Das Lollapalooza Berlin hatte am Sonntag, den 19. Juli 2026, noch einmal gezeigt, warum dieses Festival in der Hauptstadt längst mehr ist als ein normales Open Air mit ein paar großen Namen auf dem Plakat. Rund um das Olympiastadion und den Olympiapark entstand erneut diese eigene Lolla-Welt aus Musik, Food, Familienprogramm, Fashion, Erlebnisflächen, Selfie-Kulissen und Festivalgästen, die aussahen, als hätten sie ihre Outfits mindestens drei Moodboards lang geplant. Wichtig blieb dabei wie immer: Das Festival fand auf dem Gelände rund um das Olympiastadion statt, nicht im Stadion selbst – die große Sportstätte war Kulisse, Orientierungspunkt und imposanter Nachbar, aber nicht der eigentliche Konzertort.
Genau diese Mischung machte den Sonntag so reizvoll. Lollapalooza Berlin funktionierte auch 2026 wieder wie eine temporäre Pop-Stadt: international, bunt, leicht überdreht und trotzdem erstaunlich familienfreundlich. Zwischen Kidzapalooza, Experience Areas, Foodständen und mehreren Bühnen trafen Teenie-Pop-Fans auf Techno-Publikum, Singer-Songwriter-Romantiker auf Rap-Crowds und Menschen mit Glitzer im Gesicht auf Leute, die nur wegen einem einzigen Act gekommen waren und am Ende doch den halben Tag blieben. Der zweite Festivaltag setzte dabei auf eine breite Dramaturgie: neue Popstimmen, deutscher Rap, Techno-Druck, israelische Avant-Pop-Kante, brasilianische Star-Power, Berliner Clubgeschichte, Soul mit Reibeisenstimme, neuseeländische Popkunst und am Ende Lewis Capaldi als großer Gefühlsmoment.
Regen, Wind und graue Wolken machten aus dem Olympiapark zeitweise ein Poncho-Ballett mit Bassbegleitung. Besonders hilfreich war, dass Besucherinnen und Besucher zwischendurch Zugang ins Olympiastadion hatten und sich dort für einen Moment trocken sortieren konnten, bevor es zurück vor die Bühnen ging. So wurde der Regentag zwar nicht unbedingt gemütlich, aber immerhin sehr berlinfestivaltauglich: nass, improvisiert und trotzdem erstaunlich gut gelaunt.
Alessi Rose
Alessi Rose eröffnete den Sonntag mit jenem britischen Indie-Pop-Selbstbewusstsein, das irgendwo zwischen Tagebuch, Schlafzimmerproduktion und großer Festivalbühne wohnt. Die Sängerin und Songwriterin hatte sich mit Songs wie „Eat Me Alive“, „Crush!“ und „Oh My“ eine wachsende Fanbase erspielt und stand für Pop, der charmant schief grinsen durfte, statt perfekt lackiert zu wirken. Ihre Musik lebte von ehrlichen Texten, eingängigen Melodien und dieser jungen, leicht chaotischen Energie, bei der Herzschmerz nicht dramatisch ausgestellt, sondern mit einem Schulterzucken in einen Refrain verwandelt wurde. In Berlin funktionierte das besonders gut, weil Lollapalooza genau der richtige Ort für solche neuen Stimmen war: groß genug, um Wirkung zu entfalten, offen genug, um entdeckt zu werden. Alessi Rose wirkte nicht wie ein Programmpunkt zum Ankommen, sondern wie eine Künstlerin, bei der man später sagen konnte: „Die habe ich damals schon gesehen.“ Sehenswert war ihr Auftritt, weil sie dem Sonntag einen frischen, unaufgeregten Start gab – mit Pop, der jung klang, aber keineswegs klein.
