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So war das Full Force 2019: Ein bunter Strauss aus Core-Sounds

Bei brütender Hitze feierten 16.000 Fans der härteren Genres Metal, Hardcore und Punk beim Full Force Festival 2019 in der Eisenstadt Ferropolis. Das Kultfestival in Sachen „Core“ ging am idyllischen Gremminer See in seine 26. Runde. Am Donnerstag konnten sich die Besucher bei der Warm-Up Party in der Open Air-Disco mit Hits aus Hardcore, Metal und NDH in Stimmung für das bevorstehende Wochenende bringen. Von Freitag bis Sonntag fanden täglich unzählige Konzerte statt, die verteilt auf drei verschiedenen Bühnen liefen (Mad Max Mainstage, die Hardbowl Tentstage sowie die Medusa Seebühne direkt am Strand). Alles harmonisch integriert in die imposante Tagebau-Kulisse und mit jeder Menge Pyrotechnik ausgestattet. Musikalisch ging es natürlich in die Vollen, verschiedene Genre-Vertreter wie Limp Bizkit, Parkway Drive, Arch Enemy, Behemoth, Flogging Molly, Knorkator, Lamb Of God, Terror, Kadavar, Zeal and Ador, Jinjer, While She Sleeps und viele mehr sorgten an allen Festivaltagen für beeindruckende Shows, außergewöhnliche Klänge und ausdauernde Bühnenperformance.

In diesem Jahr bot das das Full Force Festival auch viel Neues zu entdecken und das nicht nur in Bezug auf das musikalische Programm. Themen wie Nachhaltigkeit und respektvoller Umgang miteinander aber vor allem mit dem Veranstaltungsort selbst, wurden in den Vordergrund gerückt und durch die Festivalbesucher positiv angenommen. Mit dem neuen Projekt (FAIR)OPOLIS haben Organisationen u. a. wie dem Foodsharing und der Hardcore Help Foundation einen Ort geschaffen, wo die Festivalfans auf Sitzbänken und Hängematten entspannen und sich über interessante Themen informieren sowie an Workshops teilnehmen konnten. Vor Ort sammelten Teams während der Festivaltage Müll ein. Die große Discokugel auf dem Gelände wurde mit Wasser gefüllt und versprühte eine willkommene Abkühlung beim Tanzen.

An den ersten zwei Festivaltagen sorgten zu wenig Shuttlebusse zum und vom Gelände weg für längere Wartezeiten und bei den hochsommerlichen Temperaturen scheuten viele den Fußweg von knapp 30 Minuten bis zum Zeltplatz. Am Sonntag entspannte sich die Shuttlesituation aber deutlich, es wurden mehr Busse eingesetzt.

Der direkt ans Festivalgelände angrenzende Gremminer See wurde natürlich täglich zum Baden (und vor allem auch zum Nacktbaden) genutzt. Die Hitze ließ bei vielen Besuchern Hemmungen und Hüllen gleichermaßen fallen. So wurden im Publikum doch recht häufig Männer auch nur mit Schuhen an den Füßen gesichtet.

Bands am Full Force 2019 Freitag:

Mit der Band Bleeding Through startete das Festivalprogramm am Freitagnachmittag um 16:00 Uhr auf der Mainstage. Die US-Metalcore-Band aus Orange County/Kalifornien, die seit 1999 existiert, bot eine Dreiviertelstunde lang ein energisches Startprogramm, um in Stimmung zu kommen. Die Band hatte einige Jahre Pause und kündigte in 2018 ihre Reunion und ein neues Album an. Beim Full Force 2019 konnte das Core-Sextett um Frontmann Brandan „Sheep“ Schieppati mit ihrer genialen Mischung der beiden Metalstile Death und Black Metal punkten.

Mit Wolfheart startete auch endlich das Programm auf der Seebühne. Was hätte man sich bei den heißen Temperaturen besseres wünschen können, als direkt am Badesee mit Strand die besten Sounds des Tages zu genießen. Leider musste die Band aus Finnland mit Startschwierigkeiten beim Sound loslegen, zum Glück ging es dann aber schnell besser weiter. Tuomas Saukkonen und seine vier Mannen gaben alles an der doomlastigen Metalfront – ein atmosphärisches, emotionales und melodisches Konzerterlebnis.

