Was für ein Umschwung! Nach der sengenden Hitzeschlacht der ersten Tage meinte es der Wettergott am Samstag spürbar gnädiger mit den Metalheads. Die Temperaturen fielen auf ein erträgliches Niveau, und als am frühen Nachmittag endlich der ersehnte Regen einsetzte, wurde der allgegenwärtige Staub auf dem Infield glücklicherweise gebunden. Doch frieren musste hier niemand – dafür sorgte schon der denkwürdigste Kaltstart in der Geschichte des Reload Festivals. Hier ist unser großer Finalbericht von Tag 3!
Vengaboys: Der absolute Kaltstart-Fiebertraum
Wer um 10:00 Uhr morgens vor die Plaza Stage trat, rieb sich vermutlich zweimal die Augen – und erlebte eine der verrücktesten Festival-Eröffnungen aller Zeiten. Niemand hätte vor 30 Jahren bei ihrer Gründung geglaubt, dass die Vengaboys jemals ein Metal-Festival aufmischen würden. Die Schlange am Einlass war endlos und das Infield so früh am Morgen bereits so rappelvoll wie sonst nur beim Headliner.
Was folgte, war ein einziger, glorreicher Fiebertraum: Ohne DJ-Pult, nur mit vier Personen in schrillen Kostümen am Mikro, brachten die Eurodance-Ikonen die Metaller zum Eskalieren. Die Ordner schossen mit Konfettikanonen in die Menge, während das extrem textsichere Publikum Frühsport zu „Up and Down“ absolvierte. Es gab Crowdsurfer am laufenden Band, Polonaisen im Publikum und im Bühnengraben sowie Covers von LMFAO, „The Final Countdown“, „I Was Made For Lovin‘ You“ und „Livin‘ on a Prayer“. Bei „Boom, Boom, Boom, Boom!!“ und „We Like to Party!“ brach schließlich die totale Anarchie aus. Besser kann man von Null auf 100 nicht wach werden!
From Fall To Spring: Moderner Core-Schwung auf der Mainstage
Als offizieller Opener der Mainstage hatten es From Fall To Spring nach diesem Eurodance-Abriss nicht leicht, meisterten die Aufgabe aber bravourös. Spätestens bei einer Anspielung auf Papa Roachs „Last Resort“ war das Infield wieder voll auf Betriebstemperatur. Das Zwillingsduo an der Front harmonierte perfekt zwischen sauberen Klargesang-Passagen und druckvollen Screams. Zum spektakulären Abschluss stiegen sogar beide Sänger mitten in den Circle Pit, um den letzten Song direkt auf Augenhöhe mit den Fans zu feiern.
Vended: Im Schatten der Giganten auf eigenen Beinen
Mit Vended betrat eine Band die Bühne, auf die viele extrem neugierig waren – schließlich stehen mit Frontmann Griffin Taylor (Sohn von Corey Taylor) und Drummer Simon Crahan (Sohn von Shawn „Clown“ Crahan) zwei Slipknot-Sprösslinge an den Instrumenten. Natürlich sind die musikalischen Parallelen unverkennbar, besonders wenn Griffin nach Songs bösartig ins Mikrofon lacht oder seine brachialen Screams abfeuert. Doch die Truppe beweist eindrucksvoll, dass sie nicht im Schatten ihrer Väter steht. Vended starteten furios mit „Nihilism“. Der Bassist mit Maske und blauem Make-up wirbelte wie besessen um die eigene Achse und ließ seine langen Locken fliegen. Es war ein durchgehend energiegeladener und kraftvoller Auftritt, bei dem Band und Publikum in ständiger Bewegung blieben – eine Demonstration moderner Härte, die zeigte, wo das Handwerk gelernt wurde.
100 Kilo Herz: Bläser, Punkrock und eine klare Haltung
Für eine gehörige Portion Schwung und Haltung sorgten im Anschluss 100 Kilo Herz. Die Leipziger Truppe brachte ihren mitreißenden Brass-Punk auf die Bretter und bewies, dass Blasinstrumente und Verzerrer eine unschlagbare Kombination sind. Neben treibenden Rhythmen und tanzbaren Melodien setzte die Band auch ein starkes Zeichen auf der Bühne: „Wir sind eine antifaschistische Band, das heißt jeder darf mit uns mitfeiern, solange ihr kein Arschloch seid!“ – eine Ansage, die vom Infield mit lautem Applaus quittiert wurde.
