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Reeperbahn Festival 2019: Kultur- und Kneipenbummel durch Hamburgs Vergnügungsviertel

Vom Mittwoch, den 18. bis Samstag, den 21. September hat in der Innenstadt der Hansestadt Hamburg wieder das größte Club-Festival Europas stattgefunden: das Reeperbahn Festival 2019. Klar, um und auf der Reeperbahn ist eh jeden Tag die Hölle los und dass in hunderten Cafés, Bars und Restaurants, Musikclubs sowie Theatern und Galerien. Wer denkt, da gäbe es keine Steigerung mehr, kennt die Reeperbahn nicht. Vier Tage lang haben 50.000 Festivalbesucher*innen bei der 14. Ausgabe vom Reeperbahn Festival rund 600 Konzerte von 412 Künstlern aus über 51 Nationen erleben können. Hinzu kommen 5.900 Fachbesucher*innen, die an 300 Programmpunkten wie Workshops, Sessions und verschiedenen Awards teilgenommen haben. Dabei ist der Stadtteil St. Pauli erneut zum Schmelztiegel der spannendsten, neuen, internationalen Talente geworden und hat der internationalen Musikwirtschaft unzählige Themengebiete wie Musik, Film, Kunst und Literatur geboten.

Die meisten Leute sind Fans einer Kneipentour durch den Hamburger Kiez. Mit einem Bier in der Hand von Bar zu Bar ziehen, und dass an einem lauen Sommerabend? Für wen das verlockend klingt, der ist beim Reeperbahn Festival gut aufgehoben. Hier zieht man jedoch nicht einfach nur von Bar zu Bar, sondern von Bar zu Kneipe zu Club zu Konzerthalle zu Café zu Club zu Theater zu Galerie zu Konzerthalle zum Party-Schulbus und alles auch wieder zurück. Es heißt also Gas geben und Schuhe tragen, mit denen man eine ordentliche Strecke über vier Tage lang zurücklegen kann. Und auch wenn das Festival mitten im September schon deutlich in den Spätsommer ragt, ist der Sonne-Wolken-Mix mit Temperaturen zwischen 12 und 20 Grad wie in diesem Jahr doch perfekt gewesen.

Praktisch, sich den Spiel- und Konferenzplan erst einmal auf den Tisch zu legen und dann die verschiedenen Veranstaltungsorte und Zeiten zu koordinieren. Danach führt ein erster Weg zum Festival-Village auf das Heiligengeistfeld, dorthin, wo sonst das beliebte Volksfest „Hamburger Dom“ stattfindet und direkt neben dem legendären St. Pauli Stadion – hier gibt es das RPF-Festivalbändchen und die Delegates-Pässe – und natürlich auch einiges zu erleben.

Mittwoch und Donnerstag

Wer das allererste Mal zum Reeperbahn Festival in Hamburg ist, für den lohnt sich ein Schlendern über die berühmte Amüsiermeile, um das liebevoll aufgebaute und geplante Innenstadt-Festival kennenzulernen. Wer aus Hamburg kommt oder schon öfter zu dieser Zeit zu Gast war, den erinnert sicher einiges an die letzten Jahre. Natürlich ist der gelbe Party-Schulbus wieder da, vor und in die Ska-Band Bazookas an allen Tagen mehrfach spielt und dabei Fans einlädt, zusammen das tonnenschwere Fahrzeug zum Beben zu Bringen. Das Festival Village, dass als idyllisches Künstlerdorf daherkommt, bietet viel Raum zum kreativen Netzwerken, Chillen und Erleben verschiedener Programmpunkte. Auch die St. Pauli Kirche ist wieder Bestandteil der Festival-Locations genau wie die Elbphilharmonie, dort werden Konzerte durch den einzigartigen Sound und die besondere Atmosphäre unvergesslich.

Mit der offiziellen Eröffnungsveranstaltung „Doors Open“ ist am Mittwochabend im Theater Stage Operettenhaus für die Medienvertreter*innen das Event eingeläutet worden. Charlotte Roche und Ray Cokes haben durch die Show geführt und einen künstlerischen Ausblick auf die kommenden Tage gegeben. Kaum bricht der erste Abend an, häufen sich auch schon die Meldungen „Einlassstop im …“ – egal, ob Imperial Theater, Schulmuseum, Prinzenbar, Knust, Große Freiheit oder das Docks. An diesen vier Festivaltagen platzen die Clubs aus allen Nähten, es heißt also sehr, sehr früh vor Ort sein. Und auch dann gibt es keine Garantie, wenn die „großen, beliebten Acts“ spielen. Man kann sich getrost bewusst machen, beim RBF geht es weniger um die bereits bekannten Top-Stars, eher um die Headliner von morgen.

