Das Wacken Open Air 2026 hatte am Freitag und Samstag noch einmal gezeigt, warum dieses Dorf in Schleswig-Holstein für Metalheads nicht einfach ein Ort ist, sondern ein eigener Aggregatzustand. Wer hier ankam, betrat keinen normalen Festivalacker, sondern den „Holy Ground“: Campingstadt, Kuttenparade, Biergarten, Mittelalterwelt, Wasteland-Apokalypse, Nebenbühnenwahnsinn und ein Infield, auf dem sich Metalgeschichte und Gegenwart regelmäßig gegenseitig die Pommesgabel reichten. Zum 35. Mal wurde Wacken zur internationalen Hauptstadt der harten Musik – mit 85.000 Fans, jeder Menge Staub und einem Programm, das vom klassischen Heavy Metal über Gothic, Hardcore, Death Metal, Balkan-Party, Filmmusik und Thrash bis hin zu Viking- und Doom-Schwere reichte.

Freitag

Das Wetter blieb dabei ein eigenes Bandmitglied: Nach einem extrem heißen Donnerstag blieb es auch am Freitag und Samstag sommerlich fordernd, staubig und körperlich anstrengend. Trinken, Schatten suchen und Kräfte einteilen waren fast so wichtig wie die Frage, ob man nun zuerst zur Faster, Harder, Louder oder doch noch schnell zur Wackinger Stage sprintet. Genau das machte diese beiden Tage aber auch aus: Wacken war 2026 kein Wellness-Wochenende mit Gitarrenbegleitung, sondern ein Festival, das seine Fans prüfte – und sie dafür mit Auftritten belohnte, die zwischen Nostalgie, Abriss und echten Abschiedsmomenten lagen.

Paradise Lost

Paradise Lost eröffneten euren Freitag mit jener majestätischen Dunkelheit, die nur Bands beherrschen, die Gothic Metal nicht nachspielen, sondern mit erfunden haben. Die Briten um Nick Holmes, Greg Mackintosh, Aaron Aedy, Steve Edmondson und Guido Zima verbanden Doom-Schwere, Death-Metal-Wurzeln und melancholische Melodien zu einem Sound, der auch bei Tageslicht nach Friedhofstor und Samtvorhang klang. Mit Alben wie „Gothic“, „Icon“, „Draconian Times“ und Songs wie „As I Die“, „Say Just Words“ oder „The Last Time“ hatten sie längst Metalgeschichte geschrieben. In Wacken war ihre Show besonders, weil sie nicht auf schnellen Effekt zielte, sondern auf Atmosphäre, Druck und diese typisch britische Schwermut mit Gitarrenfundament. Sehenswert war das, weil Paradise Lost den Festivalfreitag nicht anbrüllten, sondern ihn langsam, schwer und sehr stilvoll verdunkelten.

Saxon

Saxon brachten anschließend klassischen britischen Heavy Metal auf den Acker – und zwar mit der Souveränität einer Band, die seit Jahrzehnten weiß, wie man eine Bühne übernimmt. Die Truppe um Sänger Biff Byford, Gitarrist Doug Scarratt, Bassist Nibbs Carter, Gitarrist Brian Tatler und Drummer Nigel Glockler gehört zur New Wave of British Heavy Metal und hat mit „Wheels of Steel“, „Denim and Leather“, „747 (Strangers in the Night)“ und „Princess of the Night“ echte Genre-Hymnen im Gepäck. In Wacken klang das nicht nach Oldie-Verwaltung, sondern nach einer Maschine, die vielleicht ein paar Kratzer hat, aber immer noch hervorragend zieht. Byford führte die Menge mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass diese Songs längst Teil des Metal-Grundgesetzes sind. Sehenswert war der Auftritt, weil Saxon bewiesen, dass klassischer Heavy Metal nicht altern muss, solange Riffs, Stimme und Haltung stimmen.

Hatebreed

Hatebreed verwandelten den Freitag danach in eine Hardcore-Therapiestunde mit Faust in der Luft. Die US-Band um Jamey Jasta steht seit den 90ern für Metalcore, Hardcore, klare Ansagen und Songs, die weniger bitten als befehlen. Mit „I Will Be Heard“, „Destroy Everything“, „Live for This“ oder „Looking Down the Barrel of Today“ haben Hatebreed längst Hymnen geschaffen, die auf Festivals wie eingebaute Moshpit-Schalter funktionieren. In Wacken war die Show besonders, weil Jasta die Menge nicht animierte, sondern regelrecht antreiben ließ – wie ein Personal Trainer für kollektive Eskalation. Sehenswert war das, weil Hatebreed auch 2026 noch genau wussten, wie man Wut in Gemeinschaft verwandelt.

