Das Wacken Open Air 2026 hatte schon mit seinem Warm-up-Mittwoch wieder gezeigt, warum dieses Dorf in Schleswig-Holstein für Metalheads kein normaler Ort ist, sondern eher Wallfahrtsziel, Paralleluniversum und gemeinsamer Ausnahmezustand mit Pommesgabel. Zum 35. Mal verwandelte sich Wacken in eine schwarze Stadt auf Zeit: Campingflächen, Kutten, Schlamm-Erinnerungen aus vergangenen Jahren, kaltes Bier, heiße Luft und dieses unbezahlbare Gefühl, dass man spätestens nach dem ersten „Wackööön!“ offiziell angekommen war. Statt Matschdrama gab es zum Start diesmal vor allem Sonne, Staub und Temperaturen jenseits der 30 Grad – also weniger Gummistiefel-Endgegner, mehr Sonnencreme-Metal.

Mittwoch

Der Warm-up-Mittwoch fühlte sich dabei nicht wie bloßes Vorglühen an, sondern wie der Moment, in dem das Festival kollektiv den Schalter umlegte. Die Campingplätze waren längst bewohnt, im Dorf mischten sich Anreise, Wiedersehen und erste Eskalation, während kleinere Bühnen, Wackinger-Areal, Walking Acts, Metal Battle, Feuerwehrkapelle und Rahmenprogramm die ersten Riffs und Ritualmomente lieferten. Wacken ist eben nicht nur Headliner auf den Hauptbühnen, sondern auch Mittelalterdorf, Biergarten, Nebenbühnen-Wahnsinn, internationale Fan-Kultur und ein Gelände, auf dem man zwischen zwei Konzerten plötzlich bei Dudelsack, Comedy, Feuershow oder Metal-Yoga landen konnte. Genau diese Mischung machte schon den Auftakt besonders: Man kam nicht einfach zu Konzerten, man betrat eine eigene Welt.

Donnerstag

Am Donnerstag öffnete das Infield dann endgültig seine großen Tore, und aus dem warmgelaufenen Festival wurde der erste richtige Großkampftag. Die Hitze blieb ein ernstes Thema: Trinken, Schatten suchen, Sonnencreme nachlegen und Kräfte einteilen waren fast so wichtig wie der Blick auf die Running Order. Musikalisch bot der Tag aber genau das, wofür Wacken im besten Sinne steht: Alternative-Rock-Rückkehrer, kauziger Düster-Rock, Gitarrenlegenden, neoklassische Fingerakrobatik und am Abend ein Power-/Progressive-Metal-Monument, auf das viele lange gewartet hatten.

H-Blockx

H-Blockx eröffneten euren Donnerstag mit jenem Crossover-Sound, der in den 90ern zwischen Alternative Rock, Rap, Funk, Metal und Skateboard-Asphalt groß wurde. Die Münsteraner um Henning Wehland, Tim Tenambergen, Stephan „Gudze“ Hinz und Steffen Wilmking hatten mit „Risin’ High“, „Move“, „Little Girl“ und ihrer Version von „The Power“ längst deutsche Rockgeschichte geschrieben. In Wacken funktionierte diese Mischung erstaunlich frisch, weil H-Blockx nicht wie eine Revival-Nummer klangen, sondern wie eine Band, die ihren Groove immer noch ernst nimmt. Zwischen schweren Gitarren, Sprechgesang und viel Bewegung wurde daraus ein angenehm unverkopfter Start in den Infield-Tag. Sehenswert war der Auftritt, weil er zeigte, dass Crossover dann am besten altert, wenn er live weiterhin schwitzt.

Therapy?

Therapy? brachten anschließend nordirische Schräglage, Alternative Metal und sehr viel trockenes Unbehagen auf die Bühne. Die Band um Andy Cairns, Michael McKeegan und Neil Cooper steht seit den frühen 90ern für kantige Riffs, Punkdruck, Noise-Rock-Nerven und Songs, die schlechte Laune so eingängig machen, dass man sie freiwillig mitsingt. Mit „Troublegum“, „Screamager“, „Nowhere“, „Teethgrinder“ und „Diane“ haben Therapy? längst einen Katalog, der zwischen Szene-Klassiker und ewiger Außenseiter-Intelligenz pendelt. In Wacken klang das wunderbar unbequem: keine glatt polierte Nostalgie, sondern ein Set mit Biss, Kante und dieser leicht kaputten Melodieführung, die Therapy? bis heute unverwechselbar macht. Besonders sehenswert war die Show, weil sie bewies, dass Alternative Metal nicht groß tun muss, wenn die Songs schon genug innere Unruhe mitbringen.