Dominum: Zombie-Invasion und Michael Jackson im Metal-Gewand
Power-Metal-Theater der unterhaltsamsten Sorte gab es bei Dominum. Sänger Felix Heldt stürmte die Bühne und begrüßte die Menge direkt mit einem Augenzwinkern: „Ich habe euch Metal-Zombies mitgebracht – hättet ihr lieber Vengaboy-Zombies gehabt?“ Die untote Meute vor der Bühne entschied sich feiernd für die Metal-Variante. Bei Tracks wie „Frankenstein“ oder „The Dead Don’t Die“ wurde lautstark mitgegröhlt und geheadbangt. Ein absolutes Highlight war ihr Cover von Michael Jacksons „Thriller“, bei dem der ganze Platz textsicher mitanzug: epische Melodien auf satten Power-Metal-Beats! Bei „The Circus Is in Town“ hüpfte das gesamte Areal auf Ansage, „Nosferatu“ forderte einen gewaltigen Circle Pit und beim Finalsong „Immortalis Dominum“ verwandelte sich das Infield in einen vielstimmigen Chor.
Future Palace: Tiefe Emotionen und gewaltige Vocals
Einen bärenstarken und emotional tiefgehenden Auftritt lieferten Future Palace ab. Ein optischer Blickfang war der schimmernde blaue „Blasen“-Mikrofonständer von Frontfrau Maria. Passend dazu stiegen während des Auftritts immer wieder Seifenblasen aus dem Publikum in die Luft. Maria selbst hüpfte im Kleid wie eine Elfe über die Bühne – im krassen Kontrast dazu standen ihre unbarmherzigen, extrem kraftvollen und hohen Screams, die schlichtweg sprachlos machten. Das Publikum zeigte sich extrem textsicher, während Mosh- und Circle-Pits die Energie hochhielten. Maria nutzte die Bühne auch für wichtige Botschaften: Sie sprach offen über die mentalen Themen hinter den Songs – wie in „Decarabia“, das vom gemeinsamen Kampf gegen Depressionen handelt, oder „The Echoes of Disparity“ als starkes Statement gegen Sexismus. Zudem gab es eine unmissverständliche Ansage gegen Transfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus und Diskriminierung. Mit „Malphas“ und einem letzten, harten Headbanger-Riff entließ die Band ein begeistertes Publikum.
Gaerea: Düstere Anonymität aus Portugal
Eine völlig andere, tiefschwarze Atmosphäre brachten die portugiesischen Post-Black-Metaller von Gaerea auf das Areal. Verhüllt hinter ihren charakteristischen, schwarzen Gesichtsmasken zelebrierte die Band eine hypnotische Messe aus Dissonanz, rasenden Blastbeats und verzweifelter Wucht. Ein faszinierender, bildgewaltiger Auftritt, der einen düsteren Kontrast zum bisherigen Tagesprogramm bildete und die Vielseitigkeit des Reload-Line-ups unterstrich.
The Ghost Inside: Schweißausbrüche, Flammen und Dauer-Moshpit
Wer bei The Ghost Inside nach entspannter Unterhaltung suchte, war an der völlig falschen Adresse – hier musste vor der Bühne richtig gearbeitet werden! Sänger Jonathan Vigil ballerte seine aggressiven Shouts punktgenau zu den tonnenschweren Breakdowns ins Mikrofon. Passend dazu zündeten am heutigen Tag zum ersten Mal mächtige Flammenwerfer aus der Bühne. Eine Dreiviertelstunde lang gab es knallharten, pausenlosen Metalcore auf die Zwölf. Gedränge, Gemoshe und unzählige Crowdsurfer, die auf Händen nach vorne befördert wurden, dominierten das Bild. Auch der nun leicht einsetzende Regen änderte daran gar nichts – klatschnass vom Schweiß wäre man hier ohnehin geworden. Ein brutal mitreißender Abriss!
Kittie: Legendärer Nu-Metal-Gitarrensound
Mit den kanadischen Metal-Pionierinnen von Kittie folgte ein echtes Schmankerl für alle Fans der späten 90er- und 2000er-Jahre. Die Damen bewiesen nachdrücklich, dass sie nichts von ihrer rauen Attitüde eingebüßt haben. Mit messerscharfen Riffs, prägnantem Basslauf und aggressiven Vocals walzten sie durch ihr Set und rissen das Publikum mühelos mit.
