Regen, Punkrock und ein Abschied, der sich überhaupt nicht nach Abschied anfühlt: Die Toten Hosen verwandeln das ausverkaufte Messegelände Hannover in einen riesigen Hexenkessel. Es ist ein langer Weg vom UJZ Kornstraße zum Messegelände. Ein sehr langer Weg. Als Die Toten Hosen Anfang der 80er-Jahre noch in kleinen Jugendzentren spielen, ist kaum vorstellbar, dass sie Jahrzehnte später vor 65.000 Menschen auf einer derart gigantischen Bühne stehen würden. Und doch sind es genau diese Menschen, die heute Abend jeden Song mitsingen und der Band einen Empfang bereiten, der einer der größten deutschen Punkbands würdig ist.
Den Anfang machen Bad Nerves aus Essex. Die legendäre britische Punkrock-Band bringt das Publikum mit ihrem schnellen, schnörkellosen Sound schon einmal auf Betriebstemperatur. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt danach nicht.
Denn mit Feine Sahne Fischfilet folgt bereits der nächste Angriff auf die Gehörgänge. Monchi singt zwar: „Wir kommen in Frieden.“, aber was anschließend passiert, klingt allerdings eher nach dem Versuch, das gesamte Messegelände einzureißen. Die Band entfesselt ihre Fans, und Monchi vertraut offenbar ganz auf deren Kräfte, als sich der Bär von einem Mann mitten in die Menge wirft und sich crowdsurfend über die Köpfe tragen lässt.
Dann kommen Die Toten Hosen. Und mit ihnen die Erkenntnis, dass eine Abschiedstournee offenbar nicht zwangsläufig nach Abschied klingen muss. Bei der Energie, mit der Campino und die Hosen über die riesige Bühne fegen, ist es jedenfalls kaum vorstellbar, dass „Trink aus – Wir müssen gehen“ tatsächlich die letzte große Tour sein soll. Campino rennt, springt, dirigiert und kommuniziert permanent mit seinem Publikum. Die Band spielt mit einer Energie, die nicht nach Rückzug klingt, sondern nach Angriff.
Es ist eine dieser Hosen-Nächte, bei denen die Grenze zwischen Bühne und Publikum irgendwann kaum noch existiert. Jede Zeile sitzt, jeder Refrain wird zum Massengesang. Und als irgendwann die sommerliche Hitze von Regen abgelöst wird, denkt niemand daran, nach Hause zu gehen. Im Gegenteil. „Eisgekühlter Bommerlunder“ schallt immer wieder aus dem Publikum. Irgendwann gibt sich Campino geschlagen und reicht eine Flasche Klaren in die erste Reihe. Punkrock kann manchmal erstaunlich unkompliziert sein. Das Konzert entwickelt sich derweil immer mehr zur großen Abschiedsparty – wobei das Wort „Abschied“ eigentlich nicht so recht passen will. Die Hosen spielen, als hätten sie noch jede Menge vor. Und auch das Publikum scheint nicht bereit zu sein, diesen Abend irgendwann enden zu lassen.
Die Zugaben werden an diesem Abend beinahe zu einem eigenen Konzertteil. Dreimal kommen Die Toten Hosen nochmal zurück auf die Bühne, jedes Mal scheint das Publikum noch ein bisschen lauter zu werden. Gefühlt eine Stunde lang geht es immer weiter. Irgendwann blickt Campino Richtung Uhr und fragt: „Haben wir noch Zeit?“ Kurz darauf folgt die ernüchternde Erkenntnis: „Scheiß Curfew hier.“ Selbst die Sperrstunde bekommt an diesem Abend ihren eigenen Hosen-Moment.
Zum Schluss wird es dann doch noch einmal emotional. „You’ll Never Walk Alone“ erklingt, und Campino trägt dabei natürlich das Trikot seines Lieblingsvereins, des Liverpool F.C. 65.000 Menschen singen mit. Dann ist Schluss. Zumindest für heute. Und während das Messegelände sich langsam leert, bleibt vor allem eine Erkenntnis: Wenn das tatsächlich eine Abschiedstournee sein soll, dann haben Die Toten Hosen in Hannover jedenfalls nicht den Eindruck erweckt, als wollten sie sich besonders leise verabschieden.