Wacken Open Air 2023: Samstag – Ein letzter “Festival Moment”


Mittwoch beim Wacken Open Air 2023
Das Wacken Open Air startet am Mittwoch, den 2. August 2023 mit schlechten Wetterbedingungen. (Bild: stagr / Mark Carstens)

Wacken Tag 4. Die Sonne hat ganze Arbeit geleistet, das Gelände ist gut getrocknet worden. Statt Gummistiefel tragen viele Besucher nur noch Turnschuhe und flitzen über den Acker. Nachts hat es noch mal geregnet, aber der Vormittag war sonnig und es gibt nur noch einige kleine Pfützen und ein paar matschige Flecken, wo Metalheads ihre Finger in den Dreck stecken und ich Punkte und Streifen auf’s Gesicht malen. Hier und da hört man ironische Stimmen die meinen “Es könnte mal wieder regnen.” während man Sonnencreme auf die Arme verteilt und ein wenig Staub vom Wind aufgewirbelt wird.

Ich erlebe das, was mein diesjähriger Modder-Buddy als “Festival Moment” bezeichnet. Ok, er nennt es “Konzert Moment”, aber ich bin gerade auf einem Festival. Der “Festival” Moment ist ein Lied lang, d.h. je nachdem ob gerade Green Day oder Dream Theater auf der Bühne steht dauert er zwischen 2 und 20 Minuten. Es ist dieser Moment, wo man in den Song, in den Moment eintaucht und alles andere vergisst. man denkt nicht an den Job, oder die Unordnung die einen zuhause erwartet, das Paket das man noch abholen muss oder dass man seine Karre (und seine Stiefel) mit nem Hochdruckreiniger reinigen muss wenn man wieder zurück ist. Man ist im Hier und Jetzt, vielleicht mit nem Bier in der Hand und wenn man Raucher ist mit ner Zigarette in der anderen. Mein “Festival Moment” ist heute bei Killswitch Engage, als sie “This Fire Burns” spielen. Ich hab meine Kamera gerade weggepackt, stehe in der Menge, sehe Killswitch Engage auf der Bühne und gröle den Refrain laut und schief mit. Dies sind die Momente, warum wir Festivals so lieben, und jedes Jahr wieder kommen. See you in Wacken. Rain or Shine.

BIOHAZARD

Mein diesjähriges Biohazard-Erlebnis war leider sehr kurz, da ich nach dem ersten Song direkt los musste, um von der etwas abgelegenen “Louder”-Stage zur “Faster”-Stage im Infield zu laufen und Fotos von Jinjer zu machen. Die Bürden eines Festivalfotografs. Dennoch, selbst für den einen Song “Urban Discipline” hat sich das Hin-und-Her-Flitzen auf jeden Fall gelohnt. Biohazard, das ist so richtig harter Metalcore wie es sich gehört. Wenn Sänger/Bassist Evan Seinfeld seinen nackten, voll tätowierten Oberkörper in die Sonne hält und Blondschopf Billy Graziadei (Gesang/Gitarre) seine Luftsprünge auf und vor der der Bühne macht wird alles an seine Belastungsgrenze geführt: Die Felle der Drums auf die Danny Schuler gnadenlos eindrischt, die Gitarre und Bass-Saiten an denen geschrammelt und gezerrt wird, und die Stimmbänder von Billy und Evan die wiederum die Mics an den Pegel-Anschlag bringen. Anders als an vorherigen Tagen scheint selbst der Mischer auf einem Core-Trip zu sein und hat den Lautstärke-Regler noch ein bisschen weiter aufgedreht, so dass die Anlage wirklich alles gibt. Und als ich mich auf den Weg zu Jinjer mache und höre wie “What makes us Tick” angespielt wird, möchte ich am liebsten bis zum Ende des Sets bleiben.