Zurück auf der Hauptbühne ertönten kaum die ersten Klänge durch die Boxen, schon konnte man beim Auftritt von Any Given Day die ersten Crowdsurfer beobachten. Aber auch sonst gab es Pits wohin das Auge reichte. Die deutschen Metaller sorgten unaufhörlich, u.a. mit grandiosen Hits wie „Home Is Where The Heart Is“ dafür, dass die Securitys vor der Bühne kaum eine Atempause hatten. Fünf progressive Musiker, die vor allem an der Front mit Dennis Diehl eine starke Besetzung vorweisen konnten und durch die tief gestimmten Gitarren und schmetternden Drums die Hölle im Field losbrechen ließen.

Was Bewegung auf der Bühne angeht konnten sich jede Menge Bands etwas von Sick of it All abschneiden. Die NYC-Hardcore Band sprang wie wild über die Mainstage als gäbe es kein morgen. Vor der Bühne war der Hitze geschuldet zuerst wenig los, was sich nach einer Bemerkung von Sänger Lou und dem ersten ihrer energiegeladenen Klassiker schnell änderte. Danach sprangen Band und Publikum nahezu um die Wette und machten die Show zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Kein Wunder, denn 30 Jahre lang brettern Sick of It All schon erfolgreich durch die Hardcore-Landschaft.

Mit den Black Metallern von Behemoth ging die Mainstage wortwörtlich in Flammen auf. Die polnische Band um Frontmann  Adam Darski („Nergal“) zeigte direkt im Intro mit Fackeln, in welche Richtung es gehen würde. Feuersäulen bzw. Feuerbällen, brennende Mikros und ein regelrechtes Flammenmeer gab es hier zu bestaunen. Und das bei den bereits sommerlich-hohen Temperaturen. Mit neuen wie auch altbekannten Songs ließen Behemoth und vor allem Nergal in perfekter, düsterer Inszenierung und mit Kunstblut ihre großartige Musikmischung aus epischem Black Metal, atmosphärischer Schwarzkunst und Gothic-Rock auf das Publikum einprasseln.

Was das Finale am Freitagabend auf der Mainstage anging, war das nichts für zarte Ohren. Dort gaben sich die Australier von Parkway Drive die Ehre. Ihr Sound hatte es in sich – Hardcore, Death Metal, Metalcore, im proppenvollen Infield warteten die Zuschauer willig, um sich eine Rundum-Schelle von den fünf Down Under-Dudes abzuholen. Frontmann Winston stellte wieder einmal unter Beweis, wie vielseitig er ist und das er seiner Rolle als Vokalist ernst nahm. Hinzu kam die perfekt eingewobene Instrumentalisierung, die mit voller Wucht in Ohren und Herzen der Zuschauer ballerte. Die Truppe ließ es krachen und schonte die feierwütige Meute vor der Bühne keine Sekunde.

Full Force 2020: Infos + Tickets

So war das Reload Festival 2018 am Samstag

Wer auch immer Mr. Hurley & die Pulveraffen morgens um zehn zum Frühstück auf die Running Order setzte, hat wohl wahrlich einen Clown gefrühstückt. Oder hat dies zumindest vor. Draußen ist es zu dieser Zeit kühl, regnet und man will eigentlich am liebsten direkt zum Flughafen fahren und gerne in die Karibik fliegen, aber halt! Günstiger kriegen wir ein karibik-ähnliches Feeling auch in der Tentstage hin. Also einen kräftigen Schluck Rum zum Aufwärmen in den Pulveraffen – äh, Pulverkaffee, und ab geht’s! Die Band hat kein Problem damit, als musikalische Untermalung des Frühschoppens zu dienen und scheinbar hat der ein oder andere dieselbe Idee mit dem Rum im Kaffee gehabt. Textsicher ist das vorhandene Publikum und schunkelt und wackelt sich zum Takt der Osnabrücker Piratenbande. So weit scheint Tortuga nun doch nicht mehr weg zu sein und der Konterkaffee zu dieser Uhrzeit vereitelt die Flucht gen Urlaubsreise erfolgreich.

