Das NDR 2 Plaza Festival 2026 hat am Freitag, den 29. Mai, wieder genau das geliefert, wofür es seit Jahren steht: ein kompaktes, eintägiges Open-Air-Paket mit großen Namen, breitem Pop-Appeal und der besonderen Hannover-Mischung aus guter Laune, Feierabend-Euphorie und „Den Song kenne ich doch!“-Momenten. Die Expo-Plaza war über weite Strecken des Tages erneut zur großen Pop-Arena unter freiem, sommerlich schönem Himmel geworden. Der Einlass für knapp 15.000 Besucher begann am frühen Nachmittag bei warmen Temperaturen, die eher nach perfektem Open-Air-Tag als nach Wetter-App-Nervenkitzel aussahen: fünf Acts, ein Tag, keine unnötige Festival-Rallye zwischen zig Bühnen, sondern konzentrierte Hit-Dichte auf einer großen Fläche.
Das NDR 2 Plaza Festival lebte weniger vom „Ich habe die obskurste Indieband entdeckt“-Ehrgeiz, sondern vom kollektiven Wiedererkennen: Refrains, die im Autoradio groß geworden waren, Balladen, die Generationen überlebt hatten, und Acts, die wussten, wie man auch eine riesige Open-Air-Fläche direkt ans Mischpult zieht. Genau darin lag die Stärke dieses Abends: Er war massentauglich, ohne beliebig zu werden, nostalgisch, ohne muffig zu riechen, und international besetzt, ohne den deutschen Pop- und Rock-Mittelpunkt zu verlieren. Rund um die Expo-Plaza entstand so zunächst ein Festivalgefühl, das weniger nach Campingkocher und Gummistiefel klang, sondern eher nach Großstadt-Open-Air mit sehr ordentlicher Playlist. Dass sich später ein Gewitter ankündigte und der schöne Sommertag noch eine dramatische Wendung nehmen würde, ahnte man lange nur am Horizont – bis aus Festivalroutine plötzlich Wettermanagement wurde.
ClockClock
ClockClock starteten den ersten Festivaltag danach mit dem eindeutigen Beweis, dass sie zu den spannendsten deutschen Pop-Acts der letzten Jahre gezählt werden. Hinter dem Projekt stehen Sänger Bojan „Boki“ Kalajdzic sowie die Produzenten Mark Vonsin und Fabian „Feezy“ Fieser, die live gemeinsam einen Sound zwischen Elektropop, emotionalem Songwriting und großer Radio-Geste formten. Ihre Musik funktionierte auf der Plaza deshalb so gut, weil sie die Melancholie nicht im Studio einsperrte, sondern mit Beats, Druck und Licht auf Festivalgröße zog. Hits wie „Sorry“, „Someone Else“, „Over“ und „Love U Again“ hatten bereits gezeigt, wie treffsicher ClockClock Refrains bauen konnten; mehrere Singles erreichten Spitzenpositionen in den deutschen Airplaycharts.
Blue
Blue gingen als zweite Band an den Start und mit genau jener Mischung aus R&B-Pop, Vier-Mann-Harmonien und 2000er-Nostalgie, die man nicht unterschätzen sollte: Erst lächelt man milde, dann singt man doch „All Rise“ mit. Zur Band gehören weiterhin Lee Ryan, Antony Costa, Duncan James und Simon Webbe, also jene Besetzung, mit der Blue Anfang der 2000er zu einem der erfolgreichsten britischen Boyband-Exporte wurden. Musikalisch lebte ihr Set von sauber gesetzten Hooks, souligen Stimmen und Songs, die zwischen Popradio, Teeniezimmer und Retro-Party erstaunlich gut gealtert waren. Neben „All Rise“ fehlten natürlich auch „One Love“, „Sorry Seems to Be the Hardest Word“ und „If You Come Back“ nicht. Dass Blue 2011 auch für Großbritannien beim Eurovision Song Contest antraten, passte im Rückblick gut zu diesem Auftritt: Diese Band wusste, wie man große Bühnen mit einem Lächeln nimmt. Blue spielten ihre Vergangenheit mit Charme aus, klangen erstaunlich präsent und lieferten den perfekten Einstieg in den weiterführenden Abend, der Popgeschichte nicht museal ausstellte, sondern zum Mitsingen freigab.
The BossHoss
The BossHoss brachten anschließend die Staubwolke auf die Expo-Plaza – jedenfalls sinnbildlich, denn so viel Country-Rock-Attitüde bekommt man in Hannover sonst höchstens, wenn jemand mit Westernhut zum Maschseefest kommt. Gegründet wurde die Berliner Band 2004; im Zentrum stehen Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer, flankiert von ihrer eingespielten Band mit Country-, Rock-, Rhythmus- und Bläserelementen. Musikalisch lebte ihr Liveset von der bewährten BossHoss-Rezeptur: Country, Rock, Rockabilly, Pop und eine Bühnenpräsenz, die immer so tat, als sei Zurückhaltung ein Verstoß gegen die Hausordnung.
