Willkommen im Hitzekessel von Sulingen! Der zweite Festivaltag verlangte den Metalheads alles ab: Bei brennenden 35 Grad im Schatten und unbarmherziger Sonne verwandelte sich das Infield in eine schier endlose Staubwüste. Der feine Sand hing wie dichter Nebel über dem Gelände und wollte sich den gesamten Tag über nicht legen. Die gelegentlichen Einsätze der Wasserwerfer waren da oft nur ein sprichwörtlicher Tropfen auf den heißen Stein. Trotz vereinzelter hitzebedingter Tücken in der Technik ließen wir uns nicht aufhalten und haben für euch die Linse draufgehalten.

Alien Ant Farm: Nostalgie zum Aufwärmen

Bereits bei unserer Ankunft schallten die vertrauten Nu-Metal-Klänge von Alien Ant Farm über das Gelände. Auch wenn wir das Set nur im Vorbeigehen mitnehmen konnten, sorgten die catchy Riffs und die altbekannten Hits direkt für ein wohliges Nostalgie-Gefühl und boten den perfekten Soundtrack für die ersten Schritte im Festivalstaub.

Fit For An Autopsy: Deathcore-Wucht in der Mittagshitze

Pünktlich zum Set von Fit For An Autopsy standen wir schließlich direkt vor der Hauptbühne. Die sengende Mittagshitze forderte hier zwar noch ihren Tribut, sodass es im Infield nicht ganz so dicht gedrängt war wie gewohnt, der Stimmung tat das jedoch keinen Abbruch. Die Deathcore-Größen lieferten ein brettfharter Set ab, dessen Breakdowns ordentlich schepperten. Spätestens beim abschließenden Hit „Far From Heaven“ gab es in den vorderen Reihen kein Halten mehr.

Broken By The Scream: Brutale Kontraste aus Japan

Eine erfrischende Dosis Abwechslung gab es anschließend auf der zweiten Bühne mit Broken By The Scream. Trotz der brennenden Sonne lockte die Kuriosität des Kawaii-Metal extrem viele neugierige Zuschauer an. Auf den ersten Blick erinnerten die Japanerinnen in ihren niedlichen Kleidern und den durchchoreografierten Tänzen stark an Babymetal. Musikalisch ging die Truppe jedoch deutlich brutaler zu Werke: Der extreme Kontrast aus quietschig-hohem Gesang und unerwartet tiefen, aggressiven Growls brannte sich sofort in die Gehörgänge ein – ein absolut interessanter Auftritt und ein gelungenes Highlight im Tagesprogramm.

Paleface Swiss: Schweizer Bergmassiv im Wüstensand

Was die Schweizer von Paleface Swiss bei gefühlten 40 Grad auf der Bühne abzogen, war schlichtweg gewaltig. Die brutale Stimme des Frontmanns hielt den extremen Screams vom ersten bis zum letzten Ton ohne Mucken stand. Beim Track „The Orphan“ flogen die Crowd-Surfer pausenlos über die Menge, während bei „Let Me Sleep“ das gesamte Infield in die Knie gezwungen wurde, um auf Kommando in einen gewaltigen Moshpit zu eskalieren. Die Breakdowns rollten wie eine Lawine durch Sulingen. Trotz der glühenden Hitze sorgten die Schweizer mit „Everything Is Fine“ für echte Gänsehaut-Momente. Massiv und kompromisslos!

Imminence: Epische Streicher treffen auf Core-Härte

Mit Imminence folgte ein optisches wie akustisches Gesamtkunstwerk. Das schwedische Gespann kombinierte schwere Gitarrenriffs und fette Breakdowns mit dem eleganten Einsatz einer Violine. Der Sänger schrie dabei teilweise direkt in das Instrument hinein oder spielte und sang zeitgleich – eine absolut faszinierende Performance. Der Wechsel zwischen emotionalen Streicherpartien und hartem Metalcore verlieh dem Sound eine hochgradig cinematische, fast schon epische Note. Bei der finalen Hymne „The Black“ gipfelte das Set in einem ergreifenden Geigensolo zum Outro, das trotz der drückenden Hitze noch einmal für Schauer auf der Haut sorgte.

Thundermother: Ehrlicher Rock ’n‘ Roll ohne Schnörkel

Für erdigen, staubigen Hardrock ohne Schnörkel sorgten im Anschluss Thundermother. Die Schwedinnen passten mit ihrem geradlinigen Sound perfekt zur staubigen Kulisse des Tages und lieferten eine treibende, ehrliche Rock-’n‘-Roll-Show ab. Mit eingängigen Riffs, mächtig Bums im Schlagzeug und einer herrlich unkomplizierten Attitüde brachten sie die Beine der Menge mühelos in Bewegung und bedienten die klassischere Fraktion im Publikum auf den Punkt.

Kim Dracula: Ein wildest Genre-Chaos im Staubnebel

Bei Kim Dracula wurde es schließlich absolut unberechenbar. Während die Sonne langsam tiefer sank, sorgte die Graben-Crew kurz vor dem Gig für eine kleine Abkühlung mit dem Wasserschlauch. Die Menge feierte die Erfrischung lautstark mit „Wassermann, spritz mich an!“-Chören. Musikalisch sprengte der Auftritt jede Schublade: Trap, Nu-Metal, Metalcore und Jazz verschmolzen zu einer wilden Mischung. Wenn das Saxofon auf fette Gitarren, Screams und Rap-Parts traf – unter anderem angereichert durch kurze Anspielungen von „Careless Whisper“ und dem James-Bond-Theme – passte das erstaunlich gut zusammen. Der Staub stieg durch die unermüdlichen Pits im orangenen Abendlicht wie dichter Nebel auf.