Im kultigen Häkken, dem kuscheligen Club hinter der blendenden Medienfassade des Klubhaus St.Pauli am Spielbudenplatz, hat Musikstreaming-Dienst Deezer u.a. Newcomer und Sängerin Mathea aus Österreich geladen. Knapp 200 Leute passen ins Häkken, die junge Musikerin sorgt für volles Haus. Unweit des Häkken findet sich ein weiter musikalischer Höhepunkt und auch Top-Location am Spielbudenplatz: das Docks. Die beliebte Konzertlocation fasst 1.500 Besucher und auch dort ist es gerappelt voll. Die Sleaford Mods – ein britisches Electropunk-Duo bestehend aus Sänger und Rapper Jason Williamson sowie Musikproduzent Andrew Robert Lindsay Fearn – hat sich angekündigt. Hier gibt es ein minimalistisches Bühnenprogramm, dafür aber politische Texte verpackt in einen ungewohnt harten Sound, der wütend aber auch elektrisierend ist.

Am gleichen Spielort folgen wenig später die Leoniden, benannt nach einem Meteorstrom, schlagen diese Meteore sofort ein. Ihr Indie-Rock sorgt mit viel Synthie und ungezähmter Energie für große Begeisterung im Docks. Sänger Jakob Amr springt wie ein Flummi über die Bühne, Gitarrist Lennart dreht völlig durch. Er schmeißt sich die Gitarre auf den Rücken, beißt ins Mikrofon, verknotet sich fast in den Bühnenkabeln und befreit sich gerade rechtzeitig, um seinen Part weiter zu spielen. Eine Band, die vollen körperlichen und musikalischen Einsatz bringt und dabei sehr viel Spaß macht.

Am Spielbudenplatz gibt es neben vielen kulinarischen Leckereien auch mehrere Bühnen. Den erwähnten Schulbus, aber auch die große Spielbuden-Bühne sowie von Radio N-Joy den „Reeperbus“. Hier treten an allen Tagen verschiedene Künstler und Newcomer auf. So auch der aus Down Under stammende Dean Lewis. Jede Menge Mädels füllen die ersten Reihen, um den smarten Australier zu empfangen. Mit seinem soften Poprock und der großartigen Stimme, begeistert der charismatische Sänger am E-Piano und wird dabei von vielen textsicheren Kehlen begleitet. Kein Zweifel, dass es mit Dean Lewis noch weit nach oben geht.

Vor dem Imperial Theater, der größten Krimibühne Deutschlands, sammelt sich derweil eine ellenlange Schlange. Nicht, weil sich die Menschen dort einen der Krimiklassiker von Agatha Christie oder Edgar Wallace ansehen wollen, denn während des Reeperbahn Festivals wird der Spielbetrieb unterbrochen und hier findet am Donnerstagabend die Verleihung vom Helga! Award statt. Es ist die 7. Verleihung des beliebten Festivalpreises, bei dem insgesamt 6 sechs Kategorien ausgezeichnet wurden. Carsten Schumacher und Bernd Begemann führen durch ein charmant-witziges Abendprogramm, es sind ausgezeichnet worden:

Bestes Festival: Open Flair Festival
Feinstes Booking: Haldern Pop
Bestes Einbeziehen: Zurück zu den Wurzeln Festival
Größtes Glück für den kleinsten Geldbeutel: WATT EN SCHLICK FEST
Bestes-Sich-Neu-Erfinden: Artlake Festival
Inspirierendste Festival-Idee: alínæ lumr

