Rock am Ring 2026 am Samstag: Halbzeit? Jetzt wird erst richtig gezündet
Rock am Ring zeigte auch am zweiten Tag wieder, warum es nicht einfach ein nur großes Open Air ist, sondern ein eigener Aggregatzustand zwischen Campingplatz-Mythos, Eifelwetter, Gitarrenlärm und generationenübergreifender Eskalation. Nach der Ankündigung des neuen Termins für 2027 (4. bis 6. Juni und dem ersten Headliner Blink-182), ging der erste Tag mit einem Megaabriss von Linkin Park und nachfolgend mit Limp Bizkit quasi in die RaR-Geschichte ein.
Mit einem angenehmen Sonne-Wolken-Mix startete am frühen Nachmittag das Programm auf der ikonischen Rennstrecke in der Eifel. Der Samstag und damit zweite Festivaltag war dabei bemerkenswert modern: Alternative Rock, Metalcore, Rap, Horror-Metal, Partycore, dänischer Elvis-Metal und ein Headliner, der Social-Media-Ästhetik und düstere Härte auf Arenaformat zog.
Es war ein Tag, der nicht so sehr eine Stilrichtung feierte, sondern die Gegenwart des Rock in all ihren seltsamen, lauten und sehr unterhaltsamen Ausprägungen. Wer am Freitag noch dachte, nach Linkin Park und Limp Bizkit sei der Nürburgring bereits komplett leergebrüllt, wurde am Samstag eines Besseren belehrt: Die Eifel hatte noch Stimme. Die Besucher gingen an ihre Grenzen und zwar mit Stimmbändern, Nackenmuskeln und der Akkus von sehr vielen Handys. Genau dafür fährt man zu Rock am Ring: weil die Eifel an solchen Wochenenden nicht einfach laut ist, sondern legendär.
Ecca Vandal
Ecca Vandal eröffnete am Samstag mit ihrem Auftritt die Hauptbühne und schon nach wenigen Songs wusste man nicht mehr, ob man gerade bei Punk, Hip-Hop, R&B, Elektro oder einem sehr gut gelaunten Kontrollverlust gelandet war. Die australische Künstlerin, die solo unter dem Namen Ecca Vandal auftritt und live von ihrer Band flankiert wurde, sprengte mit ihrer Mischung aus roher Punk-Energie, Rap-Attitüde, souligen Melodien und elektronischem Druck jede hübsch sortierte Genre-Schublade. Mit ihrem Debütalbum „Ecca Vandal“, dem 2026 erschienenen „Looking For People To Unfollow“ und Songs wie „Your Orbit“, „Broke Days, Party Nights“, „Bleed But Never Die“ oder „Cruising To Self Soothe“ hatte sie sich längst als Künstlerin etabliert, die lieber Türen eintritt, als höflich anzuklopfen. Am Nürburgring wirkte diese Rastlosigkeit besonders stark, weil Ecca Vandal zwischen all den großen Gitarren- und Metalcore-Namen nicht um Aufmerksamkeit bat, sondern sie sich mit Stimme, Körpersprache und Bühnenpräsenz einfach nahm.
Paleface Swiss
Paleface Swiss hatten am Samstag bei Rock am Ring 2026 keinen Auftritt gespielt, sondern eher eine Abrissgenehmigung in Deathcore-Form eingereicht. Die Band aus Zürich um Sänger Marc „Zelli“ Zellweger, Gitarrist Yannick Lehmann, Bassist Tommy Lee und Drummer Cassiano „Cassi“ Toma steht für eine brutale Mischung aus Beatdown-Hardcore, Deathcore und Nu-Metal-Wucht, bei der Breakdowns nicht fallen, sondern einschlagen. Mit Alben wie „Fear & Dagger“, dem 2025 erschienenen „Cursed“ und Songs wie „The Orphan“, „Please End Me“, „Best Before: Death“ oder „Hatred“ hatten sich Paleface Swiss längst vom Szene-Geheimtipp zu einer der kompromisslosesten europäischen Heavy-Bands hochgearbeitet. Am Nürburgring wirkte ihr Sound wie ein Vorschlaghammer mit Schweizer Präzisionsmechanik: gnadenlos, finster, körperlich und trotzdem erstaunlich kontrolliert. Besonders sehenswert war die Show, weil Paleface Swiss nicht versuchten, das große Festivalpublikum freundlich abzuholen, sondern es frontal in ihren eigenen Albtraum zogen.