Kaiser Franz Josef

Mit der Rockband Kaiser Franz Josef (KFJ) gibt es in Österreich ein klassisches Power-Trio. Gegründet von Sänger und Gitarrist Sham (bürgerlich Hesham Abd El Salam) im Jahr 2010, stellt die Dreier-Combo (alle gerade mal knapp 20 Jahren alt), zu der auch noch Tom Pfundner (Schlagzeug) und Can Aygün (Bass) gehören, mittlerweile eine der heißesten Rockformationen des Landes dar. KFJ wollen es aber auch in Deutschland wissen. Bassist Can formuliert, was die Band ausmacht: “Wir geben den Alten was sie hatten und den Jungen was sie nie kannten”. Ihr Musikmix ist guter Radio- oder Stadionrock, zwischen den Chartstürmer Nickelback, Creed oder Bon Jovi. Mit ihren Catchy Hooklines, ausladenden Soli, treibenden Bassläufen und kraftvollen Drums zeigen sie dem noch etwas verhaltenen Publikum aber eindeutig, was sie können.

the night flight orchestra

Richtig Freude kommt jedoch bei The Night Flight Orchestra auf. Classic Rock vom Feinsten, der die Vergleiche zu den Szenehelden von Journey nicht zu scheuen braucht! Quasi als Idee von Mitgliedern Soilworks auf der 2007er Tour gezeugt, erblickte die All-Star-Band dann schließlich 2012 das Licht der Welt. Auf der Bühne sind die Mannen um Björn Strid eine wahre Augenweide, präsentieren sie sich schick im Anzug, und Schuhen, in denen man ihnen auch fast jeden Versicherungsvertrag unterschreiben würde. Dazu die hübschen Background-Sängerinnen, die adrett in einer Kostüm-Melange aus Stewardess und Krankenschwester wohl den ein oder anderen männlichen Zuhörer zu Fantasien jenseits der Bühnenaktivität verleiten. Seit der Gründung hat die Band mittlerweile vier Alben am Markt, von denen jedoch das aktuellste Album ‚Sometimes The World Ain’t Enough‘ den Großteil der Setlist ausmacht. Vor allem der Song ‚Lovers In The Rain‘ findet Anklang und man entdeckt viele Zuhörer, die den Song mitsingen, schließlich rockt dieser Song live richtig ab. Auch ich summe noch die eingängige Melodie vor mich hin, als die Band nach viel zu kurzen vierzig Minuten die Bühne wieder verlassen hat.

deez nuts

Die wohl weiteste Anreise hatten die Herren von Deez Nuts zu verzeichnen. Statt den australischen „Winter“ zu frönen, spielen sie lieber in Europa eine Mischung aus Club- und Festivaltour und machen zum frühen Samstagnachmittag auch die Bühne des Reload Festivals unsicher. Und es wird laut. Und schnell! Das Quartett um JJ Peters macht keine Gefangenen und so kommt endlich mal richtig Bewegung um das sonst bisher doch eher gemütlich agierende Publikum. Metal-Rapcore eignet sich ja auch schlecht zum Disco-Fox tanzen, also starten die ersten Circle Pits und Crowdsurfer versuchen, diesen irgendwie auszuweichen. Als hätten die Australier mit Petrus eine Vereinbarung getroffen, fängt es zum letzten Song ‚Bing & Purgatory‘ wieder aus allen Eimern an zu schütten – die coregetreuen Fans stört das allerdings weniger und feiern die Jungs aus Down Under bis zum letzten Ton ab.

