Noch vor vier Wochen bretterten am Nürburgring GT3-Boliden die Nordschleife entlang, Bremsen glühten und Motorsportbegeisterte genossen das 24h Rennen. Doch am Mittwoch, den 3. Juni 2026 öffneten sich die Park- und Geländeflächen nun für Rockfans aus aller Welt. Bei milden Temperaturen reisten die Besucher in die Eifel und mussten sich allerdings bereits am Donnerstagabend wetterfest machen. Dank Starkregen und Gewitter verwandelten sich einige Campingplätze direkt in Schlammflächen. Bei der kleinen aber feinen Warm-up Party konnte man sich aber ordentlich ablenken und das Rock-Wochenende in Schwung bringen.

Am Freitag, den 5. Juni 2026, ging es aber richtig los. Bei wechselhaftem Wetter, mal mit ein wenig Regen, mal Sonne-Wolkenmix, blieb der Lärm der Automotoren aber auf der Rennstrecke, tauschte sich lediglich gegen Gitarrenwände, Doublebass, Rap-Metal und Festivalchöre. Rock am Ring 2026 hatte übernommen: jenes Festival, das seit Jahrzehnten nicht einfach „in der Eifel stattfindet“, sondern dort mit Campingstühlen, Dosenbier, Regenponchos, Sonnenbrand und heiligen Moshpit-Ritualen fast eine Parallelgesellschaft bildet. Der Nürburgring wurde dabei erneut mehr als eine Kulisse sondern Mythosverstärker: Wer hier ein Konzert gibt, tritt nicht nur auf einer Bühne auf, sondern in einem Popkultur-Biotop zwischen Rennstrecke, Asphalt und kollektiver Eskalation.

Dass Rock am Ring 2026 bereits früh ausverkauft war, passte zum Line-up wie der Circle Pit zum letzten Refrain: 90.000 Wochenendtickets waren verkauft, laut Berichten des Veranstalters der früheste Ausverkauf in der Festivalgeschichte. Schon der erste Festivaltag war dabei ein Brett mit Ansage: Offiziell standen Limp Bizkit, Linkin Park, Papa Roach, Architects, Babymetal, The Hives, Trivium, Within Temptation, Bush, Mastodon, Mehnersmoos, Loathe, The Plot In You, We Came As Romans und viele mehr auf dem Plan. Was folgte, war ein Tag zwischen Genre-Grenzverkehr und Vollkontakt-Nostalgie – mal finster, mal absurd, mal riesengroß, aber fast immer genau richtig für diesen Ort.

Loathe

Loathe eröffneten den Freitag mit einem Sound, der sich anfühlte, als hätten Metalcore, Nu Metal, Shoegaze und Industrial gemeinsam in einem kaputten Tunnel übernachtet. Die Band aus Liverpool bestand aus Kadeem France, Erik Bickerstaffe, Sean Radcliffe und Feisal El-Khazragi und hatte sich seit 2014 einen Ruf als eine der atmosphärisch interessantesten heavy Bands Großbritanniens erspielt. Mit Songs wie „Gored“, „Aggressive Evolution“ und „Is It Really You?“ hatten Loathe längst bewiesen, dass Härte nicht immer frontal prügeln muss, sondern auch wie eine Panikattacke in Zeitlupe wirken kann. Besonders war der Auftritt, weil die Band kurz vor der Veröffentlichung ihres angekündigten Albums „A Stranger to You“ im Juli 2026 stand und neues Material wie ein schwarzes Versprechen in die Eifel warf. Rock am Ring bekam damit keinen gemütlichen Start, sondern ein kontrolliertes Gewitter. Wer zu früh am Gelände war, wurde belohnt – oder mindestens fachgerecht durchgeschüttelt.

Mehnersmoos

Mehnersmoos waren danach der Beweis, dass Rock am Ring auch dann funktionieren konnte, wenn plötzlich zwei Frankfurter Rapper die Metal-Community zum kollektiven Grinsen zwangen. Das Duo bestand aus MadFred, bürgerlich Frederik Moos, und Maydn, bürgerlich Tobias Mehner – ein Name, der so charmant zusammengeschustert war wie manche ihrer Punchlines. Musikalisch lieferten sie Deutschrap zwischen Suff-Humor, bewusstem Kontrollverlust, absurden Reimen und einer Live-Energie, die irgendwo zwischen Abrissparty und Klassenfahrt ohne Aufsicht lag. Mit Alben wie „Pennergang“ und Tracks aus ihrem derben, selbstironischen Kosmos hatten sie sich längst eine treue Fanbase erspielt. Sehenswert war das, weil Mehnersmoos inmitten all der ernsten Riffs wie ein schlecht erzogener, aber sehr unterhaltsamer Cousin wirkten. Die Eifel lachte, pöbelte und rappte mit – und danach brauchte vermutlich irgendjemand eine Entschuldigungsmail.