Airbourne: Australische Vollgas-Garanten

Als die Dämmerung langsam einsetzte, übernahmen die australischen Rock-Giganten von Airbourne das Areal und zündeten eine Hochenergie-Show der Extraklasse. Joel O’Keeffe und seine Mannen fegten wie aufgedreht über die Bretter, zerschmetterten Bierschmankerl am eigenen Kopf und ballerten ein riffgewaltiges Hardrock-Brett nach dem anderen ins Infield. Die Mitmach-Aktionen saßen, die Crowd feierte den kompromisslosen AC/DC-Spirit der Band ab und der Staub wurde zu den harten Beats noch einmal richtig aufgewirbelt.

thrown: Kompromissloser Moshpit-Treibstoff

Wer dachte, nach der Rock-Party von Airbourne kurz durchatmen zu können, wurde von thrown eines Besseren belehrt. Die Schweden machten genau das, wofür sie bekannt sind, und brachten ihren extrem tiefgestimmten, modernen Hardcore auf die Stage. Banger auf Banger, kaum Zeit zum Durchatmen: Wenig Gerede, dafür umso mehr Energie. Tiefe, drückende Gitarren und aggressive Shouts schraubten das Aggressionslevel im Publikum augenblicklich auf das Tagesmaximum.
„Hydration break is over, this is a fast one“, kündigte der Sänger an – und genau das sollte sich bewahrheiten. Bei „Guilt“ und „Grayout“ ging die Energie noch einmal ordentlich nach oben, besonders bei „On The Verge“ eskalierte die Menge. Ständig bildeten sich Moshpits und Pits, überall war Bewegung. Zum Glück war die Sonne inzwischen untergegangen, sodass man ohne Hitzestich in der Menge mitfeiern konnte. thrown machten keine Gefangenen und hinterließen nach ihrem kompakten Set ein völlig durchgepustetes Infield.

Judas Priest: Die Metal-Götter bitten zur Lehrstunde

Als unangefochtener Headliner des Tages gebührte den Metal-Göttern von Judas Priest schließlich die volle Aufmerksamkeit – und die britischen Urgesteine bewiesen eindrucksvoll, warum ihr Name seit Jahrzehnten in Goldmeißel-Buchstaben in der Geschichte des Heavy Metal steht. Schon beim Betreten der Bühne und dem Ertönen der ersten massiven Gitarrenwände war klar, dass hier die Meister des Fachs am Werk sind. Rob Halford, die lebende Legende an der Front, fesselte die Blicke im gewohnt ikonischen Leder-Outfit. Seine Stimmgewalt war schlicht beeindruckend: Mühelos wechselte er zwischen tiefem, bedrohlichem Grummeln und den charakteristischen, durchdringenden Screams, die messerscharf durch die Sulingen-Nacht schnitten.

Begleitet von einer gigantischen, perfekt abgestimmten Lichtshow und imposanten Bühnenelementen rollte eine Lawine aus Klassikern über das dicht gedrängte Infield. Bei Hymnen wie „Breaking the Law“ und „Turbo Lover“ verwandelte sich der Platz vor der Stage in ein einziges Chormeermeer – tausende Kehlen sangen jede Zeile textsicher mit. Musikalisch lieferte die Band absolute Präzision ab: Die Gitarrensoli saßen makellos und das Rhythmusfundament walzte sonor durch die Gehörgänge.

Gegen Ende des regulären Sets bildete das brachiale „Painkiller“ einen krönenden Höhepunkt, bevor die Band für die Zugabe noch einmal auf die Bühne zurückkehrte. Ein absolut fantastischer, gigantischer Headliner-Auftritt, der nicht nur Nostalgiker strahlen ließ, sondern der gesamten Festivalmeute eine Lehrstunde in Sachen echtem Heavy Metal erteilte.

Northlane: Hypnotischer Schlusspunkt in der Nacht

Den Schlusspunkt unter einen extrem fordernden, aber grandiosen Festivaltag setzten schließlich Northlane. Zu später Stunde wurde es vor der Plaza Stage noch einmal richtig voll. Die Australier präsentierten ihren Metalcore mit elektronischen Elementen und hüllten das mittlerweile abgekühlte Gelände in eine fast schon hypnotische Atmosphäre. Sänger Marcus Bridge fiel dabei mit seinem roten Outfit sofort ins Auge.

Trotz der fortgeschrittenen Stunde und spürbaren Erschöpfung mobilisierte die Crowd die letzten Kraftreserven. Vor der Bühne war ordentlich Bewegung: Viele stürzten sich in den Moshpit oder ließen sich als Crowdsurfer nach vorne tragen. Gleichzeitig zeigte sich das Publikum textsicher und sang laut mit. Insgesamt lieferten Northlane einen äußerst energiegeladenen Auftritt, bevor es für die Festivalbesucher schließlich zurück zum Campingplatz ging.

Staub in jeder Pore, Sonnenbrand auf der Haut und durchgetanzte Sohlen. Der Freitag hat uns alles abverlangt, aber musikalisch auf ganzer Linie abgeliefert. Wir klopfen uns den Sand aus den Kleidern und machen uns bereit für die Reste des Wochenendes!

Text: Luca Collurafici