mantar

Während es noch regnet, entern Mantar die Bühne. Ich war sehr gespannt, da ich die Band außer ihrem Logo bisher nie musikalisch wahrgenommen hatte, da auf andern Festivals immer etwas anders dazwischen gekommen ist. Du staune ich nicht schlecht, das nur zwei Mannen auf der Bühne in der Lage sind, einen solchen Krach zu fabrizieren! Aber mal ganz ehrlich, so wie das Bremer Extrem-Metal-Duo hier ihre Musik darbietet, stellt sich mir die Frage, wozu manche Bands vier oder noch mehr Leute auf der Bühne stehen haben. Nicht nur die Musik ist knallhart, auch die Ansagen von Sänger/Gitarrist Hanno gehen grad aus, sind aber unterschwellig so lustig, dass ich mich schon auf die nächsten Ansagen freue! Definitiv eine Band, die ich beim nächsten Festival nochmal anschauen werde. Nicht unbedingt, weil sie meinen Musikgeschmack treffen, jedoch absoluten Unterhaltungswert haben!

torfrock

Unterhaltsam geht es mit Torfrock weiter. Was soll man zu dieser Kombo noch erzählen, schließlich folgt nach dem bloßen Erwähnen des Bandnamens obligatorisch ein Dängelägelängeläng. Hier im Norden ist die Band zuhause und man merkt das auch, denn das Publikum scheint die Texte in- und auswendig zu kennen. Dabei hat sie in ihrer mittlerweile 40-jährigen Bandgeschichte genug Hits geschrieben, die im norddeutschen Raum Kultstatus innehaben. Sänger Klaus Büchner, der in den 80er und 90er Jahren auch als kleiner Klaus im Blödel-Duo Klaus & Klaus mitwirkte, leitet das Publikum vergnüglich durch den Auftritt der Partyrocker. „Renate“ wird abgefeiert und bei „Beinhart“, den wirklich jeder aus den Werner-Verfilmungen kennt, gibt es kein Halten mehr und das komplette Gelände ruft nur noch bei der entsprechenden Passage das unvermeidliche  Dängelägelängeläng.

Voll auf die 12 gibts im Anschluss bei den Veteranen des NY-Hardcore Madball. Auch nach dreißigjährigem Bestehen wirkt die Band kein bißchen müde, im Gegenteil. Sänger Freddy Cricien scheint die Bühne noch zu klein zu sein und nimmt diese in voller Länge ein. Er feuert das eh schon hochmotivierte Publikum an jeder Ecke an, und es wird mit Circlepits und Extrem-Moshing gedankt.

dragonforce

Bei Dragonforce kommen hingegen alle Fans klassischen Powermetal voll auf ihre Kosten. Melodie-Feuerwerke treffen auf Tempiwechsel, wie Honigkuchenpferde grinsende Musiker treffen auf ein dankbares Publikum, Kaum eine Band zelebriert das Saiten-Gefrickele so ausgiebig wie die Londoner. Technisch einwandfrei und spielerisch ausgeklügelt vermittelt die Band Lehrstücke im Songwriting. Kein Song, der nicht ohne ein Gitarrensolo der Oberklasse bietet. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass viele Fans offen zeigen, was sie bei Guitar Hero gelernt haben und geben beim Kulthit „Through the Fire And Flames“ ihre Luftgitarren-Künste zum Besten. Danach muss wohl der ein oder andere Nacken erstmal eine Verschnaufpause einlegen und wieder eingerenkt werden.

Sick of it all

Da jedoch mit Madball  nicht genug NY-Hardcore auf dem Reload vertreten war, kommen nun Sick of it All zum Einsatz, und die machen keine Gefangenen. Direkt mit den Ansage von Souter Lou Koller wird klar gemacht, das es nicht leise wird. Aber das hat auch wahrlich niemand erwartet. In bester Old School-Manier zeigen die Herren, dass sie, obwohl sie zum alten Eisen gehören, mächtig Dampf ablassen können und Szene-Youngsters zeigen, wer im Hardcore-Bereich das Maß aller Dinge ist. Der Kreislauf der Fans ist auf 180 und zeigt sich entsprechend in einem gewaltigen Circle Pit, der von den geballten Beats des Drummers Armand Majidi immer weiter und weiter entfacht wird. Bei der im Anschluss  aufgebauten Wall of death wollte ich gar nicht hinsehen, so energiegeladen sind die beiden Wände aufeinander eingefallen. Aber laut Medienberichten gab es keine größeren Verluste zu beklagen.