We Came as Romans

We Came as Romans brachten den US-Metalcore mit jener Mischung aus Druck und Pathos auf die Bühne, die seit Jahren ihre Visitenkarte war. Die Band aus Michigan bestand aus Dave Stephens, Joshua Moore, Lou Cotton, Andy Glass und David Puckett. Ihre Musik lebte von melodischen Gitarrenlinien, hymnischen Refrains, elektronischen Texturen und Breakdowns, die nicht nur in die Magengrube, sondern auch in die Erinnerung zielten. Songs wie „Hope“, „Tracing Back Roots“, „Cold Like War“ und neueres Material zeigten, wie die Band nach dem Tod von Kyle Pavone weitergemacht hatte, ohne ihre emotionale Mitte zu verlieren. Besonders war ihr Ring-Auftritt, weil er nicht bloß Härte demonstrierte, sondern Gemeinschaft: Diese Band klang live immer dann am stärksten, wenn Wucht und Verletzlichkeit gleichzeitig auftraten.

Bush

Bush wirkten auf dem Nürburgring wie ein Gruß aus jener Zeit, als Alternative Rock noch nach Flanell, MTV und ernst gemeinten Stirnfalten roch. Die britische Band um Gavin Rossdale spielte 2026 mit Chris Traynor, Corey Britz und Nik Hughes; gegründet wurde Bush Anfang der Neunziger in London. Ihr Debüt „Sixteen Stone“ machte sie Mitte der Neunziger groß, und Songs wie „Machinehead“, „Everything Zen“, „Comedown“ und natürlich „Glycerine“ gehören bis heute zum Post-Grunge-Grundwortschatz. Rossdale hatte live weiterhin diese Mischung aus Rockstar-Eleganz und leicht zerknitterter Melancholie, die gut auf große Open-Air-Bühnen passte. Besonders sehenswert war die Show, weil Bush zwischen all den härteren modernen Acts einen warmen, rauen Erinnerungsraum öffneten. Das war nicht retro um des Retros willen, sondern Gitarrenrock mit Haltung und gut gealterten Refrains.

Mastodon

Mastodon kamen nicht, um einfache Antworten zu geben – sie kamen, um tonnenschwere Riffs in verschachtelten Formen über den Ring zu walzen. Die Band aus Atlanta bestand nach dem Ausstieg von Brent Hinds aus Troy Sanders, Brann Dailor und Bill Kelliher, live ergänzt unter anderem durch Leadgitarristen-Unterstützung. Ihr Sound verband Sludge, Progressive Metal, Stoner-Wucht und psychedelische Komplexität zu einer Musik, die gleichzeitig nach Sumpf, Weltraum und sehr teurem Verstärker roch. Mit Alben wie „Leviathan“, „Crack the Skye“, „Emperor of Sand“ und „Hushed and Grim“ hatten Mastodon längst bewiesen, dass Metal auch dann brutal sein kann, wenn er Hirnwindungen fordert. Für „Sultan’s Curse“ gewann die Band 2018 den Grammy in der Kategorie Best Metal Performance.

The Hives

The Hives waren an diesem Freitag das beste Argument dafür, dass Rock’n’Roll nicht kompliziert sein muss, solange er perfekt angezogen ist und komplett durchdreht. Die Schweden bestanden aus Howlin’ Pelle Almqvist, Nicholaus Arson, Vigilante Carlstroem, Chris Dangerous und The Johan and Only. Musikalisch lieferten sie Garage Rock, Punk-Spirit und Bühnenentertainment mit der Präzision eines Uhrwerks, das heimlich Red Bull getrunken hatte. „Hate to Say I Told You So“, „Main Offender“, „Tick Tick Boom“ und neueres Material aus „The Death of Randy Fitzsimmons“ sowie „The Hives Forever Forever The Hives“ funktionierten live wie Zündschnüre. Pelle Almqvist dirigierte das Publikum einmal mehr wie ein größenwahnsinniger, aber erstaunlich charmanter Sportlehrer.

