All About Love – Idles in Hamburg


Idles in Hamburg 2024
Idles gaben am 16. März 2024 ein Konzert in Hamburg. (Bild: Isabelle Hannemann)

Ein beinahe frühlingshafter Abend in Hamburg. Alsterdorfer Sporthalle, 20:00 Uhr. Ditz, so munkelt man, könnte man aus dem Molotow kennen; ob man sie erkennen wird, ist fraglich, denn die Briten hüllen sich in viel Nebel. Wirklich schade, denn die Band ist nicht nur akustisch, sondern auch visuell interessant. Ein Klecks Noise, ein Müh Industrial, ein exzellenter Schlagzeuger. All das gepaart mit rotzigem Sprechgesang und einem queerer Hauch von Selbstverständlichkeit – Ditz fügen musikalisch viele gute Einzelteile zusammen, verzichten auf Refrain und wirken wie ein Kunstprojekt, das Post-Punk, Mode und Geschlechterrollen so interpretiert wie es ihnen beliebt. Ein atmosphärisches Erlebnis, das in die Fläche geht. Eine kriechende Explosion, ein musikalisches Bett, das Cal Francis, eine zarte Referenz an den Sweet Trensvestite, in einem rosa Minikleidchen und ein bisschen Ian Curtis Attitüde, völlig frei von jeglichen Konventionen bespielt.

“Sensation is the key, New aera, New me”

Vielleicht ist das eine Art New Velvet Klassik, auf jeden Fall sind Ditz ein gut gesetzter Support. Das Publikum scheint auf jeden Fall nicht uninteressiert an dem experimentellen Post-Hardcore Projekt aus Brighton.

Der Countdown beginnt mit Idea 01, dem ersten Song des neuen Albums TANGK, diesem „Album der Liebe, […] der Dankbarkeit und der Kraft“, diesem Funken, der für viele sicherlich auch die erste wirklich gute Nachricht in diesem Jahr darstellt.

Der funken zündet, das Hamburger ist sofort angezündet und fühlt sich spätestens beim geschenkten Gaul – gift horse – vollends im IDLES Univerum zuhause. Massiv, dynamisch, bassig, noisig, man will sofort von Joe Talbot angespuckt werden und ins rotzige national Anatheme „Fuck the king“ einstimmen.

Die Idles sind nicht nur die erfolgreichste Postpunk-Band, sondern wahrscheinlich das Authentischste, was die Szene so hergibt – absolut ansteckend, energetisch und britisch im besten Sinne. Die Band hat’s nicht darauf abgesehen, irgendwie perfekt zu sein, ist in dem, was sie tun, brutal echt, „eine eigene Liga“, sagen die einen, „leidenschaftlich“ fühlen ’s die anderen. Auch wenn sie musikalisch beinahe zu filigran für Punk erscheinen, ist ihre Haltung eine kompromisslos humanistische. Dass hier Punk nicht bloße Attitüde, kein Look, sondern das ist, wonach es riecht, wenn dir Kummer aus den Poren kriecht, macht die Idles so politisch, persönlich und pur.

Liest man die Kritiken zu den Konzerten in Berlin und Hamburg, so können es die Idles allerdings niemandem recht machen. (R)eine Vermutung: Das wollen sie auch nicht. Bei der ersten Vorstellung ihres Love-Album „Tangk“ Mitte Februar, wird ihnen eine mangelnde Haltung zum Krieg in Gaza vorgeworfen, in Berlin und Hamburg heißt es, die Shows seien zu Pro-Palästina-Kundgebungen verkommen. Von der Kunstfreiheit gedeckt, muss Musik weder politisch weder anschmiegsam noch bequem sein. Was genau es damit auf sich hat, dass Joe Talbot vor einem Song über seine Mutter, der im Grunde eine Kampfansage an den Sexismus ist, „Viva Palestina“ skandiert und in „The Wheel“ den Refrain zu einem „Can I get a Hallelujah? Viva Palestina“ variiert, weiß nur er allein. Hört man genauer hin, lässt sich vermuten, dass die IDLES hier weder für die einem noch für andere Seite Partei ergreifen, sondern die massiven sexuellen Verbrechen gegen die Frauen anprangern, die im Krieg – ob in My Lai, im II. Weltkrieg, in Bosnien oder im Krieg gegen die Ukraine – als perfideste Waffe eingesetzt werden. Feministisch, nicht toxisch, Wahrhaftig und nicht weniger als das:

“Sexual violence doesn’t start and end with rape
It starts in our books and behind our school gates
Men are scared women will laugh in their face
Whereas women are scared it’s their lives men will take.”

Talbot (voc), Bowen (git), Devonshire (bass), Kiernan (git) und Beavis (drums) schenken Hamburg – neben acht Songs aus dem aktuellen Album – ein best off aus ihrem Œuvre und halten an diesem Abend ein Level, das ansteckend energetisch gegen einen Countdown anspielt, der augenscheinlich und unerbittlich am Bühnenrand die 110-minütige Show herunterzählt.

Ein absolut fantastischer Abend.
Mother
Fucker
Mother
Fucker

Setlist – Idles in Hamburg 2024

IDEA 01
Colossus
Gift Horse
Mr. Motivator
Mother
Car Crash
I’m Scum
1049 Gotho
The Wheel
Jungle
When the Lights Come On
Gratitude
Divide and Conquer
POP POP POP
Television
Roy
Samaritans
Grace
Crawl!
The Beachland Ballroom
Never Fight a Man With a Perm
Dancer
Danny Nedelko (With Dovydas Subičius from the crowd)
Rottweiler