In der Pause nutzt der ein oder andere die Zeit, seine Knochen wieder zu richten, während Veranstalter Andre Jürgens die Bühne betritt um sich beim Publikum für das zahlreiche Erscheinen zu bedanken, das dazu geführt hat, dass das Reload Festival im Vorfeld zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Sold Out melden konnte.

kreator

Die Bühne verdunkelt sich, denn nun gibt sich der Ruhrpott die Ehre! Die Großmeister des Teutonen-Thrashmetals Kreator bitten nicht zum Tanze, sondern fordern totale Zerstörung. Sollen sie haben! Denn schon beim Opener „Phantom Antichrist“ ist die Masse nicht mehr zu halten. Ein kleiner Wermutstropfen ist aus dem Fotografenlager zu beklagen. Statt der üblichen drei Songs wurden aufgrund Pyro-Einsatzes nur zwei Songs genehmigt, aber der Verantwortliche im Graben konnte nicht richtig zählen, und hat die fleißigen Scharfschützen schon nach einem Song aus dem Gefechtsgraben beordert. Das soll nicht ganz so schlimm sein, so können sie sich direkt im Anschluss mit einem frischen Bier direkt zu ‚Enemy of Gods‘ den Auftritt von Fronten Mille Petrozza und seinen Mannen anschauen. Mille scheint gut drauf zu sein, auch seine grauen Zellen liefern ihm Erinnerungen des letzten Auftritts auf dem Reload, und so will er ein weiteres Mal eine Wall of Death vor sich sehen, die ihm das Publikum auch nicht verwehrt. Die Essener (mit finnischem Import in Form von Gitarrist Sami Yli-Sirniö) hauen den Massen ihre Hits wie ‚Phobia‘, und ‚Satan Is Real‘ um die Ohren, und als wäre des den Zuhörern nicht eh schon warm genug, wird die ganze Stimmung noch von Pyros weiter aufgeheizt. Zu ‚Flag Of Hate‘ schwenkt Mille diese in die Luft, aber auch ‚Violent Revolution‘ und ‚Pleasure to kill‘ dürfen im Set nicht fehlen. Damit haben die Thrash-Legenden aus dem Solinger Battlefield wahrlich ein Schlachtfeld gemacht.

In flames

Mittlerweile ist es ganz schön schattig geworden in der norddeutschen Pampa und die Headline IN FLAMES lassen  auf sich warten. Als dann mit über zwanzig Minuten die Lichter angehen, wird auch verständlich, warum. Die Bühne gleicht einem riesigen Verkaufsraum für LED-Projektoren. Was die Schweden an Lichtshow aufwarten, macht optisch schon einiges her. Auch wenn sie aus nördlichen Gefilden kommen, auch Anders Frieden und seinen Mitstreitern scheint es kalt zu sein, und sie entern in Jacken die Bühne. Selbst Neuzugang Tanner Wayne an den Drums hat sich zum dritten Song einen Pullover bringen lassen. Trotz einiger Crowdsurfer scheint der Funke der Melodie Death Helden nicht wirklich aufs Publikum überspringen. Zu lange sind die Pausen zwischen den Songs, und Anders war auch noch nie wirklich der Entertainer, der mit coolen Sprüchen das Publikum zu animieren vermag. Es bedarf viel Anfeuerung seitens der Schweden, um die Fans nochmals in Wallung zu bekommen. Es ist kalt, es ist spät, die Energiereserven weitgehendste aufgebraucht, jedoch Funktionieren die Kehlen der Besucher noch gut genug, um bei den größten Hits „Only For The Weak“, „Pinball Map“, „Clouds Connected“ und „Take This Life“ lautstark mitzusingen. Zum Abschluss folgt „Dead End“ und ein letztes Mal dürfen die Schweden für diesen Festivalsommer von Applaus getragen die Bühne verlassen.