The Pretty Reckless
The Pretty Reckless eröffneten den Samstag mit jener Mischung aus Hard Rock, Grunge und Alternative, die seit der Bandgründung 2009 ihr Markenzeichen war. Im Zentrum stand Taylor Momsen, früher Schauspielerin, längst aber vor allem eine Rockfrontfrau mit markanter Stimme und ordentlich Ruß im Timbre. Zur Band gehörten neben Momsen Gitarrist Ben Phillips, Bassist Mark Damon und Drummer Jamie Perkins, also eine Besetzung, die den Sound nicht polierte, sondern schön schmutzig ließ. Mit Songs wie „Make Me Wanna Die“, „Heaven Knows“, „Going to Hell“ und „Messed Up World“ hatten The Pretty Reckless bewiesen, dass moderner Hard Rock auch ohne Retro-Kostüm funktionieren konnte. „Heaven Knows“ und „Messed Up World“ erreichten wichtige Rockchart-Spitzenplätze und machten die Band endgültig zu mehr als einer Promi-Nebengeschichte. Besonders sehenswert war ihr Ring-Auftritt, weil Momsen die große Bühne nicht anschrie, sondern beherrschte.
Bilmuri
Bilmuri war danach einer dieser Acts, bei denen man erst lachte, dann nickte und am Ende merkte, dass hier ziemlich klug an Genregrenzen gesägt wurde. Hinter dem Projekt stand Johnny Franck, früher Gitarrist und Clean-Sänger bei Attack Attack!, der Bilmuri seit 2016 als eigensinnige Mischung aus Post-Hardcore, Pop, Funk, Emo und Humor aufgebaut hatte. Die Musik klang, als hätte jemand Metalcore, Schlafzimmerpop, Saxofon-Seligkeit und Internet-Meme-Kultur in einen Mixer geworfen und danach erstaunlich sorgfältig produziert. Songs wie „ABSOLUTELYCRANKINMYMF’INHOG“, „BETTER HELL“ oder Material aus „American Motor Sports“ zeigten, wie charmant überdreht dieses Projekt sein konnte. Live war das besonders, weil Bilmuri die sonst oft bierernste Core-Welt mit einem Grinsen betrat, ohne musikalisch weich zu werden. Der Nürburgring bekam hier keinen klassischen Bandauftritt, sondern einen hochsympathischen Kontrollverlust mit Refraingefühl. Genau solche Slots machen Festivaltage interessant: Man geht aus Neugier hin und kommt mit einem neuen Lieblingswitz samt Breakdown zurück.
Bury Tomorrow
Bury Tomorrow brachten anschließend Metalcore aus Southampton auf die Bühne, und zwar in jener robusten, melodischen Form, die sich live sofort bezahlt macht. Die Band bestand aus Daniel Winter-Bates, Davyd Winter-Bates, Adam Jackson, Kristan Dawson, Ed Hartwell und Tom Prendergast. Ihr Sound lebte vom Wechselspiel aus wütenden Shouts, klaren Refrains, präzisen Gitarren und einer Rhythmussektion, die Breakdowns nicht spielte, sondern in den Boden schraubte. Mit Alben wie „The Union of Crowns“, „Black Flame“, „Cannibal“, „The Seventh Sun“ und dem 2025 erschienenen „Will You Haunt Me, with That Same Patience“ hatten sie sich als verlässliche Größe des europäischen Metalcore etabliert. Besonders sehenswert war ihre Show, weil Bury Tomorrow nie den Eindruck machten, sie müssten das Publikum erst überzeugen. Sie kamen, spannten die Nackenmuskulatur der ersten Reihen an und lieferten ein Set, das gleichermaßen hymnisch und brutal funktionierte.
Tom Morello
Tom Morello war am Samstag der Mann, bei dem Gitarren plötzlich nach Sirenen, Maschinen, Plattenspielern und Aufstand klangen. Berühmt wurde er vor allem mit Rage Against the Machine und Audioslave; sein Stil verband Rock, Metal und Hip-Hop mit Effekten, ungewöhnlichen Spieltechniken und einem sofort erkennbaren Sound. Auf der Bühne stand hier nicht nur ein Gitarrist, sondern ein musikalischer Aktivist, dessen Riffs seit Jahrzehnten Protestplakate mit Strom versorgten. Klassiker aus seinem Kosmos, Solo-Material und die unvermeidliche Rage-DNA machten den Auftritt zu einem Brückenschlag zwischen Rockgeschichte und Gegenwart. Besonders war diese Show, weil Morello am Nürburgring nicht nostalgisch wirkte, sondern weiterhin gefährlich wach. Er spielte, als wolle er beweisen, dass eine Gitarre auch 2026 noch ein politisches Werkzeug sein konnte.
