Der Samstag in Wacken begann mit diesem typischen „Holy Ground“-Gefühl zwischen Restmüdigkeit, Sonnencreme und der leisen Erkenntnis, dass man gestern vielleicht doch ein Bier zu viel und eine Stunde Schlaf zu wenig hatte. Das Wetter zeigte sich erneut von seiner konsequenten Sommerseite: warm, trocken und staubig genug, um schon am frühen Nachmittag die ersten Sonnenbrillen mit Festivalstaub-Patina zu versehen. Schattenplätze waren wieder so begehrt wie Headliner-Tickets, während sich das Infield langsam in eine brodelnde Mischung aus Vorfreude, Koffein und Metal-Resilienz verwandelte.

Der letzte Festivaltag hatte dabei eine ausgelasene Stimmung zwischen „noch einmal alles geben“ und „bitte nicht schon vorbei“. Viele Besucher wirkten gleichzeitig erschöpft und euphorisiert – ein Zustand, den nur Wacken zuverlässig produziert. Musikalisch versprach der Samstag ein Finale mit maximaler Bandbreite: von Nu Metal und klassischem Hard Rock über Deathcore und Viking Metal bis hin zu Industrial, Gothic und symphonischer Größe. Ein Tag, der nicht langsam ausklang, sondern sich eher wie ein letztes, großes Aufbäumen anfühlte – laut, staubig und genau richtig.

Kittie

Kittie eröffneten euren Samstag mit einer wuchtigen Erinnerung daran, wie eigenständig Nu Metal und Alternative Metal klingen können, wenn sie nicht glattgebügelt werden. Die kanadische Band um Morgan Lander, Mercedes Lander, Tara McLeod und Ivy Vujic war schon Ende der 90er mit „Spit“, „Brackish“ und „Charlotte“ eine wichtige Stimme in einer damals extrem männlich dominierten Szene. Ihr Sound verbindet Groove, Aggression, Melodie und diese rohe Direktheit, die live sofort zupackt. Kittie traten nicht als nostalgisches Kuriosum auf, sondern als Band mit Gegenwart, Biss und neuer alter Wucht. Sehenswert war das, weil sie den Samstag früh daran erinnerten, dass Härte keine Geschlechterfrage ist, sondern eine Frage der Haltung.

Nevermore

Nevermore brachten anschließend Progressive- und Power-Metal-Düsternis mit technischer Klasse auf die Bühne. Die Band aus Seattle wurde einst durch Warrel Danes unverwechselbare Stimme, Jeff Loomis’ Gitarrenarbeit und Alben wie „Dreaming Neon Black“, „Dead Heart in a Dead World“ und „This Godless Endeavor“ zu einer Kultgröße. Nach Jahren der Abwesenheit war allein ihr Name im Wacken-Programm für viele ein Ereignis. Musikalisch verbanden Nevermore verschachtelte Riffs, schwere Grooves, düstere Melodien und progressive Spannungsbögen. Sehenswert war der Auftritt, weil er nicht nur Erinnerungen bediente, sondern zeigte, wie eindrucksvoll diese Songs auf einem großen Festivalgelände immer noch wirken.

Zeltinger Band

Die Zeltinger Band brachte danach kölsche Rockgeschichte nach Wacken. Jürgen Zeltinger und seine Band stehen seit Ende der 70er für rauen Rock, Blues, Punk-Anklänge und rheinische Direktheit – eine Mischung, die nie nach Hochglanz, sondern immer nach Kneipe, Straße und Leben klang. Mit Songs wie „Müngersdorfer Stadion“, „Asi mit Niwoh“ oder „Stüverhoff“ hat die Band längst Kultstatus erreicht. Diese bodenständige, rotzige Art bildete einen herrlichen Kontrast zu den großen internationalen Metalproduktionen. Sehenswert war der Auftritt, weil Zeltinger nicht so tat, als müsse Rock immer heroisch sein – manchmal reicht auch eine kratzige Stimme, ein guter Groove und sehr viel Charakter.

Hardline

Hardline sorgten anschließend für den melodischen Hard-Rock-Moment des Tages. Die US-Band um Sänger Johnny Gioeli wurde Anfang der 90er mit dem Album „Double Eclipse“ und Songs wie „Hot Cherie“, „Takin’ Me Down“ oder „Everything“ bekannt. Ihr Sound steht für große Refrains, Gitarrenmelodien, AOR-Glanz und jene emotionale Stadionrock-Dramatik, die live dann funktioniert, wenn sie mit echter Stimme getragen wird. In Wacken bot Hardline genau diesen Gegenpol zu Deathcore, Thrash und Doom: melodisch, professionell und mit viel Herzblut. Sehenswert war das, weil die Band bewies, dass auch auf dem härtesten Acker Platz für große Hard-Rock-Hooks ist.

Airbourne

Airbourne brachten danach australischen Hard Rock auf die Bühne, der so subtil war wie ein Bierfass mit Raketenantrieb. Die Band um Joel und Ryan O’Keeffe steht für klassischen High-Energy-Rock’n’Roll in der Tradition von AC/DC, nur mit noch weniger Bremsweg. Mit „Runnin’ Wild“, „Too Much, Too Young, Too Fast“, „Live It Up“ und „Backseat Boogie“ haben sie sich den Ruf als eine der verlässlichsten Live-Abrissbirnen des Genres erspielt. In Wacken funktionierte das natürlich hervorragend: Gitarren hoch, Tempo rauf, Schweiß an. Sehenswert war die Show, weil Airbourne nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden – sie schrauben einfach einen stärkeren Motor darunter.