Jinjer

Jinjer ist die Metal-Band aus der Ukraine. Ohne politisch werden zu wollen ist es aufgrund der Gegebenheiten unmöglich, über die Band zu reden, ohne an die Nationalität zu denken. Und so besteht das Bühnenbild der Band auch aus einem großen Peacezeichen in den Farben der Ukraine-Flagge, und auch im Publikum wird eine große Ukraine-Flagge solidarisch geschwenkt. Aber Jinjer ist auch eine sehr erfolgreiche Metal-Band, die ich stilistisch zwischen Core und Progressive verorten würde. Die Truppe um Sängerin/Growlerin Tatiana Schmaly … Shimali …Shhhhh … Tatiana hat zu recht mehrere Metal-Wettbewerbe gewonnen und war schon mit den großen des Business auf Tour. Sehr passend war die Kombination aus Jinjer und Arch Enemy bei der Europa-Tour 2018, bei denen die beiden Frontfrauen um die Wette growlen konnten. In Wacken eröffnen sie mit “Perennial”, einem Song der sehr nachdenklich und mit einem fast gesprochenen Klargesang beginnt. Aber bereits nach einer halben Minute hauen Gitarre und Drums rein, Tatiana sprintet über die Bühne hin und her, lässt beim Headbangen ihr Zöpfe fliegen und growlt mit aller Kraft “Exhausted nature is tragic and suicidal!”. Perennial ist ein guter Song um Jinjer kennen zu lernen, man erlebt mehrmals den Wechsel zwischen harten und ganz harten Gitarren, und den beeindruckenden Wechsel zwischen aggressivem Growling und kraftvollen, aber dennoch einfühlsamen Klargesang. Es folgen ähnlich kraftvolle Songs wie “Words of Wisdom”, “Vortex” und “The Prophecy”.

JInjer lebt vor allem von dem kleinen, von Kopf bis Fuß durch-tätowierten, Air-Kicks-tretenden und über die Bühne springenden Energiebündel Tatiana Sh … jetzt guck ich nach … Shmailyuk, die zauberhaft zwischen Growls, Gesang und Publikums-Ansagen mit einem unglaublich charmant entwaffnenden Lächeln hin und her wechseln kann wie es ihr beliebt. Zuckersüß sagt sie an, dass Jinjer für Frieden steht, und zwar für alle Menschen überall auf der Welt. Abgeschlossen wird das Set mit “As I Boil Ice”, thematisch passend zu den Metalheads im Infield die in ihren schwarzen Kutten in der Sonne schmoren. Und dem Eismann, der sich zwischen ihnen seinen Weg bahnt.

Alestorm

Drei überdimensionierte Gummienten auf der Bühne, und eine Keytar (also ein Keyboard, das man sich wie eine Gitarre um den Hals hängt) die wie ein Akkordeon klingt. Jeder Metal-Head weiß was das bedeutet: Die Spaß-Metal-Piraten von Alestorm sind da. Alestorm ist eine Band, die ich mittlerweile so oft gesehen habe (und über die ich so oft geschrieben habe) dass mir mittlerweile kaum noch was einfällt, ohne mich groß zu wiederholen. Es ist aber auch eine der Bands, die ich am häufigsten empfehle – auch an Leute, die eigentlich keinen Metal hören. Ihr wisst schon, die Leute die immer sagen “Das ist mir viel zu viel ULEEEEHH (Growling) und BUM BUM BUM (Double Bass Drum) und UWIIIII (Jaulende Gitarre). Das macht mich aggressiv.” Wenn diese Leute aber die ie Cover-Version von “Hangover” oder der “We are here to drink your beer” Refrain von “Drink” hören, tippen sie plötzlich mit dem Fuß im Takt, nicken leicht mit, und können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Alestorm macht einfach Spaß. Auch hier in Wacken gehen die Metalheads vom ersten Song “Keelhauled” über Trinklieder wie “(One last drink for) The Sunk’n Norwegian”, “P.A.R.T.Y.” und “Captain Morgan’s Revenge” voll ab und singen mit nem Bier in der Hand bis zu den letzten Songs “Zombies Ate My Pirate Ship” und “Fucked With An Anchor” alle laut mit.