Freitag und Samstag

Im Mojo Club direkt an der Reeperbahn geht es für uns los mit Sängerin Celeste. Mit den Singles „Chocolate“ und „Daydreaming“ hat sich Celeste vor über drei Jahren auf den einschlägigen Streamingplattformen als eine der vielversprechendsten neuen Soul-Stimmen profiliert. Das britische Soul-Talent präsentiert sich selbstbewusst und setzt ihre unglaublich gefühlvolle Stimme gekonnt ein, um für Gänsehaut im Saal zu sorgen. Dazu gibt es so smarte, zeitlose Lyrics, zusammen ist das einfach ein wunderbar authentischer Auftritt. Und alles gar nicht so weit entfernt von Legende Amy Winehouse. Wider im Musikclub Häkken, freuen wir uns auf den Schweizer Musikimport Linda Vogel. Die Singer-Songwriterin kommt mit ihrer Harfe auf die Bühne. Und dass so ein Instrument längst nicht „out“ ist, beweist die smarte Musikerin gekonnt im rappelvollen Saal. Emotional geladene Stücke, die uns durch die Harfe neue Klangwelten eröffnen und kombiniert mit den Drums der Bandbegeitung zwischen Wucht, Gefühl und Erlösung pendeln.

Den weiten Weg aus Australien haben die Pierce Brothers aka  Jack und Pat Pierce zurückgelegt, um die Hamburger Zuschauer auf dem Spielbudenplatz so richtig in Wallung zu bringen. Neben einigen weiteren Auftritten in den Clubs der Reeperbahn, ist es nun Zeit für ihr Element, Straßenmusik. Die leidenschaftlichen Multiinstrumentalisten sind ein Garant für gute Stimmung, liefern mit kraftvollen Stimmen und treibenden Hooks jede Menge Ohrwurm-Flair.

Das Wahl-Berliner Dreigestirn des Alt-Folk begeistert nach zwei Jahren Pause diesen Jahr wieder auf Festivals. Ian Hooper, Claudio Donzelli und Craig Saunders bringen auch nach Hamburg genügend Material für eine tolle Live-Setlist mit, die sie aber dieses Mal mit Gänsehaut-Momenten in der St. Michaelis Kirche präsentieren. Wer die Band schon kennt, freut sich auf Musik, die sich um Themen wie Freundschaft, Liebe und Erinnerung dreht, und das in Songwriter-Qualität. Für alle Neuhörer der Mighty Oaks, ist die unschlagbare Live-Präsenz des Trios überzeugend, vor allem in diesem wunderschönen Ambiente untermalt von Akustik-Gitarre, Banjo oder Mandoline und dem dreistimmigen Satzgesang und schlichten Drums.

Mag jemand keine Überraschungen? Bestimmt nicht. Dachte sich bestimmt auch Kraftklub Frontmann und Sänger Felix Kummer, als er kurz vor dem Reeperbahn Festival einen spontanen Auftritt auf dem Hamburger Event ankündigte. Mehr konnten seine Fans allerdings erst wenige Stunden vor seinem Auftritt am Freitagabend erfahren. Und um den Überraschungs-Effekt perfekt zu machen, legte Kummer seinen Auftritt nicht gewöhnlich auf irgendeine Bühne – er kam auf einem Unimog direkt nach einem Bus an die Haltestelle vor der Davidwache, Beamer an die Wand mit Videos und zack, wird der Sound aufgedreht. Schnell versammeln sich massenhaft Menschen um die Haltestelle. Passend zum Solo-Pfad, den der Kraftkluber derzeit nebenher noch einschlägt und zur ersten eignen Single, gibt es mal Promo, die im Kopf und in den Ohren bleiben wird. Spitze!

Als direktes Heimspiel kann Musiker Lejo seinen Auftritt im Docks bezeichnen. Schließlich lebt der ambitionierte Popmusiker hier in Berlin. Der 24-jährige Sänger und Multi-Instrumentalist bringt gefühlvolle aber auch groovige Songs aufs Parkett, die sich stilsicher zwischen Pop und Funk bewegen. Auf der Spielbude wird es danach Zeit für Mia Morgan, die mit ihrem Songs „Waveboy“ bereits für Aufsehen gesorgt hat. Die junge Sängerin aus Kassel steht für catchy Hooks und clevere Texte, die sie gekonnt in ihren Gruftpop einwebt und ihren Auftritt mal bissig-ironisch, dann wieder introspektiv bis emotional gestaltet. Bereits beim LollaBerlin hat die Popsängerin die Herzen der Zuschauer erreicht und auch die Hamburger sind begeistert.