Trancemaster Krause
Trancemaster Krause brachte danach eine ganz andere Betriebstemperatur auf das Gelände. Hinter dem Namen steckt der Hamburger DJ und Produzent, der sich mit treibenden Trance-, Techno- und Rave-Sets eine sehr eigene Fanbase zwischen Clubkultur, Ironie und ernst gemeinter Euphorie aufgebaut hatte. Seine Musik setzte auf schnelle Kicks, klare Spannungskurven, 90er-Referenzen und diese Art von Rave-Energie, bei der irgendwann niemand mehr sicher sagen kann, ob gerade Nostalgie oder Gegenwart eskaliert. Beim Lollapalooza war sein Set besonders, weil es zwischen all den Pop-Acts wie ein geöffneter Nebelmaschinen-Tunnel Richtung Clubnacht wirkte. Trancemaster Krause brauchte keine großen Erklärungen; der Beat machte die Ansage, und das Publikum folgte. Sehenswert war das, weil Berlin hier kurz daran erinnerte, dass selbst ein Popfestival in dieser Stadt nie ganz ohne elektronische Schlagseite auskommt.
Self Estem
Self Esteem brachte am zweiten Lollapalooza-Tag jenen selbstbewussten Art-Pop auf die Bühne, der sich irgendwo zwischen Popshow, feministischer Ansage und sehr gut choreografierter Gruppentherapie bewegte. Hinter Self Esteem steckt die britische Musikerin Rebecca Lucy Taylor, die früher Teil des Indie-Duos Slow Club war und sich solo mit Alben wie „Compliments Please“, „Prioritise Pleasure“ und „A Complicated Woman“ endgültig als eigenständige Popkünstlerin mit Haltung etabliert hatte. Ihre Musik verband elektronische Beats, Chöre, Sprechgesang, Indie-Pop, Theatralik und Texte über Körper, Selbstwert, Sexismus, Unsicherheit und Trotz. Songs wie „I Do This All the Time“, „Prioritise Pleasure“, „Focus Is Power“ oder „69“ zeigten, dass Pop bei ihr nicht glattgebügelt, sondern klug, körperlich und ziemlich direkt sein durfte. In Berlin war ihr Auftritt besonders sehenswert, weil Self Esteem nicht einfach Songs ablieferte, sondern eine ganze Haltung auf die Bühne stellte: verletzlich, wütend, witzig und maximal kontrolliert inszeniert. Zwischen Choreografie, Publikumsnähe und starken Refrains wurde ihr Set zu einem dieser Lolla-Momente, bei denen man erst tanzt und dann merkt, dass gerade ziemlich viel Substanz mitgeliefert wurde.
Zartmann
Zartmann brachte anschließend deutschen Pop und Rap in einer Form auf die Bühne, die nicht laut nach Aufmerksamkeit schrie, sondern sich erstaunlich elegant festsetzte. Der Berliner Künstler steht für eine Mischung aus Indie-Pop, Rap, Songwriter-Gefühl und elektronischer Leichtigkeit – Musik, die nach Großstadt, Nachtbus, Liebeskummer und trotzdem nach Sonnenbrille klingt. Mit Songs wie „Wie du manchmal fehlst“, „Ein Anruf entfernt“, „Eehhhyyy“ und seinem Durchbruch in den deutschen Streaming- und Radiowelten hatte er sich schnell von einem Namen für Eingeweihte zu einem der auffälligen neuen deutschsprachigen Acts entwickelt. In Berlin spielte Zartmann quasi mit Heimvorteil, ohne daraus großes Hauptstadt-Getöse zu machen. Seine Show war sehenswert, weil sie zeigte, wie selbstverständlich neue deutsche Popmusik inzwischen zwischen Rap, Indie und Festivalbühne wechseln kann. Das war kein überproduzierter Popmoment, sondern ein Set mit Charme, Melodie und sehr viel Gegenwartsgefühl.
Noga Erez
Noga Erez brachte danach Schärfe, Stil und rhythmische Raffinesse ins Lolla-Programm. Die israelische Musikerin, Produzentin und Sängerin steht für einen Sound, der Pop, Hip-Hop, Elektro, politische Spannung und kantige Beats miteinander verbindet. Gemeinsam mit ihrem kreativen Partner Ori Rousso hatte sie auf Alben wie „Off the Radar“ und „Kids“ sowie mit Songs wie „Dance While You Shoot“, „Views“, „End of the Road“ oder „Nails“ einen unverwechselbaren Stil entwickelt: kühl, clever, tanzbar und nie ganz bequem. In Berlin wirkte ihr Auftritt besonders, weil er zwischen all den großen Popgesten eine präzise, fast architektonische Energie setzte. Noga Erez spielte keine gefällige Hintergrundmusik für Festivalwiesen, sondern Pop mit Kanten, Brüche und Haltung. Sehenswert war das, weil ihre Show bewies, dass man auch auf einem großen Sommerfestival intellektuell scharf und körperlich mitreißend zugleich sein kann.
