Das M’era Luna Festival 2026 bewies am Samstag einmal mehr, warum der Flugplatz Hildesheim-Drispenstedt für die schwarze Szene längst mehr ist als nur ein weitläufiges Konzertgelände. Hier wurde kein gewöhnlicher Festivaltag abgespult, sondern ein eigenes Ritual zelebriert: Gothic, Industrial, Dark Rock, Mittelalter, EBM, Cyber-Looks, Samt, Leder, Lack, Plateauschuhe und jede Menge liebevoll inszenierte Dunkelromantik. Während andere Festivals nach Campingstuhl, Dosenbier und Gummistiefel riechen, wirkte das M’era Luna wie ein großer schwarzer Laufsteg mit Bassdruck – elegant, exzentrisch, herzlich und musikalisch erstaunlich breit aufgestellt.

Auch das Wetter spielte seine Rolle im Gesamtkunstwerk: Tagsüber zeigte sich Hildesheim überwiegend freundlich und sonnig, mit Temperaturen um die Mitte 20 Grad – für Sommerfestival-Verhältnisse angenehm, in komplett schwarzer Garderobe aber trotzdem eine kleine Stil- und Konditionsprüfung. Gegen Abend standen einzelne Schauer im Raum, was dem M’era Luna fast schon passend dramatisch zu Gesicht stand. Makelloser Freibad-Himmel wäre für Gothic schließlich auch ein bisschen zu optimistisch gewesen. Musikalisch spannte der Samstag einen weiten Bogen: deutsche Dark-Rock-Schwere, mexikanische Aggrotech-Wucht, Industrial-Metal-Druck, melancholischer Dark-Pop, EBM-Kante, Mittelalter-Rock, symphonische Größe und zum Schluss kalte Elektronik aus der Industrial-Zukunft.

Unzucht

Unzucht setzten für viele den ersten kräftigen Akzent des Samstags und machten sofort klar, dass dieser Tag nicht gemächlich anlaufen würde. Die Hannoveraner Band bewegt sich seit Jahren sicher zwischen Dark Rock, Industrial-Anklängen und deutschsprachiger Direktheit. Druckvolle Gitarren, elektronische Härte und Refrains zwischen Dunkelromantik und Faust-in-die-Luft-Geste bildeten auch in Hildesheim das Fundament. Songs wie „Engel der Vernichtung“, „Kettenhund“, „Deine Zeit läuft ab“ oder „Der letzte Tanz“ hatten längst ihre feste Anhängerschaft gefunden. Statt vorsichtig aufzuwärmen, lieferten Unzucht einen kompakten Stromstoß für den frühen Nachmittag.

Hocico

Hocico waren danach nichts für schwache Nerven, leichte Kreisläufe oder Menschen, die elektronische Musik gern dekorativ im Hintergrund hätten. Das mexikanische Duo aus Erk Aicrag und Racso Agroyam steht seit den 90ern für aggressive Beats, verzerrte Vocals, Industrial-Schärfe und eine Bühnenenergie, die eher nach Kurzschluss als nach Konzertabend klingt. Mit Tracks wie „Poltergeist“, „Forgotten Tears“, „Bite Me!“ oder „A Fatal Desire“ haben sie weltweit Clubs und Szene-Festivals zum Schwitzen gebracht. Auf dem M’era Luna drückte diese kompromisslose Aggrotech-Wucht körperlich spürbar durch die Menge. Hocico öffneten keinen gemütlichen Dancefloor, sondern einen dunklen Maschinenraum – und wer einmal drin war, kam kaum stillstehend wieder heraus.

Tyske Ludder

Tyske Ludder ergänzten diesen elektronisch-martialischen Strang des Tages mit einer klaren Portion Oldschool-EBM und Industrial-Kälte. Die deutsche Formation gehört seit den 90ern zu den Namen, die in dunklen Clubs nicht nur für Bewegung, sondern auch für Diskussionen sorgten. Ihr Sound setzte auf harte Sequenzen, strenge Beats, militärisch anmutende Ästhetik und eine düstere Direktheit, die weniger umarmte als marschierte. In Hildesheim funktionierte das im Festivalgefüge hervorragend, weil Tyske Ludder nach Hocico keine Entspannung anboten, sondern den Puls weiter oben hielten. Der Auftritt wirkte wie ein Gruß aus einer Zeit, in der EBM noch nach Stahl, Stroboskop und sehr ernsten Stiefeln klang.

