Eigentlich läuft die Sendung mit der Maus sonntags, vormittags und für kleinere Menschlein. Heute läuft der Jingle an einem Mittwochabend zum Tourauftakt der 10 Jahre „Harieschaim“ Tour. Wie selbstverständlich betreten Menschlein mit mausigen Ohren und Rattenschwänzen die Bühne der 60er Jahre Halle. LSD-Trip oder lustigste Supportshow, in der jedes Mäuschen ausleben kann, was nicht in die eigenen Projekte passt oder im ohnehin nicht gerade asketischen Drangsal-Stilpotpourri vielleicht keinen Platz hat oder haben muss.

Die Mausis, diese kleinste Supergroup, das sind Stella Sommer (Die Heiterkeit), Max Gruber (Drangsal) und Kevin Kuhn (Die Nerven) u.a. knabbern in dieser surrealen Situation verstörend niedlich an Schlager, Chanson, Diskurs-Pop, Nagetierwortspielen, Antifolk-Duett, Gruppentherapie. Alles schunkelt, alles wackelt, alles hat einen doppelten Boden, auf dem nicht damit zu rechnen ist, dass jemand ein Käsemesser zückt.

„Alles, was ich tue, tue ich aus Angst.“

Mein persönlicher „Supergouda“ das sind Offenbarungseide und Nackigmachen in aller Öffentlichkeit. Mausi Gruber eröffnet die hippieske Gruppenthearapie mit einem Geständnis. Dr. Mausi ermutigt sein Publikum, jetzt und hier allen zu offenbaren, wovor ein*e jede*r Angst hat. Jetzt bloß nicht den Schwanz einziehen. Intime Ängste, die Mensch in aller Regel nicht einmal sich selbst eingesteht, finden hier Gehör. Einer hat Angst, allein zu bleiben. Ein anderer davor, verlassen zu werden. Jonas hat Angst, mit die „Winters“ musikalisch nicht durchzustarten. Was nach diesem Auftritt zumindest heute, in Hannover, in der 60er Jahre Halle, kein Problem sein dürfte. Man hat ihn gehört.

Die Peinlichkeit hat keinen Platz, auf das „ABC der Ängste“ folgen Entlastungslyrics oder Mausi-Klamauk wie „Ich leg mein Geld in Käse an“ oder „Supergouda“. Wer genau hinhört, findet immer eine zweite Ebene. Tragik ist Komik in Spiegelschrift. Doch die Welt wird dadurch nicht weniger absurd, dass man sie ernst nimmt.
Aus die Maus. Umbaupause. 21:00 Uhr.

„Keine Angst, denn das, was du jetzt bist
Ist nicht, was du für immer sein wirst.“

Wenn man Max Grubers Schaffen verfolgt, will man annehmen, dass Angst nicht nur lähmt, sondern auch antreibt. Vielleicht muss Kunst herauseitern, vielleicht sind Songs wie verheilte Narben, wie ein Motor, da ohne das Drängende – ganz freudianisch – das andere Liebliche nicht möglich ist. Dringend, Drängend. Drangsal. Vom Plüsch ins Pathos und wieder zurück. Drangsal feiern heute Tourauftakt zum zehnjährigen Jubiläum „Harieschaim“. Sechs Städte, sechs Konzerte,. Das Debüt, 2016 noch als Solowerk erschienen, ein Wave/Post-Punk-Ding, das über SoundCloud in die Welt sickerte.

Drangsal ist oder sind als Kind*er offensichtlich in eine Plattenkiste der Achtziger gefallen und haben sich Vinylsplitter von The Cure, The Smiths, Depeche Mode, Pink Floyd, NDW, Wave und Post-Punk zugezogen. Doch wird das Jahrzehnt nicht zitierte, oder als Vitrinenstück ausgestellt. Kein Retro, dafür ist es zu unruhig. Album und Liveshow werden mit Band und Publikum zu einer Art Eigenmythologie, die aufgeführt, ausgeleckt, und aufgeputscht wird. Und das in ein einem Raum, in dem plötzlich alle mitsingen. Absolut textsicher. Die Emo-Blumenkinder wiegen sich in jeder Zeile und leben Pausen wie Pathosstellen. Es scheint, als würden diese Songs längst nicht mehr Gruber allein gehören.

„Alles geht zu Grunde […]
Nur ein Lied geht nie kaputt, kaputt, kaputt, kaputt“

Genau das ist die eigentliche Pointe des heutigen Drangsal-Zustands: Drangsal ist mehr als die Kunstfigur Max Gruber. Anfang 2025 wurde aus dem Soloprojekt eine Band. Lukas Korn und Marvin Holley u.a. teilen seither diese zentrale Figur im Drangsal-Kosmos auf, nicht um sie kleiner, sondern um sie tragfähiger zu machen. Der Phönix ist, wenn man den neuen Drangsal-Mythos hört, vielköpfig.

„Zur blauen Stunde hab‘ ich deine Knochen gerochen
Die frische Wunde, ich wusste, du warst hier“

Aller Schorf wird noch mal von den Songs gekratzt. Scharf. Leicht. Lebendig und mit synthetischen Schatten. „Harieschaim“ hat immer schon gewusst, wie man Drama inszeniert, ohne sich ganz davon verschlucken zu lassen. Drangsal feiern Refrain. Drangsal feiern Referenz. Drangsal feiern die große Geste und tanzen auf zertretenen Erwartungen, denn sie feiern vor allem sich selbst. Kein Wave-Pop-Klassentreffen. Kein Harieschaim-Stuhlkreis. Kein ewiges Rumgestern. Eher eine dunkelbunte Wiedervorlage.

Kurz: Das Spiel mit der eigenen Fallhöhe gelingt, wenn das Publikum aus vollem Halse singt. Ein ernstes Spiel mit Schönheit und Düsternis. Apropos Düsternis: Wer die Musik der 80er Jahre verehrt, muss nicht die Bühnenshows der Siters of Merci reinszenieren. Sapere aude! Lasst die Rottöne auf der Platte und macht das Licht an! Happy Birthday Harieschaim!

„Obey! Your time is running away
You got to get going now
Life, it will not wait“