Große Gefühle, große Stimme: Raye bringt Berlin in emotionalen Ausnahmezustand


Große Gefühle, große Stimme: Raye bringt Berlin in emotionalen Ausnahmezustand
Am Samstag, den 24. Januar 2026 gab Raye in der Uber Arena in Berlin ein emotionales, energiegeladenes Konzert. (Bild: Julia Langmaack)

RAYE ist diese Sorte Künstlerin, bei der man nach drei Minuten merkt: Hier versucht niemand, „Playlist-kompatibel“ zu sein. Ihre Musik ist Pop, der sich traut, unbequem zu werden – mal clubbig und scharfkantig, mal jazzig-opulent, mal R&B-verkatert, dann wieder wie ein Musical-Monolog mit Gänsehautgarantie. Genau dieses „Alles-darf-rein, solange es ehrlich ist“-Prinzip hat sie so stark gemacht. Und live? Da wird diese Dramaturgie nicht kleiner – sie wird größer. Arena-Shows sind häufig die Endgegner der Intimität. RAYE dreht den Spieß um: Sie nimmt die Uber Arena am Samstag, den 24. Januar 2026 als riesige Theaterbühne, auf der Banger und big feelings gleichzeitig Platz haben. Dazu kommt ein Detail, das den Konzertabend ziemlich besonders macht: Als Support sind ihre Schwestern Absolutely und Amma dabei – Familienbande als Bühnenenergie, die mehr nach „gemeinsamer Moment“ als nach klassischem Vorprogramm klingt.

Amma

Amma eröffnet den Abend mit Groove, Bewegung und Bühnenenergie. Ihre Songs flirten offensiv mit Pop und zeitgenössischem R&B, getragen von Beats, die klar Richtung späterer RAYE-Momente weisen. Dabei überzeugt sie nicht nur musikalisch, sondern auch mit charismatischer Publikumsansprache – locker, direkt, ohne bemüht zu wirken. Man merkt schnell: Hier steht jemand, der Arena-Luft nicht einschüchternd, sondern motivierend findet. Besonders stark sind die Refrains, die erste kollektive Mitwipp-Momente erzeugen.

ABSOLUTELY

Absolutely geht als Zweite an den Start und dies mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit – kein großes Brimborium, sondern Songwriting im Vordergrund, Stimme klar, Präsenz ruhig, aber bestimmt. Ihr Set bewegt sich zwischen modernem Soul, leichtem Pop und intimen R&B-Momenten, die bewusst Raum lassen statt ihn zuzukleistern. Besonders auffällig: ihr Gespür für Hooks, die nicht aufdringlich, sondern nachhaltig hängen bleiben. Das Publikum hört schnell genauer zu, was in einer Arena bekanntlich kein Selbstläufer ist. Absolutely wirkt dabei weniger wie klassischer Support, sondern eher wie die ruhige erste Szene eines gut komponierten Abends. Zusammen mit Amma ergibt sich ein Support-Block, der sich nicht wie Pflichtprogramm anfühlte, sondern wie ein organischer Teil der Gesamtgeschichte dieses Abends.

Raye

Wenn RAYE anschließend selbst die Bühne betritt, verschiebt sich die Energie im Raum spürbar. Nicht, weil plötzlich alles größer wird, sondern weil hier jemand steht, der genau weiß, wo sie herkommt – und wohin sie will. RAYE ist keine klassische Pop-Aufsteigerin, sondern eine Künstlerin, die sich ihren Platz über Jahre erarbeitet hat.

Die Berlin-Show ist Teil ihrer „This Tour may Contain New Music“-Tour – ein Titel, der bereits andeutet, dass es hier nicht nur um Rückblicke geht. Gleichzeitig markiert dieser Abend den Auftakt einer Welt-Tournee, die gerade erst beginnt. Neben weiteren Europa-Terminen geht es auch nach Großbritannien, wo RAYE unter anderem gleich sechs Abende in der The O2 spielt. Im Anschluss stehen zudem Stationen in Nordamerika auf dem Plan. Dass Berlin früh auf diesem Routing liegt, ist kein Zufall: Es ist die Größenordnung, in der sich zeigt, ob aus Kritikerliebling wirklich Arena-Headliner-Material wird. Und RAYE wirkt genau in dieser Phase: nicht mehr „nächstes großes Ding“, sondern „jetzt passiert’s“.

Sie macht von der ersten Sekunde an klar, dass das hier kein vorsichtiges Herantasten wird. RAYE startet direkt mit Where’s My Husband? – ihr aktueller Mega-Hit, der ohne Vorwarnung ins Set kracht. Kein Intro, kein Aufbau, sondern sofort volle Emotion. Die Arena ist augenblicklich da, weil dieser Song alles bündelt, wofür RAYE steht: Verletzlichkeit, Selbstbehauptung und Mut, verpackt in eine Hook, die sitzt.

Dann verändert sich die Bühne – und mit ihr die Atmosphäre. Für einen kurzen Abschnitt wird die Arena zu einem stilisierten Jazz Club. RAYE betritt die Szene durch eine Tür auf der Bühne, die Band sitzt an kleinen Tischen, das Licht wird warm und intim. Für einen Moment fühlt sich alles kleiner an, näher, fast privat – ein bewusster Kontrast zum Arena-Format.

Kurz darauf kippt der Abend erneut. Die leuchtenden Buchstaben RAYE verwandeln sich zu RAVE, und der Name ist Programm. Mit Lasershow und treibenden Beats geht es in eine Club-Ästhetik, die eher an Berliner Techno-Nächte erinnert als an klassisches Pop-Konzert. RAYE führt durch die Phase ihrer Karriere, in der sie EDM-Tracks ihre Stimme geliehen hat – laut, energetisch und selbstironisch eingeordnet.

Zwischen den Songs wird der Abend persönlich. RAYE erzählt von einem Vocal-Coaching-Aufenthalt in Berlin, bei dem ihre Lehrerin sie an der damaligen Mercedes-Benz Arena vorbeiführt und ihr sagt, dass sie hier eines Tages spielen könnte, wenn sie hart genug arbeitet. Jetzt steht RAYE genau dort, vor ausverkaufter Arena – und dieser Moment erklärt sich von selbst.

Musikalisch ist der Blick klar nach vorne gerichtet. Viele neue Songs aus dem kommenden Album finden ihren Platz im Set. Es wird This Music May Contain Hope heißen – eine logische Weiterführung des Tour-Mottos. Hoffnung, nicht pathetisch, sondern vorsichtig formuliert. Dass diese Songs noch extrem frisch sind, spürt man: Nach der Show in Polen sind sie hier erst zum zweiten Mal live zu hören. Sie wirken beweglich, offen, noch nicht endgültig festgeschrieben – genau darin liegt ihr Reiz.

Und genau da schließt sich der Kreis. RAYE ist nicht über Nacht aus dem Nichts gekommen. Jahre als Songwriterin und Feature-Waffe liegen hinter ihr, bevor sie sich freigeschwommen hat – als klares Statement: „Ich bin nicht euer Produkt, ich bin die Autorin.“ In Berlin wird deutlich: Diese Karriere ist längst nicht am Höhepunkt. Sie ist gerade dabei, ihn neu zu definieren.