Megaherz

Megaherz holten anschließend die Neue-Deutsche-Härte-Schlagseite auf die Main Stage. Die Münchner Band um Sänger Alexander „Lex“ Wohnhaas verbindet schwere Gitarren, industrielle Grooves, deutsche Texte und große Refrains zu einem Sound zwischen Metal, Dark Rock und martialischer Bühnenwirkung. Mit Songs wie „Miststück“, „5. März“, „Jagdfieber“, „Zombieland“ oder „Komet“ hatten sie längst gezeigt, dass sie weit mehr sind als eine Randnotiz im Schatten anderer NDH-Größen. Auf dem M’era Luna trafen Pathos, Härte und dunkle Direktheit auf ein Publikum, das genau für diese Mischung bereit war. Megaherz machten keine langen Umwege, sondern arbeiteten das Gelände mit Riffs, Rhythmus und klarer Kante ab.

Combichrist

Combichrist drehten danach den Regler für Industrial-Metal noch einmal deutlich nach rechts. Das Projekt um Andy LaPlegua hat sich längst von den Aggrotech- und EBM-Wurzeln zu einer massiven Live-Maschine zwischen Industrial, Metal, Elektro und Punk-Energie entwickelt. Songs wie „Get Your Body Beat“, „This Shit Will Fuck You Up“, „Blut Royale“ oder „Never Surrender“ gehören zum Pflichtvokabular schwarzer Tanzflächen mit Abrissgarantie. Auf dem M’era Luna verschmolzen Clubdruck, Rockshow und körperliche Eskalation zu einem Set, das eher an einen Maschinenstart als an einen normalen Auftritt erinnerte. LaPlegua und Band kamen nicht, um höflich zu überzeugen – sie warfen den Motor an und ließen Hildesheim arbeiten.

The Beauty of Gemina

The Beauty of Gemina setzten danach einen deutlich eleganteren, atmosphärischeren Akzent. Das Schweizer Projekt um Michael Sele steht für dunklen Wave-Rock, melancholische Gitarren, elektronische Schatten und eine Stimme, die mehr erzählt als erklärt. Songs wie „Suicide Landscape“, „Kingdoms of Cancer“, „Rumours“ oder „One Step to Heaven“ haben der Band über Jahre eine treue Szene-Fangemeinde eingebracht. Nach dem harten Industrial-Druck von Combichrist wirkte ihr Auftritt wie ein Schritt in einen dunklen, kühlen Raum mit Kerzenlicht statt Stroboskop. Gerade diese kontrollierte Melancholie machte den Slot reizvoll: The Beauty of Gemina mussten nicht laut explodieren, um nachzuwirken.

The Birthday Massacre

The Birthday Massacre brachten anschließend Farbe in die Dunkelheit – allerdings eher in Neonviolett als in Pastellrosa. Die kanadische Band um Sängerin Chibi steht für eine unverwechselbare Mischung aus Dark Wave, Synth-Rock, Gothic-Pop und märchenhaftem Albtraum-Glanz. Mit Alben wie „Violet“, „Walking with Strangers“ und Songs wie „Blue“, „Video Kid“, „Red Stars“ oder „Looking Glass“ haben sie sich international eine treue Fangemeinde erspielt. In Hildesheim öffneten sie zwischen all den härteren Industrial- und Metal-Acts eine eigene, schimmernde Zwischenwelt. Ihr Set klang süß, düster, eingängig und unheimlich zugleich – wie ein Kinderzimmer, in dem nachts plötzlich die Synthesizer angehen.

White Lies

White Lies sorgten am Samstagabend auf der Main Stage für einen großen, dunklen Indie-Rock-Moment. Das Londoner Trio um Sänger und Gitarrist Harry McVeigh, Bassist Charles Cave und Drummer Jack Lawrence-Brown steht für post-punkigen Stadion-Indie mit Melancholie, breiten Synth-Flächen und Refrains, die sich langsam über ein ganzes Feld legen. Ihr Debüt „To Lose My Life…“ erreichte in Großbritannien Platz eins, Songs wie „To Lose My Life“, „Farewell to the Fairground“ oder „Bigger Than Us“ sind längst feste Größen in ihrem Katalog. Beim M’era Luna passte diese Mischung aus Schwermut, Pop-Größe und dunkler Romantik erstaunlich gut zwischen die härteren Programmpunkte. White Lies brauchten keine Szene-Klischees, um den Abend zu treffen – ihre Melodien lieferten die nötige Schwere ganz von selbst.