The Plot in you

The Plot in You brachten einen modernen Metalcore-Sound auf die Bühne, der sich nicht mehr brav in Genre-Schubladen einsortieren ließ. Die Band aus Ohio bestand aus Landon Tewers, Ethan Yoder, Josh Childress und Michael Cooper. Ihre Musik bewegte sich zwischen Metalcore, Post-Hardcore, Alternative, elektronischen Texturen und emotionaler Selbstzerlegung – mal brutal, mal fast poppig, aber selten bequem. Songs wie „Feel Nothing“, „Disposable Fix“, „Left Behind“ oder Material aus den Vol. 1–3-EPs zeigten, wie stark die Band mit Kontrasten arbeitete. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Landon Tewers’ Stimme sowohl verletzlich als auch gefährlich klingen konnte. Zwischen all den großen Namen war The Plot in You einer dieser Acts, bei denen man merkte: Hier wächst gerade keine Vorband, hier steht längst ein eigenes Kraftzentrum.

Architects

Architects übernahmen den Ring mit jener Mischung aus technischer Präzision, politischem Unterton und emotionaler Wucht, die sie zu einer der wichtigsten britischen Metalcore-Bands gemacht hatte. Die Band aus Brighton bestand aus Sam Carter, Dan Searle, Alex Dean und Adam Christianson. Ihr Sound hatte sich von chaotischem, mathematisch scharfkantigem Metalcore hin zu großen, dunklen, stadiontauglichen Metal-Hymnen entwickelt. Mit Alben wie „Holy Hell“, „For Those That Wish to Exist“ und dem 2025 erschienenen „The Sky, the Earth & All Between“ hatten Architects bewiesen, dass Härte und Botschaft sich nicht ausschließen. Songs wie „Doomsday“, „Animals“, „Black Lungs“ und „Seeing Red“ wirkten auf dem Nürburgring wie Betonplatten mit Refrain.

Within Temptation

Within Temptation brachten Bombast, Melodie und dramatische Eleganz in einen Festivaltag, der bis dahin schon ordentlich Asphalt gefressen hatte. Die niederländische Band um Sängerin Sharon den Adel gehörte seit den späten Neunzigern zu den wichtigsten Namen des Symphonic Metal; zur aktuellen Besetzung zählten unter anderem Robert Westerholt, Jeroen van Veen, Ruud Jolie, Mike Coolen, Stefan Helleblad und Vikram Shankar. Ihre Musik lebte von großen Refrains, orchestralen Arrangements, Metal-Gitarren und einer Stimme, die selbst gegen Festivalwind gewann. „Ice Queen“ war der frühe Durchbruch, später kamen Songs wie „Stand My Ground“, „Faster“, „Mother Earth“ und „Paradise“ dazu. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Within Temptation das große Drama nicht peinlich, sondern majestätisch machten.

Trivium

Trivium lieferten danach den Metal für Leute, die ihre Riffs gern messerscharf, ihre Refrains groß und ihre Gitarrensoli nicht als ausgestorbene Kunstform betrachten. Die Band aus Orlando wurde 1999 gegründet und hatte bis 2026 zehn Studioalben veröffentlicht. Zum Kern gehörten Matt Heafy, Corey Beaulieu und Paolo Gregoletto; nach Jahren mit Alex Bent am Schlagzeug hatte es 2025 Bewegung auf der Drummer-Position gegeben. Musikalisch verband Trivium Metalcore, Thrash, Heavy Metal und melodische Refrains zu einem Sound, der gleichzeitig modern und klassisch wirkte. „Pull Harder on the Strings of Your Martyr“, „In Waves“, „The Heart from Your Hate“ und „Strife“ waren dabei längst Ring-kompatible Brecher. Besonders war die Show, weil Trivium an diesem Tag wie eine Band klangen, die jedes Festivalgelände als Trainingslager für den nächsten Weltuntergang versteht.