Infos + Tickets Reload Festival 2019Reload Festival 2019 / Reload 2019

Ruhrpott Rodeo 2016 – Tag 3: Die Euphorie des Abschiedsschmerzes

Dass das Ruhrpott Rodeo ein ganz besonderes Bandpaket zu bieten hat, lässt sich schon Wochen vor Beginn in den sozialen Netzwerken verfolgen. NOFX-Frontmann Fat Mike postet auf Instagram ein Bild zur Bandauswahl des Rodeos und kündigt ein hochkarätiges Pokerspiel mit Künstlern wie Milo Aukerman, Henry Rollins, Keith Morris, Joey Cape, Jello Biafra, Charlie Harper, Lou Koller, Scott Sturgeon, Blag Dahlia, CJ Ramone, Jack Grisham und Axel Kurth an.

Die Reaktionen seiner Leser sprechen Bände: „Wow. That line up is one of the most stacked I’ve ever seen!!!”, „Punk rock heaven show.“ oder „Why da fuck doesn’t Warped Tour have bands like this anymore?”. Völlig klar, dass irgendwer immer aus dem Häuschen ist, da er gleich DIE Helden seiner Jugend sehen darf.

Hier gehts zum Bericht: Ruhrpott Rodeo 2016 – Tag 1
Hier gehts zum Bericht: Ruhrpott Rodeo 2016 – Tag 2

Die erste Heimreisewelle hat begonnen. Pünktlich ab zwölf Uhr öffnen die Pforten für die letzte Runde Ruhrpott Rodeo 2016. Zwei Tage liegen bereits hinter uns und obwohl das Wetter am gestrigen Samstag nicht ausschließlich gut zu uns war, stehen wir pünktlich zu Christian Steiffen auf der Matte. Der Entertainer weiß, wie er das Publikum in seinen Bann zieht und bringt bereits zu dieser frühen Uhrzeit mehrere hundert Rodeisten zum Tanzen und Singen. „Wie gut, dass ich wieder hier bin!“, brüllt der Sänger der Menge entgegen und es ist fast ein bisschen erschreckend, wie fest das Punkrock-Publikum im Sattel der steiff’schen Songtexte steckt.

So war CHRISTIAN STEFFEN live

Deutlich brachialer hält es die tschechische Folk-Punk-Band Pipes and Pints. Bedingungslos öffnet sich der Pit vor der Bühne und der Prager Fünfer feuert nach. Brutal hetzt ein Titel nach dem anderen durch die Kehle des kalifornischen Frontmannes Syco Mike. Dass das Publikum schnell auf die Band anspringt, entgeht auch Mike nicht und so entschließt er den Circle Pit in der Menge der Masse zu zünden. Dazu begibt er sich gemeinsam mit dem Highland-Bagpipe-Genie Vojta Kalina in die Crowd.

So waren PIPES AND PINTS live

Da der Wind sein ganz eigenes Spiel mit dem energiegeschwängerten Sound der New Yorker treibt, kann man den Fünfer Leftöver Crack am besten aus den ersten Reihen bestaunen. Traut man dem Gehörten aus dem Publikum, scheint für viele die extrem gesellschaftskritische Band eine absolute Neuentdeckung zu sein. Zu recht, wie wir finden. Mit einem mehr als authentischen Dank verabschiedet sich die Band nach 45 Minuten von ihrer Zuhörerschaft.

So war LEFTÖVER CRACK live

Swiss und die Anderen scheinen erstmal so gar nicht in das bisherige Line Up zu passen. „Affektierter Hipster-Punk-Rap“, pöbelt ein Zuschauer und macht sich auf den Weg Richtung Food Corner. Cross Over im Genre Punk ist auch echt nicht immer die beste Idee. Als DJ Da Wizard mit dem Rage Against the Machine Cover „Killing In The Name Of“ startet, sind vermehrt kopfschüttelnde Besucher zu beobachten. Auch wenn es uns bis hier nicht wirklich packt, muss man den Hamburgern und insbesondere Sänger Swiss anerkennen, dass sie es echt Talent haben den Zuschauerraum zu motivieren.