Agonoize

Agonoize brachten später jene harte EBM- und Aggrotech-Kante, für die sie in der Szene seit Jahren berüchtigt sind. Die Berliner Formation um Chris L., Mike Johnson und Oliver Senger steht für stampfende Beats, provokante Texte, verzerrte Vocals und Shows, die bewusst an den Grenzen von Club, Theaterblut und kontrollierter Geschmacklosigkeit entlangschrammen. Mit Songs wie „Koprolalie“, „Glaubenskrieger“, „Staatsfeind“ oder „Bis das Blut gefriert“ haben sie ihren Platz in den dunklen Clubs längst zementiert. Im Festival- und Hangar-Kontext wirkte diese Direktheit noch einmal enger, schwitziger und härter. Agonoize wollten nicht gefallen – sie wollten reagieren lassen, und genau das passierte.

In Extremo

In Extremo machten den Abend auf der Main Stage zum großen Mittelalter-Rock-Spektakel. Die Berliner Band um Sänger Das Letzte Einhorn steht seit Jahrzehnten für Dudelsäcke, Schalmeien, harte Gitarren, Folk-Melodien und Refrains, die nach Feuer, Marktplatz und Metalshow zugleich klingen. Mit „Vollmond“, „Küss mich“, „Frei zu sein“, „Liam“, „Sternhagelvoll“ oder „Spielmannsfluch“ haben sie längst Festivalgeschichte geschrieben. Auf dem M’era Luna wirkten sie nicht wie ein Fremdkörper zwischen Gothic, Industrial und Dark Rock, sondern wie eine archaische Erweiterung dieses Kosmos. Hier wurde nicht nur musiziert, hier rollte ein mittelalterliches Lagerfeuer mit Starkstrom über die Bühne.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich In Extremo beim M’era Luna 2026 zu fotografieren. 

Within Temptation

Within Temptation brachten anschließend symphonische Größe und internationales Format auf die Hauptbühne in Hildesheim. Die niederländische Band um Sharon den Adel gehört seit den späten 90ern zu den wichtigsten Namen zwischen Symphonic Metal, Gothic Metal und modernem Alternative-Rock-Bombast. Songs wie „Ice Queen“, „Mother Earth“, „Stand My Ground“, „Faster“, „Paradise“ oder „The Reckoning“ füllen große Bühnen fast von selbst. In Hildesheim schwebte Sharon den Adels Stimme über dem Gelände, ohne im Pathos zu versinken. Der Auftritt lieferte genau das, was ein später Festivalhöhepunkt braucht: große Melodien, dramatische Bilder und genug Schwere, damit der Glanz nicht zu glatt wurde.

Front Line Assembly

Front Line Assembly setzten zum Schluss den kalten, elektronisch-industriellen Schlusspunkt unter diesen Samstag. Die kanadische Band um Bill Leeb zählt seit den 80ern zu den prägenden Kräften des Electro-Industrial und beeinflusste mit Alben wie „Tactical Neural Implant“, „Hard Wired“, „Millennium“ oder „Echogenetic“ ganze Generationen dunkler Club- und Industrial-Musik. Ihr Sound besteht aus kalten Sequencern, wuchtigen Beats, Science-Fiction-Atmosphäre und dystopischer Klangarchitektur, die nie bloß nach Retro klingt. Nach den großen Gesten des Tages setzten Front Line Assembly eine konzentrierte, maschinelle Dunkelheit dagegen. Im Dunkeln über dem Flugplatz rollte dieser Industrial-Sound besonders wirkungsvoll aus – futuristisch, kühl und erstaunlich zeitlos.

Front Line Assembly setzten zum Schluss den kalten, elektronisch-industriellen Schlusspunkt unter diesen Samstag. Die kanadische Band um Bill Leeb zählt seit den 80ern zu den prägenden Kräften des Electro-Industrial und beeinflusste mit Alben wie „Tactical Neural Implant“, „Hard Wired“, „Millennium“ oder „Echogenetic“ ganze Generationen dunkler Club- und Industrial-Musik. Ihr Sound besteht aus kalten Sequencern, wuchtigen Beats, Science-Fiction-Atmosphäre und dystopischer Klangarchitektur, die nie bloß nach Retro klingt. Nach den großen Gesten des Tages setzten Front Line Assembly eine konzentrierte, maschinelle Dunkelheit dagegen. Im Dunkeln über dem Flugplatz rollte dieser Industrial-Sound besonders wirkungsvoll aus – futuristisch, kühl und erstaunlich zeitlos.