Angefangen hatten BossHoss einst mit Country-Versionen bekannter Pop-, Rock- und Hip-Hop-Songs; später kamen eigene Hits wie „Don’t Gimme That“, „Little Help“ und ihre Version von „Jolene“ dazu. Beim NDR 2 Plaza Festival passten sie perfekt in die Mitte des Tages, sie waren aber schon einmal hier vor einigen Jahren – weil sie die Menge aus dem Pop-Komfort rissen und in ein sehr lautes „Yeehaw“ verwandelten. Wo andere Acts Gefühle polierten, warfen The BossHoss die Boxen an, drehten den Verstärker hoch und machten aus der Expo-Plaza für einen Moment eine Westernkneipe mit sehr guter Stromversorgung.
Roxette
Roxette spielten eine Show, die von Beginn an mehr war als bloß ein nostalgischer Hitblock. Das schwedische Pop-Rock-Projekt wurde ursprünglich von Per Gessle und Marie Fredriksson geprägt; nach Fredrikssons Tod 2019 kehrte Gessle mit der schwedischen Sängerin Lena Philipsson und der Roxette-Band auf die Bühne zurück. Diese neue Konstellation war heikel, weil Marie Fredrikssons Stimme für viele Fans untrennbar mit Roxette verbunden blieb. Offiziell hatte Roxette 2025 mit Per Gessle, Lena Philipsson und Band den Live-Katalog zurück auf die Bühne gebracht; die Resonanz auf zahlreiche internationale Konzerte wurde als überwältigend beschrieben.
Auch in Hannover imitierte Philipsson nicht, sondern interpretierte mit Respekt. Musikalisch war Roxette immer die Kunst, große Melodien so klingen zu lassen, als wären sie gerade eben vom Himmel gefallen: „The Look“, „Listen to Your Heart“, „It Must Have Been Love“, „Joyride“ und „Dangerous“ sind Paradebeispiele für Pophandwerk mit Weltformat. In Hannover bekamen diese Songs noch eine zusätzliche Spannung, denn während Roxette ihre großen Refrains über die Expo-Plaza schickten, wurde bereits bekannt, dass ein Gewitter aufzog und starker Regen nahte. Dadurch lag über der Show plötzlich dieser besondere Open-Air-Kitzel: vorne Pop-Euphorie, hinten Wetterwarnung, dazwischen ein Publikum, das noch einmal sang, als wolle es den Himmel übertönen. Roxette schafften das Kunststück, Erinnerung und Gegenwart nicht gegeneinander auszuspielen – und lieferten einen Auftritt, der im Rückblick auch deshalb hängen blieb, weil er kurz vor dem Wetterumschwung noch einmal den ganzen Glanz dieses Festivaltages bündelte.
Peter Maffay
Peter Maffay war der emotionale Schwergewichtsmoment des Festivals – und zugleich jener Auftritt, der am deutlichsten zeigte, dass Open Air eben Open Air bleibt, selbst wenn auf der Bühne jahrzehntelange Erfahrung steht. Der in Rumänien geborene Sänger, Gitarrist, Komponist und Produzent gehört seit den 1970er-Jahren zu den prägenden Figuren der deutschsprachigen Rockmusik. Seine Karriere umfasst über 50 Jahre, mehr als 50 veröffentlichte Alben und zahlreiche Nummer-eins-Erfolge; „Du“, „Und es war Sommer“, „Über sieben Brücken musst du gehn“, „So bist du“ und „Nessaja“ gehörten längst zum kollektiven deutschen Songgedächtnis.
Eigentlich hätte Maffay an diesem Abend früher für genau jenen generationenverbindenden Moment sorgen sollen. Doch das nahende Gewitter machte dem Zeitplan zunächst einen Strich durch die Rechnung: Das Expo-Plaza-Gelände wurde evakuiert, die Besucherinnen und Besucher wurden in die ZAG Arena gebracht, einige suchten Schutz in der Lobby des Radisson Blu. Aus Festivalstimmung wurde kurzzeitig Ausnahmezustand mit Regenradar, nassen Wegen und der Frage, ob dieser Auftritt überhaupt noch stattfinden würde. Erst kurz nach 21.30 Uhr konnte Peter Maffay schließlich auf die Bühne gehen – und das bei Regen, aber mit genau jener Ruhe, die man sich nicht kaufen, sondern nur über Jahrzehnte erspielen kann.
Dass Maffay nach dem Abschied von ausgedehnten Arenatourneen nur noch ausgewählte Shows spielt, machte seinen Auftritt beim NDR 2 Plaza Festival ohnehin besonders wertvoll. Veranstalter Hannover Concerts hatte den Auftritt als Teil seiner „Love Places“-Reihe an besonderen Herzensorten angekündigt – und nach der Evakuierung fühlte sich dieser Slot noch einmal bewusster, fast trotzig an: keine Routine, sondern ein Moment, der sich den Umständen entgegenstellte. Maffay und Band setzten nicht auf grelle Effekthascherei, sondern auf Songs, die ohnehin groß genug waren, um auch Regen, Verzögerung und angespannte Wetterlage zu tragen. Dieses Konzert brachte Generationen zusammen: Eltern, die Maffay auf Vinyl kannten, Kinder, die „Tabaluga“ im Ohr hatten, und Festivalgäste, die spätestens beim ersten großen Refrain merkten, dass deutscher Rock auch ohne Pose monumental sein kann. Gerade weil dieser Auftritt nicht glatt durchlief, sondern sich seinen Weg durch Gewitterpause und Regen bahnen musste, wurde er zu einem der erinnerungswürdigsten Momente des Abends.