Killswitch Engage

Meine erste Begegnung mit Killswitch Engage war etwas ungewöhnlich. Der 2006er Song “This Fire Burns”, der nicht als Single ausgekoppelt wurde und auf dem 2006er Song nur auf der Special Edition als Bonus Track verfügbar war, war Teil des Soundtracks des 2006er Wrestling-SPiels “WWE Smackdown vs Raw”. In 2006 verbrachte ich sehr viel zeit auf der Couch eines Wrestling-Begeisterten Freunds, und wir prügeln und warfen uns gegenseitig durch den virtuellen Ring. Dabei fiel mir der Song “This Fire Burns” auf, der es dann später auch in meine Playlists schaffte. Jetzt, 17 Jahre später, im sonnigen Wacken, nachdem ich meine Fotos geschossen und meine Kamera weggepackt habe, zaubern die ersten Takte des Songs immer noch ein Lächeln auf die Lippen und lässt mich die Metal-Pommesgabel hochstrecken.

Ich denke bis heute dass “As Daylight Dies” (besagtes 2006er Album) eins der besten Werke von Killswitch Engage ist. Und das Wacken Set wird auch direkt mit “My Curse” von diesem Album eröffnet. Nach einem sehr melodischen legen die beiden Gitarristen einmal so richtig mit schnellen, harten Riffs los und Sänger Jesse Leach screamt erstmal ins Mikro dass einem die Ohren klingeln. Während Tatiana von Jinjer auf beeindruckender Weise zwischen tiefen Growls und hellen Klargesängen wechseln kann, geht Killswitch Engange den umgekehrten Weg und wechselt von hellen Screams zu durchdringend sonorigen Gesängen und zurück. Diese Scream/Song Mischung mit den sehr langsam tragend gesungenen Refrains hebt Killswitch Engage von dem übrigen Growl/Song Kombos des Metalcore ab. Weiteres Highlight des auftritts ist das Outfit von Gitarrist Adam: Rotes Hawaiihemd mit einer Totenkopf-Ananas auf der Brust, und dazu eine Badehose die mit Bierflaschen bedruckt ist. EIn Indikator dafür, dass Killswitch trotz der eher ernsten Themen die sie besingen (Songs wie “The Arms of Sorrow”, “Hate by Design”, “The Last Serenade”) viel Spaß auf der Bühne haben. Und das Publikum mit ihnen auch. Zum Abschluss wagen sich die Jungs aus Westfield, Massachusetts sogar an ein Dio-Cover. “Holy Diver” von Killswitch Engange ist schneller und härter als das Original, aber die tragende Stimme von Jesse macht dem Original alle Ehre.

Saltatio Mortis

Ein Jahr ist es her, da präsentieren Saltatio Mortis und Hämatom auf dem Wacken Open Air im Zuge des “Metal Fight Club” ihre innerhalb von 48 Stunden produzierten Festival-Songs. Danach durften die Besucher der Website “Metalfightclub.de” anhand von “Welches Lied wird öfter gestreamt” abstimmen, wer die bessere Festival-Hymne geschrieben hat. Ich habe das Ergebnis so gar nicht mitverfolgt, ging aber davon aus, dass Hämatom gewinnen würde. Nicht weil “Es regnet Bier” der musikalisch bessere Song ist, sondern einfach weil, mal ganz ehrlich, der Refrain ist “Es regnet, es regnet Bier”. Ein Jahr später auf der Website steht es 994,299 für “Alive Now” von Saltatio Mortis VS 2,479,658 für “Es regnet Bier” von Hämatom.