Die 19-Jahre-junge Amilli stamm aus Bochum und belegt am frühen Abend den N-Joy Reeperbus. Der Spielbudenplatz ist vor allem mit vielen jungen Fans gefüllt, die alle auf die Rap- und R’n’B-Sängerin warten. Die als Nachwuchstalent gefeierte Sängerin kommt mit melodisch angehauchten, souligen Vocals und poppigen Beats daher und weiß stilsicher und selbstbewusst zu überzeugen. US-Pop-Sternchen Charlie Hanson steh am Abend Docks auf dem Spielbudenplatz auf der Bühne. Dass diese junge Lady bereits jetzt über den Eintagsfliegen-Status hinausgewachsen ist, beweist ihr Liveauftritt einmal mehr, genau wie ihre grandiosen Songs „Numb“ oder „Back In My Arms“. Die eigenwillige Stimmperformance kombiniert sie mit wummernden Beats und bunten Synthmelodien, das kommt bei den Zuschauern im Saal richtig gut an.

Der britische Singer-Songwriter hat nicht nur mit seinem nagelneuen Album „Chaptera“ alles richtig gemacht – die tolle Stimme paart er mit wunderschönen Melodien und damit kommt er nahe ran an das, was seine Musikerkollegen Ed Sheeran und Shawn Mendes bieten. Auch wenn der noch so junge James TW hier bei uns noch nicht zu den Top-Stars gehört, lange kann das eigentlich nicht mehr dauern, das beweist er auch bei seinem Auftritt im Docks. Rau im Timbre, mit riesigem Umfang und einer Passion, die jede Silbe durchzieht, ist Kennedys Gesang der aktuell vielleicht beste Garant für minutenlanges Prickeln auf der Haut. Dermot Kennedy, der Ire, der als Straßenmusiker in Dublin bereits die Zuschauer verzückt hat, legt auch am Samstagabend im Docks die Messlatte für soften Folkrock sehr weit hoch. Melancholischer Soul-Epik der durch die Stimme des charismatischen Sängers voll zur Geltung kommt.

Reeperbahn Festival 2020: Tickets + Infos

Nach der erfolgreichen Länderpartnerschaft mit Australien liegt im kommenden Jahr der Fokus auf Dänemark. Vor dem Hintergrund des ersten Deutsch-Dänischen kulturellen Freundschaftsjahres wird Dänemark seine spannendsten Künstler*innen präsentieren Einblicke in den Musikmarkt unseres Nachbarlandes bieten. Ihr könnt euch auch schon auf den ersten Top-Act freuen, denn die australisch-malische Songwriterin Tash Sultana ist bereits bestätigt, ihr vielschichtiger Soundmix vereint mitreissend Elemente aus Electonic, Folk, Indie und Reggae.

Reeperbahn Festival 2020

Reeperbahn Festival 2017: Ein Ausnahmestadtteil im Ausnahmezustand

Vom 20. bis 23. September fand in Hamburg das größte Club Festival Europas statt: das Reeperbahn Festival 2017. 

Auf der Reeperbahn ist eh immer die Hölle los. Hunderte Clubs und Bars, Musik und Exzess 24/7. Wer denkt, dass man das nicht steigern kann, kennt die Reeperbahn nicht. Hier tobte vier Tage lang das größte Club Festival Europas: das Reeperbahn Festival 2017, das parallel in unzähligen Clubs, Bars, Theatern und Galerien stattfand. Über 70 Bühnen schrien danach, mit einem Wegbier in der Hand von Location zu Location zu schlendern. Bei 500 Konzerten musste man sich zwar etwas beeilen. Dafür war die Chance hoch, ein paar interessante neue Künstler zu entdecken. Everything Everything, Beth Ditto, Maxïmo Park? Kennt man. Aber wer von euch hat schon von The Harpoonist & The Axe Murderer gehört?

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Mittwoch

Der erste Tag begann für Fotograf Axel und mich im Festival Village, das nach eigenen Angaben „zum Entspannen einlädt“. Entspannung? Von wegen. Direkt am Eingang kamen wir an einem US-Schulbus vorbei, in dem die Ska-Band BAZZOOKAS spielte. Und wie sie spielte! Der Bus war voll mit feiernden Fans, die das tonnenschwere Fahrzeug zum Hüpfen brachten.