Arch Enemy

Arch Enemy übernahmen anschließend mit melodischem Death Metal in Weltklasseformat. Die Band Michael Amott, Jeff Loomis, Sharlee D’Angelo und Daniel Erlandsson  haben ihre neue Sängerin Lauren Hart dabei und können nach Ausstieg der  Vorgängerin weiter anknüpfen an das, wofür Arch Enemy seit Jahren steht: messerscharfe Gitarren, hymnische Melodien, extreme Vocals und große Bühnenpräsenz. Mit Songs wie „Nemesis“, „War Eternal“, „The World Is Yours“, „Deceiver, Deceiver“ und „Handshake with Hell“ haben sie sich endgültig in die erste Liga des modernen Metal gespielt. In Wacken war die Show großartig, weil Arch Enemy technische Präzision und Festivalgröße selten so mühelos verbinden. Sehenswert war das, weil die „Neue“ die Bühne nicht nur anführte, sondern regelrecht unter Strom setzte.

Thy Art Is Murder

Thy Art Is Murder ließen danach den Deathcore-Hammer fallen. Die australische Band steht für tiefe Riffs, Blastbeats, Breakdowns und eine kompromisslose Wucht, die live eher wie ein Wetterereignis als wie ein Konzert wirkt. Mit Alben wie „Hate“, „Holy War“, „Dear Desolation“, „Human Target“ und „Godlike“ haben sie sich zu einem der wichtigsten Namen des modernen Deathcore entwickelt. Sehenswert war das, weil Thy Art Is Murder dem Samstag einen der brachialsten Momente verpassten – präzise, finster und körperlich kaum zu ignorieren.

Corrosion of Conformity

Corrosion of Conformity brachten anschließend Sludge, Southern Rock, Hardcore-Wurzeln und Stoner-Groove auf den Acker. Die Band aus North Carolina um Pepper Keenan, Woody Weatherman, Mike Dean und Reed Mullin-Nachfolger John Green steht seit Jahrzehnten für einen schweren, erdigen Sound zwischen „Deliverance“, „Wiseblood“ und „Clean My Wounds“. In Wacken klang das wie ein rostiger Truck, der trotzdem perfekt geradeaus fährt. C.O.C. brauchten kein Tempo-Feuerwerk, um Druck aufzubauen – bei ihnen sitzt die Wucht im Groove. Die Band bewies, dass Schwere manchmal am besten rollt, wenn sie tief, dreckig und entspannt gefährlich klingt.

Einherjer

Einherjer brachten später Viking Metal aus Norwegen auf die Wackinger Stage und passten damit natürlich ziemlich perfekt in den Wacken-Kosmos. Die Band aus Haugesund um Frode Glesnes, Gerhard Storesund und Aksel Herløe verbindet Black-, Viking- und Heavy-Metal-Elemente mit nordischer Mythologie und rauem Pathos. Mit Alben wie „Dragons of the North“, „Odin Owns Ye All“ und „North Star“ haben sie sich einen festen Platz in der Viking-Metal-Szene erspielt. Ihre Musik zwischen Feuer, Holz, Met und Wackinger-Ambiente wirkte fast wie für diesen Ort geschrieben. Einherjer lieferten keinen bloßen Kostüm-Soundtrack, sondern kantigen, atmosphärischen Metal mit nordischer Schwere.

Triptykon

Triptykon setzten schließlich einen der finstersten und künstlerisch stärksten Punkte des Samstags. Die Band um Tom Gabriel Fischer, bekannt durch Hellhammer und Celtic Frost, steht für extreme Schwere, Doom, Blackened Metal, Avantgarde-Düsternis und Songs, die mehr Ritual als Unterhaltung sind. Mit Alben wie „Eparistera Daimones“ und „Melana Chasmata“ hat Triptykon eine eigene Klangwelt geschaffen, die tief, kalt und monumental wirkt. In Wacken war der Auftritt besonders, weil Fischer nicht einfach Metalgeschichte zitierte, sondern sie weiter in die Dunkelheit schob. Sehenswert war das, weil Triptykon den Samstag nicht mit Feuerwerk, sondern mit einem schwarzen Loch aus Klang beendeten.

Der Freitag und Samstag des Wacken Open Air 2026 waren ein ziemlich perfekter Querschnitt durch das, was dieses Festival aus macht. Paradise Lost, Crematory, Skynd und Triptykon lieferten Dunkelheit, Saxon, Running Wild, Hardline und Airbourne die klassische Rock- und Metal-Ader, Hatebreed, Thy Art Is Murder und Sepultura den körperlichen Abriss. Bear McCreary und Dubioza Kolektiv öffneten den Blick über den reinen Metal-Tellerrand hinaus, während Kittie, Nevermore, Arch Enemy, Corrosion of Conformity, Einherjer und die Zeltinger Band zeigten, wie unterschiedlich harte Musik auf dem Holy Ground funktionieren kann. Wacken war an diesen beiden Tagen heiß, laut, staubig und manchmal anstrengend – also ziemlich genau so, wie man es später mit glänzenden Augen weitererzählt.