Das ganze ändert nichts daran, dass Alive Now ein energiegeladener, fröhlicher Song zum Mitsingen und Abgehen ist. Und ein guter Opener für das diesjährige Wacke-Set von Saltatio Mortis. Getreu dem Motto “Wer tanzt, der stirbt nie” (“Saltatio Mortis” bedeutet “Totentanz”) lädt “Alive Now” zum Headbangen und Pogen (Bzw. “Rempeltanz” die der BGH es genannt hat) ein. Die Mischung aus dem Metal-Quartett (zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug) wird bei Saltatio Mortis mit Mittelalter-Instrumente wie Dudelsack, Drehleier, Schalmei und anderen Folk-Instrumenten ergänzt. Das gibt Saltatio Mortis eine ziemliche Bandbreite von folkig fröhlich-leichtfüßig zu “Heavy” wie man es von Metal erwartet. Auch wenn ich zuhause eigentlich nie Folk- bzw. Mittelalter-Metal höre (oh mann, ich oute mich dieses Jahr ganz schön) kann ich es mir auf Festivals nicht verkneifen, bei Songs wie “Wo sind die Clowns” oder “Taugenichts” laut mitzusingen und mitzu”rempeltanzen”. Auch wenn ich dabei auf meine Kamera aufpassen muss.

Heaven Shall Burn

Zum Schluss gibt es noch mal Metal Core. Wobei Heaven Shall Burn für ein Core-Band auch Songs mit sehr melodischen Passagen und Streicher-Einspielungen (inkl. Intros und Outros) hat, die leicht die Richtung von Melodic-Death-Metal einschlagen. Aber am Ende muss man Bands ja nicht zwingend katalogisieren. Heaven Shall Burn sind laute Shouts mit Growling, Maschinengewehr-Salven von fetten Bass-Drums gestützt von einer schnell laufenden E-Bass-Line und teils melodischen, teils hart geschredderten Gitarren drüber. Bunte Scheinwerfer-Strahlen, Flammenzungen die vor der Bühne aufsteigen und immer wieder Feuerwerk unterstreichen den Stil der Band, die mit “Endzeit” und dem geshouteten Refain “We Are The Final Resistance” ihr Set eröffnen.

Frontmann Marcus Bischoff trägt wie immer sein knallrote Hemd, hat sich aber seit seinem letzten Wacken-Auftritt 2017 die Haare wachsen lassen: Sein Kurzhaarschnitt ist nun zu einer Schulterlangen Metal-Matte geworden. An seinem Gesang hat sich allerdings nichts geändert. “Übermacht”, “Black Tears”, Godiva” und “Hunters will be hunted” hinweg strapaziert er seine Stimmbänder bis zum äußersten und shoutet und Growlt ins Mikro als wolle er die Bühnen-Anlage sprengen. Dabei darf man nicht vergessen: Die Band die da als Headliner auf einem der größten Metal-Festivals der Welt auf der Bühne steht ist eine Hobby-Band. Die Saarläder Musiker haben alle einen “Day Job” und Alben aufzunehmen und auf Wacken aufzutreten ist ein “Hobby”. Ein sehr beneidenswertes Hobby, wenn man mich fragt. Und ein Hobby, bei dem die Band professionell abliefert. Bis zum letzten Song “Thoughts and Prayers” kennt die Band keine Gnade für ihre Instrumente und Stimmbänder und zieht voll durch. Danach gibt es noch eine Zugabe. Am Ende wird das Set mit dem Blind Guardian Cover “Valhalla” abgeschlossen, und ganz Wacken singt mit.

Ich habe meine Lektion gelernt. Bereits bei “Valhalla” stehe ich nicht mehr vor der Bühne sondern hinten im Infield, wo ich die gesamte Bühne inkl. den Nachthimmel darüber einsehen kann. So sehe ich heute auch die Drohnenshow, die Drachen und das Wacken-Logo an den Himmel malt, während auf den großen Screens die Bands für das Wacken Open Air 2024 angekündigt werden. Allen voran Blind Guardian (schöne Überleitung), Amon Amarth und In Extremo. Ich mache mich auf den Heimweg und freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn es wieder heißt: See you in Wacken. Rain or Shine.”