Bear McCreary

Bear McCreary setzte danach einen der ungewöhnlichsten Akzente des Freitags. Der US-Komponist ist vor allem durch Soundtracks zu „Battlestar Galactica“, „The Walking Dead“, „God of War“, „Outlander“ und „The Lord of the Rings: The Rings of Power“ bekannt und brachte in Wacken Filmmusik, Metal-Geste, Percussion-Wucht und orchestrale Dramaturgie zusammen. Seine Show war kein normales Bandkonzert, sondern eher ein cineastischer Soundtrack-Ritt mit Live-Druck. Gerade auf einem Metal-Festival funktionierte das überraschend gut, weil McCrearys Musik ohnehin von Spannung, Schlachtfeldgröße und dunkler Atmosphäre lebt. Sehenswert war der Auftritt, weil er Wacken für eine Stunde in ein Fantasy-Epos mit Verstärkern verwandelte.

Dubioza Kolektiv

Dubioza Kolektiv brachten anschließend Balkan-Feuer, Ska, Punk, Reggae, Hip-Hop und politische Schärfe auf die Wackinger Stage. Die bosnische Band ist seit Jahren bekannt für rasante Live-Shows, satirische Texte und einen Sound, der Grenzen genauso wenig respektiert wie gemütliches Herumstehen. Mit Songs wie „Kažu“, „USA“, „Free.mp3“ oder „No Escape“ haben sie sich international eine treue Festivalgemeinde erspielt. In Wacken war das besonders, weil Dubioza Kolektiv zwischen all dem Metal wie ein greller, tanzender Stromstoß wirkten. Sehenswert war die Show, weil sie bewies, dass ein Metalpublikum sehr wohl zu Bläsern, Offbeats und Balkan-Punk eskalieren kann, wenn die Energie stimmt.

Crematory

Crematory holten danach den deutschen Gothic-Metal-Faktor ins Spiel. Die Band aus Westhofen um Felix Stass und Markus Jüllich prägt seit den frühen 90ern den Mix aus Gothic, Death Metal, Industrial-Anklängen und melodischer Dunkelheit hierzulande mit. Mit Alben wie „Illusions“, „Awake“, „Believe“ und Songs wie „Tears of Time“ oder „The Fallen“ haben sie sich einen festen Platz in der Szene erspielt. In Wacken klang ihre Show druckvoll, düster und angenehm direkt, ohne sich in Pathos zu verlieren. Sehenswert war das, weil Crematory zeigten, dass deutscher Gothic Metal auch nach Jahrzehnten noch schwer, melodisch und festivalfest wirken kann.

Running Wild

Running Wild lieferten später einen der historisch aufgeladensten Momente des gesamten Wochenendes. Die Hamburger Band um Rock ’n’ Rolf Kasparek gehört seit den 80ern zu den wichtigsten deutschen Heavy- und Speed-Metal-Namen und hat mit „Under Jolly Roger“, „Port Royal“, „Riding the Storm“ und „Bad to the Bone“ Piratenmetal praktisch salonfähig gemacht. In Wacken hatte dieser Auftritt zusätzliche Fallhöhe, weil er als letzte Show der Band angekündigt war. Entsprechend fühlte sich das Set weniger wie ein normaler Festivalgig an, sondern wie ein Abschied mit erhobener Säbelhand. Sehenswert war das, weil Running Wild nicht nur Songs spielten, sondern ein Stück deutscher Metalgeschichte noch einmal mit voller Breitseite abfeuerten.

Skynd

Skynd brachten in der Nacht eine völlig andere Dunkelheit auf die Bühne. Das Projekt um Sängerin Skynd und Multiinstrumentalist Father steht für Industrial, Dark Pop, True-Crime-Ästhetik und Songs, die reale Kriminalfälle in verstörende Klangwelten verwandeln. Mit Stücken wie „Gary Heidnik“, „Richard Ramirez“, „Tyler Hadley“ oder „Columbine“ haben Skynd längst eine eigene Nische zwischen Horror, Elektronik und Metal geschaffen. In Wacken war die Show besonders, weil sie weniger auf Moshpit als auf Beklemmung setzte – und damit im nächtlichen Setting umso stärker wirkte. Sehenswert war das, weil Skynd bewiesen, dass Härte nicht immer laut prügeln muss, sondern manchmal gerade durch Kälte und Atmosphäre unter die Haut geht.

Sepultura

Sepultura setzten in der Nacht schließlich einen der schwersten Schlusspunkte des Freitags. Die brasilianische Metal-Legende um Derrick Green, Andreas Kisser, Paulo Jr. und Greyson Nekrutman steht seit Jahrzehnten für Thrash, Groove, Death-Metal-Wurzeln, Tribal-Rhythmen und politische Schärfe. Mit „Roots Bloody Roots“, „Refuse/Resist“, „Territory“, „Arise“ und „Ratamahatta“ hat die Band Songs geschaffen, die längst zum globalen Metal-Kanon gehören. In Wacken hatte der Auftritt zusätzlich Gewicht, weil Sepultura 2026 auf ihrer Abschiedsrunde unterwegs waren und hier eine ihrer letzten großen deutschen Festivalshows spielten. Sehenswert war das, weil jeder Groove, jeder Break und jeder Mitschrei wie ein letztes gemeinsames Durchatmen vor dem Ende einer Ära wirkte.