Sofia Camara
Sofia Camara sorgte anschließend für einen emotionalen Popmoment mit internationalem Format. Die kanadische Sängerin und Songwriterin hatte sich mit kraftvoller Stimme, viralen Songs und einer Mischung aus Pop, Soul und Balladen-Drama eine schnell wachsende Aufmerksamkeit ersungen. Ihre Musik lebte von großen Gefühlen, klaren Melodien und einer Stimme, die nicht nur hübsch klang, sondern ordentlich Druck entwickeln konnte. In Berlin zeigte sie, dass ihre Songs live nicht bloß Social-Media-Snippets waren, sondern auf einer Festivalbühne echte Substanz hatten. Besonders stark war, wie sie zwischen verletzlicher Direktheit und großer Popgeste wechselte, ohne in Kitsch abzurutschen. Sehenswert war der Auftritt, weil Sofia Camara genau diesen Moment traf, in dem ein junges Publikum merkt: Hier steht nicht nur ein Name aus der Playlist, sondern eine Stimme, die live tragen kann.
Anitta
Anitta brachte danach brasilianische Weltstar-Energie in den Olympiapark. Die Sängerin aus Rio de Janeiro hatte mit ihrem Mix aus Funk Carioca, Latin-Pop, Reggaeton, Dance und globalem Clubsound längst internationale Maßstäbe gesetzt und mit Songs wie „Envolver“, „Downtown“, „Vai Malandra“, „Girl From Rio“, „Faking Love“ und „Bellakeo“ eine Karriere gebaut, die weit über Brasilien hinausstrahlte. Ihre Musik war auf Bewegung programmiert: Beats, Körper, Hooks, Selbstbewusstsein – alles direkt, alles glänzend, alles sehr effizient. In Berlin wurde daraus eine Show, die eher wie ein tropisches Fitnessprogramm mit Popstar-Produktionswerten wirkte. Anitta wusste genau, wann sie die Tänzerinnen und Tänzer nach vorne stellte, wann sie selbst den Fokus nahm und wann ein Refrain einfach alles erledigte. Besonders sehenswert war ihr Auftritt, weil er dem Sonntag eine internationale Club- und Karnevalskante gab, ohne eine Sekunde beliebig zu wirken.
Boys Noize
Boys Noize setzte anschließend den Berliner Elektro-Stempel auf den Sonntag. Alex Ridha, wie Boys Noize bürgerlich heißt, gehört seit Jahren zu den wichtigsten deutschen Namen zwischen Electro, Techno, Acid, Rave und Clubkultur. Mit seinem Label Boysnoize Records, eigenen Veröffentlichungen wie „Oi Oi Oi“, „Power“, „Out of the Black“ und Produktionen für oder mit internationalen Künstlern hatte er längst bewiesen, dass elektronische Musik aus Deutschland sehr wohl global klingen kann, ohne ihre Clubkante zu verlieren. Beim Lollapalooza war sein Set der notwendige Stromschlag zwischen Popshow und Abendprogramm. Die Bässe waren trocken, die Synths bissig, die Übergänge präzise, und plötzlich wirkte der Olympiapark eher wie ein sehr großer Open-Air-Club. Sehenswert war das, weil Boys Noize nicht auf Nostalgie setzte, sondern auf Gegenwart: direkt, druckvoll und mit jener Berliner Härte, die selbst zwischen Foodtrucks noch nach Betonboden klingt.