So war SWISS & DIE ANDEREN live

Mit den UK Subs bucht Alex Schwers die nächsten Punk-Veteranen auf die Ruhrpott-Stage. Charlie Harper und seine Jungs gehören wohl nicht nur der alten Punkschule an, sondern gefühlt auch zu den Bands mit dem größten Charisma. Neu dabei haben die sympathischen Engländer den Gitarristen Stephen Straughan. Eine mehr als beeindruckende Wirkung hat die Leidenschaft von Frontmann Harper auf uns. Der 72-jährige hat deutlich Spass an der Musik, dem Publikum und offensichtlich auch am Ruhrpott Rodeo. Vielen Dank!

So war UK SUBS live

Darüber, dass Mann kackt sich in die Hose nicht einfach so auf die Rodeo Stage gebucht wurden, haben wir im Vorfeld schon berichtet. Geschadet hat es allerdings nicht. Souverän und ordentlich rotzig liefern die Dortmunder Crust-Punks ab. Ihre Ansagen werden zunehmen sinnbefreiter, aber das muss ja an einem Sonntagnachmittag nicht das schlechteste sein.

So war MANN KACKT SICH IN DIE HOSE live

Zurück auf der Ruhrpott Stage, startet schon die italienische Ska-Punk-Band Talco. Dass sich bei der clever gewählten Mischung aus Punk, Ska, Gipsy und Patchanka kein Besucher lang auf seinem Platz halten kann, beweist die aus Venedig stammende Band nicht zum ersten Mal. Talco heißt Tanzen trotz kritischer Texte, oder eben genau deswegen. Und wenn man sich dann mal überlegt, wie sich eine Revolution unter dem Soundtrack des Sextetts anfühlen würde, kann man nur die Faust in die Luft reißen, während man die Melodie zu „Bella Ciao“ summt.

So war TALCO live

Auch The Dwarves gehören zum alten Eisen. Mit Singalongs am Band lässt das Erscheinungsbild der Dwarves etwas zu wünschen übrig. Kennt man die aus Chicago stammenden Musiker eher provokant gekleidet, sind sie hier wohl ganz entspannt in Zivil unterwegs. Äußerst schade.

So waren THE DWARVES live

Auch wenn wir uns in keiner Sekunde dieses Wochenendes auf Sinkfahrt der MS Rodeo befunden haben, geht es ab jetzt nur noch steil bergauf. Flag impliziert ohne Frage Künstler, die mehr als eine Generation mit ihrer Musik prägten. Noch mehr alte Schule und uns wird schwindelig. Die am Schlagzeug prangende Setliste liest sich wie ein Lebenslauf und ein bisschen Gänsehaut zieht über den Körper. Flag haben längst Musik gemacht als – trotz des angenehmen Altersdurchschnittes – die meisten Anwesenden noch in ihren Kinderschuhen steckten: 36 Jahre Musikgeschichte gibt es zu bestaunen und auch wenn man irgendwie damit rechnet, dass Henry Rollins irgendwann die Bühne für eine glorreiche Reunion betreten wird, atmet man erleichtert auf, dass er es nicht tut. Aber vielleicht schenkt er den Erinnerung an die Vergangenheit zumindest ein Ohr.

So war FLAG live

Mit Sondaschule gibt es alte Bekannte zu sehen. Die Band aus Oberhausen ist wohl beliebter als Nutella – kann man aber auch verstehen. Immerhin beherrschen sie es wie kaum eine andere Combo, ihre Gefolgschaft bis in die kleinste Haarspitze zu motivieren. Die Security hat ordentlich zu tun, feiert das Siebenergespann aber selbst ordentlich. Im sechsten Jahr auf dem Rodeo sind die Herren mittlerweile alte Hasen am Flugplatz Schwarze Heide und es ist mehr als erstaunlich, wie offensichtlich sich die Ska-Punks von der Ruhr musikalisch – aber auch bühnenwirksam, weiterentwickelt haben. Hut ab!

So war SONDASCHULE live

TSOL – True Sounds of Liberty – gehören zu den Geheimtipps des Publikums. Eine Band aus der Zeit von Bad Religion, Circle Jerks oder The Adolescents. Das dicke Goldkettchen am Hals des Frontmannes Jack Grisham wirkt prollig, man munkelt jedoch, dass es ganz ironisch aus Plastik sei. Wer mal einen tieferen Eindruck bei TSOL bekommen möchte, sollte sich auf den Weg nach Huntington Beach machen, denn Grisham lädt mittlerweile traditionell alle Gäste zu sich nach Hause ein; gekommen sei bisher allerdings nur einer.