Landmvrks
Landmvrks lieferten danach modernen Metalcore aus Frankreich, der nicht zwischen Härte und Eingängigkeit wählen wollte. Die Band aus Marseille wurde 2014 gegründet; besonders Sänger Florent Salfati und Gitarrist Nicolas Exposito prägten den explosiven Mix aus Melodie und Druck. Ihr Sound verband Metalcore, Hardcore, Rap-Anflüge, melodische Refrains und eine Live-Energie, die sofort in die Beine ging. Songs wie „Lost in a Wave“, „Rainfall“, „Creature“ und „Self-Made Black Hole“ hatten Landmvrks in der europäischen Core-Szene weit nach vorn geschoben. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Salfati zwischen Gesang, Shouts und Rap-Phrasierung mit beeindruckender Leichtigkeit wechselte. Die Band klang nicht wie ein weiterer Metalcore-Export, sondern wie ein Act, der genau wusste, wie man moderne Härte fürs Festivalformat schärft.
Three Days Grace
Three Days Grace brachten am Samstag kanadischen Alternative Metal und Post-Grunge in einer Konstellation auf die Bühne, die viele Fans lange nicht für möglich gehalten hätten. Adam Gontier war 2024 zur Band zurückgekehrt und teilte sich nun die Gesangspflichten mit Matt Walst, der nach Gontiers Ausstieg 2013 Frontmann geworden war. Diese Zwei-Sänger-Dynamik machte Songs aus verschiedenen Bandphasen plötzlich zu einem gemeinsamen Live-Katalog. Mit „I Hate Everything About You“, „Animal I Have Become“, „Pain“, „Never Too Late“, „Riot“ und neuerem Material aus der Walst-Ära hatte die Band genug Stoff für ein sehr lautes Therapiezelt. 2026 war zudem das Album „Alienation“ Thema der laufenden Tour, während Klassiker von „One-X“ und „Life Starts Now“ weiter zentrale Rollen spielten. Besonders war die Show, weil Three Days Grace nicht einfach Nostalgie servierten, sondern ihre eigene Bandgeschichte sichtbar versöhnten. Das Publikum bekam große Refrains, dicke Gitarren und den seltenen Eindruck, dass eine Rockband live gerade wirklich ein neues Kapitel schrieb.
Ice Nine Kills
Ice Nine Kills verwandelten den Nürburgring anschließend in ein sehr lautes Splatter-Kino mit Gitarren. Die US-Band um Sänger Spencer Charnas hatte sich mit ihrem Horror-Metal-Konzept eine eigene Nische gebaut, in der Metalcore, Theater, Slasher-Ästhetik und cineastischer Größenwahn zusammenwohnten. 2026 arbeitete die Band weiter an neuen Horrorprojekten, darunter Musik rund um „Scream 7“ und das eigene Filmprojekt „The Slashin’ Of The Christ“. Zum Live-Kosmos gehörten Songs wie „A Grave Mistake“, „Hip to Be Scared“, „The American Nightmare“, „Stabbing in the Dark“ und „Welcome to Horrorwood“. Musikalisch war das präziser Metalcore mit viel Melodie, aber die Inszenierung machte daraus ein Ereignis zwischen Konzert, Gruselkabinett und Nerd-Fest. Besonders sehenswert war die Show, weil Ice Nine Kills nie nur Songs spielten, sondern Szenen.
Electric Callboy
Electric Callboy waren der große deutsche Partycore-Moment des Tages und bewiesen einmal mehr, dass Metalcore und Eurodance nicht Feinde, sondern offenbar sehr betrunkene Cousins sind. Die Band aus Castrop-Rauxel bestand aus Kevin Ratajczak, Nico Sallach, Daniel Haniß, Pascal Schillo, Daniel Klossek und David-Karl Friedrich. Ihr Sound verband Metalcore, EDM, Pop-Hooks und Comedy-Timing zu einer Formel, die in den vergangenen Jahren international erstaunlich durch die Decke ging. Die Band verweist selbst auf goldzertifizierte Hymnen wie „Hypa Hypa“, „We Got The Moves“ und „Pump It“ sowie auf das chartstürmende, ebenfalls goldzertifizierte Nummer-eins-Album „TEKKNO“. Live war das natürlich kompletter Wahnsinn: Breakdowns, Rave-Momente, Aerobic-Vibes und eine Menge Menschen, die gleichzeitig headbangten und grinsten. Besonders war ihr Ring-Auftritt, weil Electric Callboy längst nicht mehr als Spaßnummer funktionierten, sondern als extrem professionelle Festivalmaschine. Der Nürburgring wurde für eine Stunde zur Dorfdisco mit Weltklasse-Produktion – und ja, das war ausdrücklich ein Kompliment.
