Flair. Und das ist gut so. Bei “Ein Traum” tauchte er auf einmal mitten im Publikum auf einer Leiter auf und sang gemeinsam mit seinen Fans. Letzter Song war passenderweise “der letzte Tanz”.
Der letzte Headliner des diesjährigen Open Flair waren Biffy Clyro aus Schottland. Die Band ist bekannt für ihre extrem starken Live-Performances. Und ja, das ist wohl auch Grund, warum sie nicht zum ersten Mal so einen präsenten Timeslot in Eschwege haben, denn auch dieses Jahr machten sie ihrem Ruf alle Ehre. Gänsehaut traf auf Gitarrenriffs, gekonnt eingesetzte Lichteffekte unterstützten die Show.
Es war wieder ein wundervolles Open Flair bei traumhaftem Wetter, mit großartigen Bands und einem feierfreudigen Publikum. Nicht zu vergessen meine Open Flair-Familie: ohne die richtigen Leute drumherum wäre es sicher nur halb so schön. Danke!
Nächstes Jahr wird spannend. Aktuell sind bereits 70% (!) der Tickets verkauft.