Im einzigen Deutschlandkonzert bringt Ronnie Wood seine musikalischen Wurzeln ins Kölner E-Werk – mit einer exzellenten Band, starken Stimmen und einer Setlist weit jenseits der üblichen Stones-Routine.
Man kennt Ronnie Wood als Rolling Stone. Als Gitarrist an der Seite von Keith Richards, als Teil einer der größten Rockbands der Geschichte. Doch im Kölner E-Werk steht an diesem Abend nicht der Mythos im Vordergrund. Hier geht es um Ronnie Wood, seine eigene musikalische Geschichte – und um die Wurzeln, aus denen sie entstanden ist: Blues und Rock’n’Roll.
Schon der Auftakt mit „It’s Only Rock ’n Roll“ setzt die Richtung. Natürlich ist die Verbindung zu den Stones sofort da. Aber Wood macht schnell klar, dass Köln keine verkleinerte Rolling-Stones-Show bekommt. Stattdessen führt die Setlist durch die verschiedenen Kapitel seiner Karriere: eigene Songs, Material aus der Zeit mit den Faces und natürlich einige Ausflüge ins große Universum der Rolling Stones. Und Ronnie Wood ist dabei vor allem eines: bestens aufgelegt.
Er wirkt erstaunlich präsent, locker und spielfreudig. Viel mehr, als man vielleicht erwarten konnte. Immer wieder sucht er den Kontakt zum Publikum, spricht mit den Fans, scherzt und genießt sichtlich die Nähe eines Konzertsaals, der Welten entfernt ist von den riesigen Stadien, die sonst zum Alltag eines Rolling Stone gehören. Das E-Werk ist voll mit Menschen, die wissen, warum sie hier sind. Natürlich dominieren die Stones-Shirts das Bild. Ronnie Wood zieht aber auch Musiker an. Unter den Gästen befinden sich unter anderem Wolfgang Niedecken, bekennender Stones-Fan, und Pascal Kravetz, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg und Peter Maffay.
Doch auf der Bühne zählt an diesem Abend vor allem eines: die Musik.
Eine Band, die den Groove versteht
Und die Band ist erstklassig besetzt. Andy Newmark am Schlagzeug und Willie Weeks am Bass sorgen für ein Rhythmusfundament, das keinen Augenblick wackelt. Newmark spielt präzise und unaufgeregt, Weeks legt darunter einen Bass, der den Songs genau den nötigen Druck gibt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. An der Gitarre steht Johnny Lee Schell, dazu Andy Wallance an den Keyboards. Gemeinsam schaffen sie den Raum, in dem sich Wood bewegen kann – und der ist groß genug für Blues, Soul, Rock’n’Roll und jede Menge Groove. Eine besondere Rolle spielen Imelda May und Chanel Haynes.
Imelda May bringt ihre unverwechselbare Stimme und enorme Bühnenpräsenz mit. Sie kann rau und bluesig, aber ebenso kraftvoll und emotional. Chanel Haynes, die auch aktuell als Backgroundsängerin der Rolling Stones auf der Bühne steht, ergänzt sie hervorragend. Die beiden Stimmen geben dem Abend zusätzliche Farben und sorgen dafür, dass dieses Konzert weit mehr ist als eine Gitarrenshow eines berühmten Rockstars.
Wood lässt seine Mitmusiker spielen. Er gibt ihnen Raum, genießt ihre Soli und ihre Momente. Und trotzdem bleibt jederzeit klar, wer diesen Abend zusammenhält.
Mehr als die Rolling Stones
Die Setlist macht schnell deutlich, wie breit Ronnie Woods musikalische Geschichte ist. „I Am Grooving You“, „Seven Days“ und „Mystifies Me“ stehen neben Songs wie „Flying“, „Ooh La La“ und dem späteren „Stay With Me“. Die Faces sind genauso präsent wie Woods Solokarriere. Dazwischen öffnet sich immer wieder die Tür zum Blues. „River Deep“, „Chain of Fools“, „Boogie“, „Spoonful“ und „Wee Wee Hours“: Der Abend folgt keiner strengen musikalischen Schublade. Blues, Soul und Rock’n’Roll fließen ineinander. Die Songs bekommen Raum, die Band lässt sie atmen und immer wieder entsteht dieser besondere Moment, wenn aus einem bekannten Stück plötzlich etwas Eigenes wird.
Mit „Country Honk“ gibt es zudem eine eher ungewöhnliche Stones-Nummer. Die Country-Version von „Honky Tonk Women“ passt dabei perfekt in den musikalischen Kosmos dieses Abends und zeigt einmal mehr, wie selbstverständlich Ronnie Wood zwischen Blues, Rock’n’Roll und seinen musikalischen Wurzeln unterwegs ist. Und natürlich darf auch „Can’t You Hear Me Knocking“ nicht fehlen. Ein Song, der wie geschaffen ist für diese Band und ihre Spielfreude. Hier geht es nicht darum, einen großen Hit möglichst originalgetreu nachzustellen. Die Musiker nehmen sich Zeit, bauen Spannungen auf und lassen den Groove arbeiten.
Genau hier liegt eine der großen Stärken dieses Abends. Ronnie Wood muss niemandem mehr etwas beweisen.
Er spielt keine Gitarrensoli, um zu demonstrieren, wie schnell seine Finger noch sind. Sein Gitarrenspiel lebt von Gefühl, Timing und diesem unverwechselbaren Gespür für den richtigen Ton im richtigen Moment. Mal zurückhaltend, mal rau und direkt, dann wieder mit genau der Energie, die einen Song plötzlich nach vorne treibt. Wood spielt für die Musik. Nicht für den Effekt.
Der Blues bleibt die Konstante
Je länger der Abend dauert, desto deutlicher wird: Die Rolling Stones sind ein wichtiger Teil dieser Geschichte. Aber eben nur ein Teil. Ronnie Wood hat eine musikalische Biografie, die weit über die größte Rockband der Welt hinausgeht. Seine Zeit mit Jeff Beck, bei den Faces, seine Soloalben und schließlich bei den Rolling Stones – all das findet sich in seiner Musik wieder. Im E-Werk bringt er diese unterschiedlichen Welten zusammen. Und immer wieder führt der Weg zurück zum Blues. Der Blues steckt in seinem Gitarrenspiel. Im Groove der Band. In den Stimmen. In der Art, wie die Songs gespielt werden. Nichts wirkt geschniegelt oder auf Hochglanz poliert. Stattdessen steht da eine Gruppe erfahrener Musiker, die sich gegenseitig zuhört und offensichtlich Spaß daran hat, miteinander zu spielen.
Das Publikum spürt das. Nach „Beats“, „Plinth“ und „Gasoline Alley“ geht der Abend schließlich mit „Stay With Me“ zu Ende. Ein passender Abschluss für ein Konzert, das sich nicht auf große Rockgeschichte verlässt. Ronnie Wood bringt sie zwar mit. Aber er braucht sie nicht. Im Kölner E-Werk zeigt er sich als bestens aufgelegter Musiker, als Gitarrist, Bandleader und Geschichtenerzähler. Ein Rolling Stone, selbstverständlich. Aber an diesem Abend vor allem ein Musiker, der seine Liebe zu Blues und Rock’n’Roll auf die Bühne bringt – direkt, lässig und mit einer Spielfreude, die weit über jede Erwartung hinausgeht.