Uli Jon Roth

Uli Jon Roth lieferte danach den historischen Gitarrenmoment des Tages. Der ehemalige Scorpions-Gitarrist, der in den 70ern maßgeblich den frühen Sound der Band prägte, brachte seine „50th Anniversary Virgin Killer“-Show nach Wacken und damit ein Stück deutsche Hard-Rock-Geschichte zurück auf den Acker. Roths Spiel war schon immer mehr als bloß Solo-Feuerwerk: klassisch geschulte Linien, Hendrix-Spirit, Hard-Rock-Gefühl und eine fast spirituelle Vorstellung davon, was eine E-Gitarre erzählen kann. In Wacken wirkte das besonders, weil zwischen all den lauten, modernen Produktionen plötzlich ein Musiker stand, der Virtuosität nicht als Sport, sondern als Sprache verstand. Sehenswert war dieser Auftritt für alle, die wissen wollten, warum manche Gitarristen nicht einfach spielen, sondern ganze Generationen von Saitenmenschen prägen.

Yngwie Malmsteen

Yngwie Malmsteen machte anschließend genau das, was man von Yngwie Malmsteen erwartet – nur lauter, schneller und mit noch mehr barocker Selbstverständlichkeit. Der schwedische Gitarrist gilt als einer der prägenden Namen des neoklassischen Metal und hat mit Alben wie „Rising Force“, „Marching Out“ und Songs wie „Far Beyond the Sun“ den Begriff Griffbrettakrobatik praktisch mitdefiniert. Seine Musik verbindet Heavy Metal, klassische Harmonien, Hochgeschwindigkeitsläufe und eine Bühnenpräsenz, bei der Understatement ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein leiser Marshall-Turm. In Wacken war das ein Fest für Gitarrenfans: Soli, Posen, Läufe, Arpeggien und diese herrlich kompromisslose „Mehr ist mehr“-Philosophie. Sehenswert war die Show, weil Malmsteen nicht versucht, zeitgemäß zu wirken – er klingt einfach wie sein eigenes Denkmal mit Verstärkeranschluss.

Savatage

Savatage setzten am Abend den großen dramaturgischen Höhepunkt dieses Donnerstags. Die US-Band aus Tampa gehört seit den 80ern zu den wichtigsten Namen zwischen Heavy Metal, Progressive Metal, Power Metal und Rockoper; geprägt wurde sie von Jon und Criss Oliva, später auch durch Zak Stevens, Chris Caffery, Al Pitrelli, Johnny Lee Middleton und Jeff Plate. Mit Alben wie „Hall of the Mountain King“, „Gutter Ballet“, „Streets: A Rock Opera“ und „Edge of Thorns“ schrieb die Band Metalgeschichte, während aus ihrem Umfeld später auch das Trans-Siberian Orchestra hervorging. In Wacken war diese Show besonders, weil Savatage nicht einfach irgendein Comeback-Gefühl bedienten, sondern eine riesige Erwartung mit Pathos, Präzision und dramatischer Wucht füllten. Zwischen majestätischen Riffs, großen Refrains und diesem typischen Savatage-Theater aus Schatten, Melodie und Muskel wurde der Auftritt zu einem der Momente, für die man Wacken-Reisen plant. Sehenswert war das, weil hier nicht nur Songs gespielt wurden, sondern ein ganzes Kapitel Metalgeschichte noch einmal aufleuchtete.

Der Warm-up-Mittwoch und der erste große Donnerstag des Wacken Open Air 2026 machten schnell klar: Diese Ausgabe wollte nicht vorsichtig anlaufen, sondern direkt in den roten Bereich. Das Wetter verlangte den Fans einiges ab, doch die Stimmung blieb genau so, wie man es von Wacken erwartet – gemeinschaftlich, laut, herzlich und nur minimal vernünftig. H-Blockx und Therapy? lieferten Alternative- und Crossover-Kante, Uli Jon Roth und Yngwie Malmsteen machten den Tag zur Gitarren-Meisterklasse, und Savatage krönten den Donnerstag mit einem Auftritt, der sich größer anfühlte als bloß ein Slot im Timetable. Wacken 2026 war damit schon nach zwei Tagen dort angekommen, wo dieses Festival am liebsten wohnt: zwischen Mythos, Metal und sehr viel verschwitzter Glückseligkeit.