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Emily Roberts

Kennen viele, ohne es zu wissen: Emily singt den Song des Lidl-Weihnachtsspots „Santa Clara“, ist aber nicht im Spot zu sehen. Mit ihrer Stimme hat sie dafür gesorgt, dass das kühle Hamburger Wetter ein paar Grad wärmer wurde. Dabei war sie umgeben von Fotografien des „Container Love Art Projects“. Die Ausstellungsreihe spielt mit Geschlechter-Klischees, setzt sich für Vielfalt ein und kämpft mit Kreativität gegen Homophobie. Wer damit ein Problem hat, hat auf dem bunten Reeperbahn Festival nix zu suchen. Aber was uns das Foto vom Penis im Hot Dog-Brötchen sagen sollte? Ich weiß es doch auch nicht.

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junk-E-cat

Als wir über den Spielbudenplatz schlenderten, sind wir an junk-E-cat vorbeigekommen. junk-E-what? Hört sich an wie Fast Food für Katzen, ist aber ein Musiker. Wie er wirklich heißt? Das weiß niemand, junk-E-cat will anonym bleiben. Aber interessanter als sein Name ist seine Musik: junk-E-cat hat Saxophon-Melodien live eingespielt, Samples geloopt und zu Elektrotracks aufgebaut. Und das hat sich viel besser angehört als der schräge Name vermuten lässt. Nur die Maske war seltsam. Mal ehrlich, Masken sind durch, oder? Bei Daft Punkt waren die noch cool. Aber nur bei denen.

Suff Daddy & The Lunch Birds

Als nächstes ging es in den Mojo Club. Um kurz nach 8 hatten sich Suff Daddy & The Lunch Birds angekündigt. Suff Daddy – bei dem Name denkt natürlich jeder an Puff Daddy, den Champagnerflaschen schwenkenden Hip-Hop Mogul aus den 90ern. Suff Daddy hat allerdings Beats gespielt, die eher an Camp Lo, Madlib oder J Dilla erinnern. Boom Bap Beats, kuschelige Jazz-Samples, Live-Instrumente, ein bisschen Synthie, so gefällt mir das.

Dispatch

Vom Mojo ging’s rüber ins Docks, dem größten Hamburger Musikclub. Dort hatten Dispatch ihren Auftritt. Es fällt mir schwer, die sympathische Indie-Band aus Boston einzuordnen. War das Rock? Folk? Funk? Wikipedia sagt: alles. Die Jungs haben live richtig Gas gegeben. Sänger und Gitarrist Chad Urmston hat dabei den Kopf hin und her bewegt wie ein Metronom und die Crowd auf Betriebstemperatur für den Rest des Abends gebracht.

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Lotte

Nächste Station: Bahnhof Pauli, ein Kellerclub im Klubhaus St. Pauli. Lotte muss man gut finden. Sagt zumindest Apple Music, die ihr Konzert präsentierten. Bevor es losging, kam ein Repräsentant auf die Bühne, um uns Lotte nochmal ans Herz zu legen. Bei so was werde ich immer etwas skeptisch. Apropos Herz: Bei Lotte geht’s um Liebe, Geborgenheit und Freiheit, verpackt in Songtexte, die an seichte Poetry Slam Gedichte erinnern: „Diesmal ist es anders, du bist für mich besonders, und selbst wenn mich mein Fluchtreflex einholt, und auch dich verletzt, ich glaub‘ an uns.“ Das Publikum hatte Spaß damit – und Lotte auch. Sie hat den ganzen Auftritt über gelächelt, getanzt und mit ihren Fans gequatscht.

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Faber

Nach Lotte ging’s nochmal zurück ins Docks. Dort stand der Singer-Songwriter Faber mit seiner Band auf der Bühne. Singer-Songwriter hört sich immer so zart und nett an, nach Barhocker und Gitarre. Faber spielte gegen dieses Klischee an: mit druckvoller Livemusik, viel Energie auf der Bühne und gesellschaftskritischen Texten. Sollte man unbedingt mal live gesehen haben.

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Leoniden

Leoniden? Nie gehört. Leider. Die Jungs waren meine erste Entdeckung auf dem Reeperbahn Festival. Jakob Amr, Djamin Izadi, JP Neumann, Felix Eicke und sein Bruder Lennart spielen Indie-Rock mit viel Synthie. Live im Mojo waren sie ein echtes Erlebnis. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine junge Band gesehen habe, die so viel Energie, überschäumende Begeisterung und gut gelaunten Wahnsinn auf die Bühne gebracht hat. Gitarrist Lennart ist zeitweise dermaßen durchgedreht, das ich kurz davor war, einen Exorzisten zu holen.