So war TSOL live

Was soll man zu Sick Of It All sagen? Das New Yorker Schlachtschiff erklärt sich nach 30 Jahren Bandgeschichte von selbst und fasziniert immer und immer wieder. Der Name ist Programm und so dauert es nicht lang, bis Lou Koller die politische Frustkeule schwingt und seinem Ärger über Clinton und Trump Luft macht. Untermauert wird seine Abneigung mit dem Titel „Uprising Nation“. Recht hat er! Das Publikum stimmt unter tosendem Applaus zu! Wie gewohnt rasen Pete Koller und Craig Setari über die Bühne als hätten sie Duracell-Batterien gefrühstückt. Mit peitschenden Gitarren und in Tiefrot gehüllt rechnen SOIA mit dem ganzen Scheiss dieser Welt ab.

So war SICK OF IT ALL live

Wenn sich eine Generation eingestehen muss, dass sie wohl keine Chance mehr haben wird die Ramones zu sehen, dann zeigt sie sich überschwänglich erfreut CJ Ramone in Hünxe begrüßen zu dürfen. Christopher Joseph Ward war von 1989 – 1996 Bassist bei der legendären Band „Ramones“ und beweist auch heute, dass er sein Geschäft versteht. Mit funkelnden Augen folgen die Zuschauer dem Punkurgestein und zeigen sich erstaunlich textsicher. Ob die Rodeo Stage ein anderes Mal so gut gefüllt war, können wir nicht sicher beweisen. Und bei CJs Geschichten um die Ramones sowie den Klassikern „California Sun“, „I Wanna Be Your Boyfriend“, „Judy Is A Punk“ und „Do You Wanna Dance“ träumt man sich schnell in die Zeit der Anfänge der Ramones oder einen Abend im legendären CBGB. Am Ende gibt’s Unterstützung vom The Dwarves Bassisten Nick Oliveri.

So war CJ RAMONE live

Als das kleine gelbe Banner mit den vier Buchstaben auf der Ruhrpott Stage gehisst wird, wissen wir, dass das Ende naht. NOFX beenden für uns das Ruhrpott Rodeo 2016 und überzeugen mit einer gewaltig lustigen Show. Fat Mike steht der Entzug echt gut und es ist fraglich, wann man ihn in letzter Zeit so unfassbar witzig erleben konnte. Im Duell mit Eric Melvin und El Hefe stellt der Kalifornier einige Komiker in den Schatten. Auch das Publikum bekommt immer mal wieder eine auf den Deckel, erfreut sich jedoch die anderen Gäste und Bandmitglieder erheitern zu können. Fat Mike hat ein – nennen wir es mal – sommerliches Kleid an und während des Blickes durch die Kamera fällt es schwer, sein rosa Höschen zu missachten. Ach, was soll’s, man sieht’s ja nicht ohne Grund. Dann macht er uns vor wie sich der Unterschied des Sick OF It All-Bassspiels und seines eigenen anhört. Kurz darauf erklärt er stolz, er habe jetzt auch einen Song im SOIA-Stil. Brachial geht also auch. Nach einer Show mit klaren Hits wie „Linoleum“, „Idiots Are Taking Over“, „Six Years On Dope“, „Bottles To The Ground“ oder „The Separation Of Church And Skate“ und selbstironischen Scherzen, begeben wir uns auf den Weg zum Caravan Camp. Unser Auto ist bereits gepackt und während Henry Rollins das Festival final beendet, geht unsere Reise Richtung Autobahn. Euphorisiert und gleichzeitig tief betrübt sagen wir Tschüss und uns wird bewusst, was wir dreißig Minuten nach Ankunft schon wussten: Der Abschied wird schmerzhaft, aber nicht für immer sein.

So waren NOFX live

Danke an:
Maria Graul für Bilder und Text.