Avatar: Das schwedische Metal-Zirkus-Spektakel
Wer Avatar bucht, bekommt eine Show der Extraklasse. Die Schweden um den schauspielerisch brillanten Frontmann Johannes Eckerström verwandelten die Plaza Stage augenblicklich in ihr ganz persönliches, verrücktes Theater. Mit ihrem einzigartigen Mix aus Groove Metal, theatralischem Zirkus-Flair und makelloser Musikalität rissen sie die Menge von der ersten Sekunde an mit – eine visuelle und akustische Machtdemonstration!
Agnostic Front: Hardcore-Legenden ohne Verfallsdatum
Anschließend baten die Urväter des New York Hardcore zur Geschichtsstunde: Agnostic Front entfachten augenblicklich das gewohnte Moshpit-Chaos. Roger Miret und Vinnie Stigma peitschten die Menge mit kompromisslosen Riffs, Hardcore-Attitüde und Klassikern durch das Set. Ein authentischer, ehrlicher Auftritt, der zeigte, dass echter Punk und Hardcore niemals altert.
Godsmack: Massenbewegung im vollen Infield
Vor der Hauptbühne wurde es bei Godsmack noch einmal extrem voll. Die US-Rocker hatten das Infield bis in die hintersten Reihen fest im Griff. Mit ihren satten Alternative-Metal-Riffs, eingängigen Hooks und einer gewaltigen Rhythmussektion brachten sie die Masse zum Mitklatschen und Mitspringen. Ein mitreißender Gig, der das Stimmungsbarometer kurz vor dem Finale noch einmal ordentlich nach oben schraubte.
Amorphis: Epische Melodien und melancholische Düsterheit
Vor einer gewohnt düsteren Kulisse zelebrierten Amorphis auf der Plaza Stage ein atmosphärisches Meisterwerk. Ein gigantischer, drei Meter hoher Vogel-Schädel thronte als beeindruckender Blickfang im Bühnenbild, das von einer wunderschönen Lichtshow in Szene gesetzt wurde. Musikalisch boten die Finnen eine grandiose Mischung aus melancholischen und härteren Passagen, geprägt von folkloristischen Melodien und prägnanten Gitarrensoli, die durch das Keyboard noch zusätzlich hervorgehoben wurden.
Frontmann Tomi Joutsen glänzte mit einem extrem starken Wechselspiel aus klarem Gesang und tiefen, gewaltigen Growls. Die Setlist ließ von „Bones“ über „Silver Bride“ und „Black Winter Day“ keine Wünsche offen. Als die finnischen Ikonen das Set schließlich mit den Doppelpack-Hits „House of Sleep“ und „The Bee“ vollendeten, hinterließen sie ein absolut begeistertes Publikum.
In Flames: Ein würdiges und episches Festival-Finale
Als finaler Headliner traten schließlich die schwedischen Melodic-Death-Giganten von In Flames an, um das Reload Festival 2026 gebührend abzuschließen. Auch wenn dem Publikum nach drei Tagen Staub, Hitze und Dauer-Moshpit die Müdigkeit spürbar in den Knochen steckte, war das Infield bis auf den letzten Platz gefüllt. Große Pyro-Effekte suchte man, anders als es der Bandname vermuten lässt, zwar vergebens, dafür glänzte die Band mit einer futuristischen, extrem stimmigen Lichtshow: Eine riesige LED-Wall, quallenartige Lichttentakel über dem Bühnenbild und Stroboskop-„Pilze“ setzten visuelle Maßstäbe. Musikalisch brannte nichts an. Bei „Cloud Connected“ reichten hunderte Smartphones in die Höhe, um das legendäre Riff mitzufilmen, während der Rest der Menge headbangte. Bei „Only for the Weak“ bewies der Platz absolute Textsicherheit – Fridén hielt das Mikrofon lediglich ins Infield und überließ den Refrain komplett dem vielstimmigen Chor der Fans. Nach Gänsehaut-Momenten wie „Stay With Me“ und unzähligen letzten Crowdsurfern gipfelte der Auftritt in einem riesigen Feuerwerk, das den Nachthimmel über Sulingen erleuchtete. Ein wahrhaft epischer und würdiger Abschluss für ein unvergessliches Festivalwochenende!
Von Eurodance-Eskalation am Morgen bis zum schwedischen Metal-Gewitter in der Nacht: Der Samstag hat dem Reload Festival die Krone aufgesetzt. Wir fahren müde, glücklich und mit dröhnenden Ohren nach Hause. Danke Sulingen, wir sehen uns nächstes Jahr!
Text: Luca Collurafici