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Donnerstag

Der zweite Tag startete wie der erste: grau. Was soll’s. Wer sich in Hamburg übers Wetter beschwert, soll nach München ziehen.

Maxïmo Park

Die britischen Indie-Rock-Band ist eigentlich große Bühnen gewohnt. Umso überraschender, dass Maxïmo Park ein kleines Konzert vorm Konzert gespielt hat: im N-Joy Reeperbus. Ein Promo-Bus des Radiosenders, der für jeden zugänglich war – auch ohne Ticket. Hier hat Maxïmo Park einen Vorgeschmack auf ihr richtiges Konzert gegeben, das später im Docks stattfinden sollte. Um es vorwegzunehmen: Wir haben’s verpasst. War bestimmt super. Hier noch ein Tipp für alle, die nicht nur Bier, sondern auch mal feste Nahrung zu sich nehmen wollen: die Hot Dogs vom Holy Dogs Foodtruck sind eine Offenbarung. Amen.

Welshly Arms

Weiter ging’s zu Welshly Arms im Docks. Die Band um Sänger und Gitarrist Sam Getz kommt aus Cleveland und spielt Blues-Rock. Ihr bekanntester Song ist „Legendary“. Habt ihr alle schon mal gehört. Wenn nicht im Radio, dann im Werbespot für Beck’s Bier. Oder im Film Power Rangers. Oder in der Serie Empire. Oder in Sense8. Oder oder oder. Der Song ist ganz gut rumgekommen. Im Docks wurde er natürlich auch gespielt und von den Fans gefeiert.

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Dakota

Mojo, Docks, Mojo, Docks. Irgendwann ist uns aufgefallen, das wir ständig zwischen den großen Clubs hin- und her tingeln. Deshalb ging’s als nächstes zur kleinen Bühne von Olivias Kiez Oase. Hier trat um 22 Uhr die holländische Band Dakota auf. Die vier Mädels spielen eine eigenwillige Mischung aus Dream Pop, Indie und Garage Rock. Verträumte Musik, die einen richtig einlullen kann. Heißt aber nicht, dass ihr Auftritt einschläfernd war. Das Publikum war hellwach und hat die Songs mit viel Applaus belohnt.

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WILDES

Danach ging’s ins Imperial Theater, in dem eigentlich Krimi-Theaterstücke aufgeführt werden. Früher war hier ein Pornokino drin, aber das nur am Rande. Am Donnerstag gab’s hier weder Krimis noch Pornos, sondern die Sängerin WILDES. Vor der ägyptischen Bühnendeko des Theaterstücks „Fluch des Pharao“, das hier ansonsten aufgeführt wird, spielte sie verträumten Indie-Pop, der an Daughter erinnert. Dabei war WILDES weniger wild als ihr Name vermuten lässt. Sie hat sich schüchtern für unsere Geduld bedankt, hat kaum Regungen gezeigt und ist nach wenigen Liedern verschwunden. Kein Wunder, sie hat bisher nur die Songs „Bare“, „Illuminate“ und „Ghost“ veröffentlicht. Aber die haben mir gefallen. Gerne mehr davon.

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A fucking surprise

Auf dem Heimweg gab’s noch eine Überraschung. Eine Nachricht der Festival-App erschien auf meinem Display: Ein Überraschungsgast tritt Freitag im Docks auf. Kein Geringerer als Liam Gallagher. Yes, Liam fucking Gallagher. Einer der beiden Sänger der legendären Band Oasis, bekannt für „Wonderwall“, „Don’t Look Back In Anger“ und die Skandale der Brüder Noel und Liam. Letzterer hat sich kürzlich in einem Video mal wieder herrlich aufgeregt. Diesmal weil er seinen Tee selber kochen musste: „In the 90s I got someone else to fuckin’ do it.“ Tja, der Liam hat eine kurze Zündschnur. Mal sehen, ob er Freitagabend explodiert.

