Der dritte und zugleich letzte Festivaltag begann bereits auf der Anfahrt zum Hurricane-Gelände mit einem besonderen Eindruck. Uns kamen zahlreiche Besucher entgegen, deren Gesichter dieGeschichten der vergangenen Tage erzählten – von brütender Hitze, kurzen Nächten und unvergesslichen Konzerten. Während einige noch dabei waren, den Auftritt von Finch vom Vorabend zu verarbeiten, startete für uns ein weiterer abwechslungsreicher Festivaltag. Am Sonntag, den 21. Juni 2026, hatte das Hurricane Festival auf dem Eichenring in Scheeßel noch einmal alles mobilisiert, was nach zwei Tagen Camping, Staub, Pommes, Schlafmangel und emotionaler Übersteuerung noch übrig war. Genau darin lag seit jeher der Zauber dieses Festivals: Es fand nicht einfach in der Lüneburger Heide statt, es verwandelte diesen traditionsreichen Eichenring für ein Wochenende in eine eigene kleine Welt zwischen Rock, Pop, Alternative, Indie, Rap, Elektro und kollektiver Reststimme. Wer hier am dritten Tag noch vor die Bühnen zog, hatte längst akzeptiert, dass Festivalwürde ein dehnbarer Begriff ist – aber auch, dass genau dann oft die schönsten Momente passieren.
Das Hurricane war 2026 erneut mehr als eine Aneinanderreihung großer Namen. Es lebte von dieser Mischung aus internationalen Schwergewichten, deutschen Publikumslieblingen, überraschenden Stilbrüchen und Acts, die zwischen Mittagssonne und letzter Headliner-Euphorie plötzlich größer wirkten als auf dem Plakat. Der Sonntag war dafür ein ziemlich präzises Schlusskapitel: Reggae-Metal, niederländischer Pop, Skatepunk, kanadischer Indie-Rock, Creator-Rap, Crossover-Chaos, Songwriter-Wärme, US-Post-Hardcore, australischer Elektropop-Pomp, globale Pop-Drama-Inszenierung, Berliner Rapkollektiv, schwäbischer Indie-Pop und am Ende Billy Talent als würdiger Schlusspunkt mit ordentlich Kante. Kurz: Scheeßel war noch nicht fertig – es tat nur schon ein bisschen weh.
Unpeople
Den Auftakt machten Unpeople auf der Forest Stage. Das Infield war zu dieser frühen Stunde zwar noch überschaubar gefüllt, doch die Anwesenden bekamen eine beeindruckende Mischung ausdrucksvollen Gitarrenriffs und harmonischem Gesang geboten. Ein starker Start in den Tag, der Lust auf mehr machte.
Skindred
Bereits der Einmarsch zur ikonischen Star Wars-Melodiesorgte für Aufmerksamkeit. Sänger Benji Webbe – mit roter Plüschmütze, roten Handschuhen undschwarzem Glitzermantel – war gut gelaunt. Die walisische Band aus Newport steht seit Ende der 90er für eine explosive Mischung aus Reggae, Metal, Punk, Hip-Hop und Dancehall-Wucht. Songs wie „Nobody“, „Pressure“, „Kill the Power“, „That’s My Jam“, „Gimme That Boom“ und natürlich der live unvermeidliche „Newport Helicopter“ machten aus dem frühen Slot eine Bewegungstherapie mit Textilrotation. Skindred hatten sich über die Jahre als eine der verlässlichsten Festival-Livebands Europas etabliert, nicht zuletzt, weil Benji Webbe jedes Publikum binnen Minuten wie seine persönliche Crew behandelte. In Scheeßel war das besonders sehenswert, weil die Band den dritten Tag nicht eröffnete, sondern ihn anbrüllte, anfeuerte und sofort auf Betriebstemperatur brachte. Wer danach noch müde war, hatte vermutlich nicht mitgemacht.
Davina Michelle
Im Anschluss wurde es deutlich ruhiger und emotionaler auf der River Stage. Für den Auftritt vonDavina Michelle verwandelte sich die Bühne in ein liebevoll gestaltetes, nostalgisches Wohnzimmer:Zarte Blumenranken in Rosa, eine Vintage-Tischlampe und eine romantische Kulisse im Coquette- undCottagecore-Stil sorgten für eine warme, beinahe märchenhafte Atmosphäre. Passend zum Bühnenbild betrat die Sängerin in einem eleganten, verspielten Outfit die Bühne und begeisterte das Publikum mitihrer kraftvollen Stimme sowie einer gefühlvollen Performance.