Teddy Swims
Teddy Swims brachte danach die große Stimme und noch größere Gefühle auf das Gelände. Der US-Sänger Jaten Dimsdale wurde durch Coverversionen im Netz bekannt, entwickelte sich aber mit eigenen Songs wie „Lose Control“, „The Door“, „911“ und seinem Album „I’ve Tried Everything but Therapy“ zu einem der markantesten Soul-Pop-Acts der vergangenen Jahre. Seine Musik verbindet Soul, R&B, Pop, Country-Anklänge und diese raue, sofort erkennbare Stimme, die klingt, als hätte Herzschmerz ein eigenes Mikrofon bekommen. In Berlin funktionierte das hervorragend, weil Teddy Swims keine Showtreppe brauchte, um groß zu wirken. Er sang sich durch Schmerz, Hoffnung und Refrains, die im Publikum sofort andockten. Besonders sehenswert war seine Show, weil sie bewies, dass echte Stimmgewalt auch auf einem bunten Popfestival noch alles kurz anhalten kann.
Lorde
Lorde war einer der künstlerischen Höhepunkte des zweiten Tages. Die neuseeländische Musikerin Ella Yelich-O’Connor wurde mit „Royals“ weltweit bekannt, gewann früh Grammys und prägte mit Alben wie „Pure Heroine“, „Melodrama“ und „Solar Power“ eine ganz eigene Popästhetik zwischen Minimalismus, Teenager-Beobachtung, elektronischer Spannung und poetischer Distanz. Songs wie „Team“, „Green Light“, „Liability“, „Perfect Places“ und „Solar Power“ hatten längst gezeigt, dass Lorde Pop nicht einfach als Hitmaschine versteht, sondern als emotionales und visuelles Konzept. In Berlin war ihr Auftritt besonders, weil er nicht auf maximale Lautstärke setzte, sondern auf Atmosphäre, Fokus und diese leicht entrückte Präsenz, die sie von vielen Popstars unterscheidet. Lorde wirkte wie eine Künstlerin, die nicht versucht, das Publikum zu überrennen, sondern es in ihre Welt zieht. Sehenswert war das, weil ihr Set dem Lollapalooza-Sonntag einen Moment von Klasse, Tiefe und eigenwilligem Glanz gab.
Lewis Capaldi
Lewis Capaldi beschloss den Sonntag mit einem Auftritt, der genau zwischen Humor, Verletzlichkeit und großer Stimme pendelte. Der schottische Sänger wurde mit „Someone You Loved“ zum globalen Star, legte mit „Before You Go“, „Hold Me While You Wait“, „Forget Me“, „Pointless“ und seinen Alben „Divinely Uninspired to a Hellish Extent“ sowie „Broken by Desire to Be Heavenly Sent“ weitere große Pop-Balladen nach. Capaldis Musik lebt von Klavier, Melodie, Herzschmerz und einer Stimme, die nicht glattpoliert klingt, sondern so, als hätte sie jeden Satz wirklich durchlebt. In Berlin war seine Show besonders, weil sie die riesige Festivalfläche plötzlich erstaunlich nah wirken ließ. Zwischen selbstironischen Ansagen und großen Refrains zeigte Capaldi, warum seine Songs weltweit funktionieren: Sie sind direkt, menschlich und emotional sehr schwer auszuweichen. Als der letzte große Mitsingmoment über den Olympiapark ging, fühlte sich der Sonntag nicht einfach beendet an, sondern gemeinsam ausgeschwitzt, ausgesungen und ein bisschen weichgeklopft.
Der zweite Tag des Lollapalooza Berlin 2026 zeigte noch einmal die ganze Spannweite dieses Festivals. Alessi Rose brachte frische britische Pop-Energie, Trancemaster Krause und Boys Noize lieferten den elektronischen Unterbau, Zartmann und Noga Erez sorgten für Gegenwartskante, Sofia Camara und Teddy Swims für große Stimmen, Anitta für globalen Dance-Pop, Lorde für künstlerische Tiefe und Lewis Capaldi für den finalen Gefühlschor. Rund um Olympiastadion und Olympiapark entstand daraus ein Sonntag, der nicht auf ein Genre setzte, sondern auf Kontraste. Genau darin lag die Stärke von Lollapalooza Berlin: Pop wurde hier nicht eng definiert, sondern als bunte, laute, emotionale und manchmal herrlich überdrehte Gegenwart gefeiert.