Marteria
Marteria brachte danach deutschen Rap auf den Ring, ohne wie ein Fremdkörper zwischen all den Gitarren zu wirken. Der Rostocker Künstler heißt bürgerlich Marten Laciny, ist auch als Marsimoto bekannt und gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Rap- und Pop-Crossover-Acts. Seine Musik verband Rap, elektronische Flächen, Stadionrefrains, Ostsee-Melancholie und diese leicht vernebelte Euphorie, die zwischen „alles egal“ und „alles bedeutet etwas“ pendelt. Mit Yasha und Miss Platnum landete er 2012 mit „Lila Wolken“ auf Platz eins der deutschen Singlecharts, dazu kamen Live-Favoriten wie „Kids“, „OMG!“, „Verstrahlt“, „Niemand bringt Marten um“ und „Welt der Wunder“. 2026 stand außerdem „Zum Glück in die Zukunft III“ im Raum, die Fortsetzung seiner prägenden Albumreihe. Besonders sehenswert war sein Auftritt, weil Marteria die Metal- und Rock-Menge nicht anbiederte, sondern mit eigener Sprache abholte.
Volbeat
Volbeat kamen, sahen und machten aus der Eifel wieder eine Rockabilly-Metal-Tankstelle mit Stadionbetrieb. Die dänische Band bestand 2026 aus Michael Poulsen, Jon Larsen, Kaspar Boye Larsen und dem inzwischen fest bestätigten Leadgitarristen Flemming C. Lund, der nach Rob Caggianos Ausstieg dauerhaft zur Band gestoßen war. Musikalisch blieben Volbeat diese wunderbar eigenartige Mischung aus Heavy Metal, Hard Rock, Rock’n’Roll, Punkkante und Elvis-Schattenboxen. Hits wie „Still Counting“, „For Evigt“, „Lola Montez“, „A Warrior’s Call“, „The Devil’s Bleeding Crown“ und „Fallen“ hatten sie längst zu einem der zuverlässigsten Festival-Headliner Europas gemacht. 2025 erschien ihr neuntes Studioalbum „God of Angels Trust“, dessen Singles „By a Monster’s Hand“, „In the Barn of the Goat Giving Birth to Satan’s Spawn in a Dying World of Doom“ und „Time Will Heal“ den neueren, dunkleren Volbeat-Kurs markierten. Besonders war die Show, weil Volbeat am Ring nie wie Gäste wirken, sondern wie eine Band, die hier schon immer ein Ferienhaus aus Verstärkern besessen hat. Poulsens Stimme, die irgendwo zwischen Metalfrontmann und Rockabilly-Prediger wohnt, trug auch diesmal mühelos über das Gelände.
Bad Omens
Bad Omens beschlossen den Samstag mit einem Auftritt, der zeigte, wie moderner Metalcore 2026 auf ganz großer Bühne aussehen konnte. Die Band aus Richmond, Virginia, wurde 2015 von Sänger und Produzent Noah Sebastian mitgegründet; zur aktuellen Besetzung gehörten außerdem Nicholas Ruffilo, Nick Folio und Joakim „Jolly“ Karlsson. Ihr Sound verband Metalcore, Alternative Metal, elektronische Elemente, R&B-Anklänge und eine dunkle, hochästhetische Live-Inszenierung. Mit „THE DEATH OF PEACE OF MIND“ und Songs wie „Just Pretend“, „The Death of Peace of Mind“, „Like a Villain“, „Nowhere to Go“ und neueren Singles wie „Dying To Love“, „Impose“ und „Specter“ hatten Bad Omens den Sprung vom Szenehype zum internationalen Großformat geschafft. Offiziell wurden sie für Rock am Ring 2026 als einer der spannendsten aufstrebenden Acts des modernen Metalcore beschrieben, angeführt von Noah Sebastian und getragen von einem emotionalen, atmosphärischen Sound zwischen Melodie und Härte. Besonders sehenswert war diese Show, weil Bad Omens nicht einfach lauter wurden, sondern größer: mehr Raum, mehr Dunkelheit, mehr kontrollierte Spannung. Als der letzte Refrain über den Nürburgring zog, fühlte sich der Samstag weniger beendet als versiegelt.
Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Bad Omens bei Rock am Ring 2026 zu fotografieren.