Irgendwann am Samstagnachmittag passiert es jedes Jahr. Nicht plötzlich, eher schleichend. Zwischen dem letzten kalten Dosenbier vor dem Zelt, den staubigen Wegen Richtung Orange Stage und den ersten Gesprächen über die Heimreise am Sonntag stellt sich bei den meisten Festivalbesuchern der Roskilde-Blues ein. Dieses Gefühl, dass etwas Großes bald vorbei sein wird.
Dabei hätte der Tag kaum schöner beginnen können. Nach dem Dauerregen am Donnerstag und den kräftigen Windböen vom Freitag zeigte sich Roskilde von seiner Bilderbuchseite. Blauer Himmel, Sonne, angenehme Temperaturen und überall Menschen, die den letzten Festivaltag in vollen Zügen genießen wollten. Zehntausende glückliche Gesichter, Volunteers, die auch nach einer Woche Dauereinsatz freundlich Auskunft geben oder Müllsäcke verteilen, und ein Festivalgelände, das wieder einmal beweist, warum Roskilde einzigartig ist. Kaum ein anderes Festival dieser Größenordnung verbindet Kunstprojekte, Pop, Rock, Hip-Hop, Indie, elektronische Musik, Weltmusik und große Stadion-Acts so selbstverständlich miteinander.
Auf der Orange Stage eröffneten die dänischen Legenden TV-2 den Konzertreigen unserer Auswahl. Die Band lieferte keine Überraschungen, aber genau das war ihre Stärke. Mit großer Routine und einem bemerkenswert generationenübergreifenden Publikum verwandelten sie den Platz vor der Hauptbühne in eine einzige dänische Mitsingparty. Ein Heimspiel im besten Sinne.
Auf der Fauna Stage bemühte sich die US-Rapperin Jorjiana zu beweisen, warum sie derzeit als Hoffnungsträgerin einer neuen Generation gehandelt wird. Allerdings blieb der Auftritt hinter den Erwartungen zurück. Zwar waren Energie und Attitüde vorhanden, doch wirkte vieles noch unausgereift. Einige Songs verloren sich in ähnlichen Strukturen, und die Verbindung zum Publikum wollte über weite Strecken nicht wirklich entstehen. Mehr Versprechen als Erfüllung.
Deutlich souveräner präsentierte sich anschließend die US-Amerikanerin Audrey Nuna auf der Arena. Ihr Mix aus Hip-Hop, R&B und Alternative Pop besaß Ecken und Kanten, wirkte modern und gleichzeitig eigenständig. Vor allem ihre Bühnenpräsenz sorgte dafür, dass der große Raum der Arena nie zu groß für ihre Performance wirkte.
Mit Clipse folgte auf der Orange Stage ein Auftritt, der zeigte, wie wenig Effekte manchmal nötig sind. Die US-Hip-Hop-Veteranen Gene „Malice“ Thornton und Terrence „Pusha T“ Thornton vertrauten vollständig auf ihre Songs, ihre Präsenz und ihre Geschichte. Das Ergebnis war ein konzentriertes, kraftvolles Set voller Coolness und Präzision, das gerade durch seine Schlichtheit überzeugte.
Zu den schönsten Momenten des Tages gehörte der Auftritt von Liniker aus Brasilien auf der Arena. Soul, MPB und brasilianische Popmusik verschmolzen zu einer warmen, emotionalen und zutiefst menschlichen Performance. Die Arena wurde für eine Stunde zu einem Ort der Leichtigkeit und des Innehaltens.
Auf der Orange Stage betrat anschließend Lily Allen aus Großbritannien die Bühne. Ihre bekannten Songs funktionierten erwartungsgemäß, und das Publikum sang begeistert mit. Dennoch blieb ein zwiespältiger Eindruck zurück. Die zum Halbplayback gesungenen Hits und die Inszenierung wirkten etwas steril. Sympathisch war das alles durchaus, musikalisch blieb jedoch das Gefühl, dass hier mit einer Liveband mehr möglich gewesen wäre.
Mit Bad Gyal übernahm auf der Arena die nächste Generation internationaler Popstars. Die Spanierin verband Reggaeton, Dancehall und urbane Clubmusik zu einem energiegeladenen Set, das den Sommerabend endgültig in eine große Tanzfläche verwandelte.
Der Abschluss gehörte der großartigen Zara Larsson auf der Orange Stage. Die Schwedin präsentierte sich als Headlinerin im besten Sinne: stimmlich stark, bestens aufgelegt und mit einer Show, die große Popgesten zuließ, ohne überladen zu wirken. Als die Sonne langsam tiefer stand und Zehntausende vor der Orange Stage ihre Refrains mitsangen, entstand noch einmal dieser typische Roskilde-Moment, den man nur schwer beschreiben kann.
Später in der Nacht leuchteten die Spitzen der Orange Stage über einem Festivalgelände, das nur langsam zur Ruhe kam. In den Camps wurde noch gefeiert, gelacht und diskutiert. Doch alle wussten: Morgen werden die Zelte abgebaut. Morgen fährt man nach Hause. Morgen beginnt das Warten auf Roskilde 2027.