Freitag

Das Wochenende stand vor der Tür, deshalb waren natürlich mehr Menschen unterwegs. Viel mehr Menschen. Selig in der Chikago Bar? Schon voll. Client Liaison im Molotow? Auch schon voll. Erst mal zum Spielbudenplatz, ein Bier trinken und einen neuen Plan machen. Und der hieß:

The Harpoonist & The Axe Murderer

Wir wollten unbedingt wissen, wer sich hinter diesem grandiosen Bandnamen verbirgt. Deshalb sind wir spontan in den Bahnhof Pauli. The Harpoonist & The Axe Murderer sind Shawn Hall und Matthew Rogers, ein Indie-Duo aus Kanada. Sofort fiel mir auf, wie viele Instrumente die beiden spielen. Shawn singt nicht nur, sondern spielt auch Mundharmonika und mit dem Fuß die Snare Drum. Matthew spielte nicht nur Gitarre, sondern auch die Bass Drum und mit dem Gitarrenkopf die Becken. Hört sich nach einem großen Durcheinander an, war aber wunderbarer Blues.

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KLAN

Eine Hip Hop Crew? Eine Metal Band? Die Straßengang, die mich letztens abgezogen hat? Alles falsch. KLAN sind die beiden sympathischen Brüder Stefan und Michael aus Berlin. Im Docks haben sie deutschen Pop gespielt. Es ging um Alltagsgeschichten, aber auch um tiefsinnige Themen wie Glauben und Aufrichtigkeit. Kein Wunder, dass mich Michael an einen Prediger erinnert hat, als er mit ausladender Handbewegung das Publikum beschwört hat. Kurz vor Schluss gab’s extra Sympathiepunkte, als der Synthie durchgedreht ist und plötzlich einen Technobeat gespielt hat. Die Brüder haben’s mit Humor genommen – und die Fans auch.

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Liam Gallagher

Der unbestrittene Headliner des Abends: Liam Gallagher von der Über-Band Oasis. Der lange geheim gehaltene Gig hat zahlreiche Fans zum Docks gelockt, die in einer endlosen Schlange auf den Einlass warteten. Schon lange bevor es losging war der Club bis in den letzten Winkel gefüllt. Trotzdem ein vergleichsweise kleiner Auftritt, wenn man bedenkt, dass Oasis mal vor 125.000 Fans gespielt hat. Zweimal hintereinander. Als Liam zu lautem Jubel auf die Bühne kam, hab ich mir als erstes gedacht: auch nicht mehr der Jüngste. Aber immer noch der Alte: grimmiger Blick, leicht gebückte Haltung, das Mikro etwas zu hoch, die Arme hinterm Rücken. Dazu die unverwechselbare Stimme, die vielleicht nicht mehr so jugendlich klingt wie damals, aber nicht an Druck eingebüßt hat. Liam spielte Solo-Stücke seines neuen Albums „As You Were“, aber auch Oasis-Klassiker wie „Morning Glory“ und den Hit „Wonderwall“, den die Fans von der ersten bis zur letzten Zeile mitgesungen haben.

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samstag

Der letzte Tag des Reeperbahn Festivals 2017. Mehr ging auch nicht. Mittlerweile hingen die Augenringe tief. Trotzdem wollten wir eine Band nicht verpassen, die uns von allen Seiten empfohlen wurde.

Portugal. The Man

Mal wieder im Docks. Diesmal warteten wir auf „Portugal. The Man“, eine Indie-Rock-Band, die nicht aus Portugal kommt, sondern ursprünglich aus Alaska. Plötzlich wurde es dunkel – doch niemand kam auf die Bühne. Stattdessen wurde die Schnulze „Oh My Love“ aus dem Film „Ghost – Nachricht von Sam“ gespielt. Warum? Keine Ahnung. Warum nicht? Kurz darauf kam dann Portugal. The Man auf die Bühne und hat nicht lange gefackelt, sondern direkt losgelegt. Auch den Rest des Konzerts gab’s kein Gelaber, keine Tanzeinlagen, einfach nur druckvollen Indie-Rock. Ein Song folgte ohne Unterbrechung auf den nächsten. Applaus? Keine Zeit, wir müssen rocken! Die psychedelischen Animationen auf der Bühne haben ihr Übriges getan, um die Fans kollektiv durchdrehen zu lassen. Gegen 1 Uhr nachts sind wir leicht verstört aber glücklich aus dem Docks gewankt. Was für ein Ritt. Was für ein Abschluss vom Reeperbahn Festival 2017.

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