Episch.
[episch] ‹Adj.› außergewöhnlich groß, eindrucksvoll oder überwältigend; in Ausmaß und Wirkung monumental: ein episches Konzert; eine epische Begegnung; das war episch. Synonyme: grandios, gewaltig, monumental, überwältigend. Mehr geht nicht. Mehr muss man nicht sagen. Feddich. Allein der Versuch, Motorpsycho-Konzerte in eine programmatische Gattungsdefinition zu zwängen, wirkt verloren angesichts dessen, was diese Norweger auf die Bühne bringen. Oder wir skippen dieses paratextliche Vorspiel, schließen die Augen und lassen noch einmal Revue passieren, was da eigentlich passiert ist an diesem 10. September 2026 im Conne Island.
Tonight′s the night
You can fly me as a kite
I’ll be alright, I′m that light-headed
Wenn Euphorie einen Klang hätte, dann wäre er schwer und mehrschichtig, ein dröhnendes Kribbeln, ein Leuchten, das nicht aus der Backline kriecht, sondern als synästhetisches Berühren irgendwo zwischen Brustbein, Boden und Phantasieren entsteht.
Wenn Zärtlichkeit eine Melodie hätte, dann läge sie als zweite Ebene unter diesem Set, zu dem sich Liebende wiegen, umarmt von brachialer Schönheit, die Erinnerungen aus der Dunkelheit stanzt.
I wanna see your face again
It’s been too long, I can’t maintain
The feelings you evoke in me
Without your smile to set me free
Bent Sæther und Hans Magnus Ryan machen nicht viele Worte um das, was sie mit Leipzig teilen. Kein Glitzer, kein Kitsch, keine Wundertüte, keine pompöse Lichtshow, weder Pose noch Pause. Wer diese Band zu seinem Evangelium erhoben hat, will genau das: ein tiefes, warmes, kaum zu fassendes Vibrieren, das sich einstellt, wenn Motorpsycho einfach ihr Ding machen.
Ihr Ding, das ist immer anders, seit mehr als 30 Jahren eine ganz eigene Eklektik zwischen Prog, Noise, Jazz, Indie, Psychedelic, Post-Rock, Punk, Avantgarde u. v. m. Immer anders, immer brachial, aber immer Motorpsycho. Ihr Ding wird an diesem Abend auch von Nils Reine Fiske (git, keys) und einem Schlagzeuger getragen, der im Nebenfach Gesichtsakrobatik studiert haben muss. Ihr Ding, das entsteht nicht auf der Bühne, sondern findet sichtlichen Widerhall im Publikum.
So tonight′s the night
You can fly me as a kite
And I′ll be alright,
I’m that light-headed
Es wird uns gut gehen – Motorpsycho elektrisieren. Vereinnahmen so sehr, dass alles andere aus dem Bewusstsein schwindet. Kompromisslos und ganz. Das Publikum paralysiert. Wenn man Euphorie irgendwie verorten könnte, dann wäre sie im Hier und Jetzt des 10. September 2026 im Conne Island.
I wanna see the stars tonight
The winter moon and the northern lights
I wanna feel alive again
Dieser Abend wirkt nicht wie das Konzert einer Band, die seit 1989 unterwegs ist. Dieser zweistündige Wimpernschlag puren Glücks schaukelt sich exponentiell auf, bläht sich in den Raum und verschluckt alles und jede*n ohne zu verpuffen. Mit jeder Welle mehrt sich das Mehr, von dem man mehr will. Immer mehr, bis alles flimmert. Die Dramaturgie der Norweger verzichtet auf ein Finale. Alles kreist um ein retardierendes Moment, das den Höhepunkt hinauszögert, nur um den klassischen Aufbau im nächsten Akt zu verwerfen. Das Motorpsycho-Epos, es kratzt ungewöhnlich hell an den Türen, die wir eigentlich verschließen wollten. Krautig, scharfkantig, taumelnd, dreckig und immer von dieser eigentümlichen Schönheit und Energie durchzogen, die nicht schön sein will und es gerade deshalb ist.
So tonight′s the night.
Alles ist gesagt. Alles ist Sound. Alles Sinn. Los! Halten wir die Zeit an, es kann kaum besser werden! Oder? Es kann. Es ist. Encore.
Jede Zugabe die logische Fortsetzung der Euphorie, die sich hier in die Sinne kitzelt, als Motorpsycho die Menge zu einem All Is Loneliness-Kanon – einem Moondog Cover – anstiftet.
“All
Is loneliness here for me
Loneliness here for me
Loneliness”
Episch.