Papa Roach

Papa Roach lieferten am Abend den großen emotionalen Knotenlöser – und ja, natürlich warteten alle auf „Last Resort“, aber diese Band war längst mehr als ein einziger Meme-Refrain. Die Kalifornier bestanden aus Jacoby Shaddix, Jerry Horton, Tobin Esperance und Tony Palermo. Seit „Infest“ hatten sie Nu Metal, Alternative Rock, Rap-Rock und moderne Hardrock-Hooks immer wieder neu zusammengerührt. „Last Resort“, „Between Angels and Insects“, „Scars“, „Getting Away with Murder“, „Help“ und „Leave a Light On“ zeigten, wie sehr Papa Roach zwischen Wut, Verletzlichkeit und Gemeinschaft funktionierten. Besonders war ihr Rock-am-Ring-Auftritt, weil Jacoby Shaddix die Menge nicht nur anfeuerte, sondern emotional anfasste.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Papa Roach bei Rock am Ring 2026 zu fotografieren. Hier seht ihr stattdessen Fotos von Rock am Ring 2024.

Babymetal

Babymetal wirkten auf dem Nürburgring wieder wie ein Betriebsunfall im besten Sinne: J-Pop-Ästhetik, Metal-Riffs, Choreografie und absolute Ernsthaftigkeit in einem Paket, das eigentlich nicht funktionieren dürfte – es aber seit Jahren spektakulär tut. Das japanische Trio bestand aus Su-metal, Moametal und Momometal. Mit „Gimme Chocolate!!“ wurden Babymetal weltweit bekannt; der Song ging viral und öffnete der Band internationale Festival- und Arenatüren. Musikalisch verbanden sie Kawaii Metal, Power Metal, Industrial, J-Pop und Live-Band-Druck zu einem sehr eigenen Spektakel. Songs wie „Karate“, „PA PA YA!!“, „Megitsune“ und „RATATATA“ funktionierten live wie eine Manga-Seite, die plötzlich Feuer spuckt. Besonders war die Show, weil Babymetal erneut bewiesen, dass Metal-Tradition und Pop-Inszenierung keine Feinde sein müssen, sondern zusammen verdammt viel Lärm machen können.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Babymetal bei Rock am Ring 2026 zu fotografieren.

Linkin Park

Linkin Park waren einer der emotionalen Fixpunkte des ersten Tages, weil ihr neues Kapitel immer noch größer war als eine normale Headliner-Show. Die Band trat in der neuen Ära mit Mike Shinoda, Dave „Phoenix“ Farrell, Joe Hahn, Brad Delson im Bandgefüge sowie Emily Armstrong als Co-Sängerin und Colin Brittain am Schlagzeug auf; live wurde Gitarrist Brad Delson durch Alex Feder vertreten. Nach Chester Benningtons Tod war jede Rückkehr dieser Band mit Erwartung, Skepsis, Liebe und Schmerz aufgeladen. Mit „From Zero“ hatte Linkin Park ein neues Kapitel begonnen, während Klassiker wie „In the End“, „Numb“, „Somewhere I Belong“, „What I’ve Done“, „Faint“ und „Bleed It Out“ längst zur DNA einer ganzen Rockgeneration gehörten. Besonders war der Auftritt, weil die Band nicht versuchte, die Vergangenheit zu ersetzen. Sie stellte sie neben die Gegenwart – und genau dadurch wurde dieser Ring-Moment so groß.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Linkin Park bei Rock am Ring 2026 zu fotografieren.

Limp Bizkit

Limp Bizkit beschlossen den ersten Tag so, wie man einen Rock-am-Ring-Freitag mit diesem Line-up beschließen musste: laut, albern, überdreht und gleichzeitig erstaunlich präzise in seiner Wirkung. Die Band aus Jacksonville bestand nach dem Tod des langjährigen Bassisten Sam Rivers aus Fred Durst, Wes Borland, John Otto und DJ Lethal, live ergänzt durch Bass-Unterstützung. Ihr Sound war und blieb Nu Metal in seiner effektivsten Form: Rap, Metal, Groove, Turntables, Trotz und Refrains, die man auch dann noch mitbrüllt, wenn man es eigentlich besser wissen wollte. „Break Stuff“, „Nookie“, „My Generation“, „Rollin’“, „Take a Look Around“ und „My Way“ waren keine Songs, sondern kollektive Kurzschlussreaktionen. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Limp Bizkit 2026 nicht mehr beweisen mussten, dass sie cool waren – gerade deshalb waren sie es wieder. Fred Durst moderierte den Wahnsinn, Wes Borland sah aus wie ein Kunstprojekt mit Verzerrerpedal, und der Nürburgring tat, was er tun musste: Er drehte noch einmal komplett durch.