Vicky
Vicky hatte beim Hurricane Festival 2026 einen Auftritt hingelegt, der klang, als hätte jemand Berliner Rap, provokante Pop-Attitüde und sehr viel „Mir doch egal“-Energie in einen Bassverstärker gekippt. Die in Wien aufgewachsene und inzwischen in Berlin lebende Rapperin machte mit kompromisslosen Beats, frechen Ansagen und Texten über Bodyshaming, Doppelmoral und Selbstbehauptung klar, dass ihre Musik nicht gefallen wollte, sondern Platz nahm. Zwischen Songs wie „T-Shirt hoch, Titten raus“, „Wake up, make blue“, „FKK“ und „party nur für mich“ wurde ihr Set in Scheeßel zu einer Mischung aus Trotz, Clubmoment und sehr gut gelauntem Kontrollverlust. Besonders sehenswert war die Show, weil Vicky beim Hurricane nicht wie ein kurzer Hype wirkte, sondern wie eine Künstlerin, die ihre eigene Regel bricht, bevor andere überhaupt eine aufstellen konnten.
Zebrahead
Zebrahead lieferten danach genau den kalifornischen Festivalstoff, der am dritten Tag besser wirkt als jeder isotonische Drink. Die Band aus Orange County bestand aus Rapper Ali Tabatabaee, Sänger Adrian Estrella, Gitarrist Dan Palmer, Bassist Ben Osmundson und Drummer Ed Udhus und steht seit den 90ern für einen energiegeladenen Mix aus Punkrock, Pop-Punk, Rap-Rock und Alternative. Mit Songs wie „Playmate of the Year“, „Anthem“, „Falling Apart“, „Rescue Me“ und „All My Friends Are Nobodies“ hatten sie genug Stoff im Koffer, um aus einem Sonntag kurzerhand wieder Samstagabend zu machen. In Scheeßel funktionierte diese Mischung aus schnellen Gitarren, Rap-Parts und Refrain-Druck wie ein koffeinhaltiger Tritt ans Schienbein. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Zebrahead gar nicht erst versuchten, erwachsen oder würdevoll zu wirken. Sie waren laut, direkt, verschwitzbar – und genau deshalb richtig.
The Beaches
The Beaches brachten anschließend kanadischen Indie-Rock auf die Bühne, der zwischen Coolness, Hookline und verletztem Selbstbewusstsein glänzte. Die Band aus Toronto besteht aus Jordan Miller, Kylie Miller, Leandra Earl und Eliza Enman-McDaniel und hat sich mit einem Sound zwischen Alternative Rock, New Wave, Popkante und Garage-Charme international nach vorn gespielt. Spätestens mit „Blame Brett“ und dem Album „Blame My Ex“ wurden sie auch außerhalb Kanadas zu einer jener Bands, die man einmal hört und dann plötzlich überall wiedererkennt. Dazu kamen frühere Songs wie „T-Shirt“, „Want What You Got“ oder „What Doesn’t Kill You Makes You Paranoid“, die live ihre Mischung aus Witz, Verletzlichkeit und Gitarrendruck ausspielten. In Scheeßel war ihre Show besonders, weil sie den Sonntag für einen Moment sehr lässig, sehr modern und sehr selbstbewusst wirken ließ. The Beaches klangen, als hätten sie Liebeskummer in Sonnenbrille und Verstärker verwandelt.
The Butcher Sisters
The Butcher Sisters rissen danach die stilistische Heckklappe auf und kippten Deutschrap, Metal, Beatdown Hardcore und Crossover-Wahnsinn auf den Eichenring. Die Mannheimer Band um Alexander Bechtel, Nicklas Stroppel, Manuel Renner, David Schneider und Bastian Gölz steht für Musik, die ungefähr so subtil ist wie ein Einkaufswagen im Circle Pit. Mit Alben wie „Respekt und Robustheit“, „Alpha & Opfah“, „Das weiße Album“ und „Das schwarze Album“ sowie Songs wie „White Monster“, „Bierdurst“, „Bierosaufus Ex“, „Sonnenbrille“ oder „Herr Dokter“ hatten sie sich vom Szenewitz zur ernstzunehmenden Abrissmaschine entwickelt. In Scheeßel war das besonders sehenswert, weil The Butcher Sisters die Grenze zwischen Quatsch und handwerklicher Härte mit erstaunlicher Präzision verwischten. Das Publikum bekam keine Feingeist-Messe, sondern eine sehr laute Gruppentherapie mit dicken Riffs. Und ja: Genau so etwas braucht ein Festival-Sonntag manchmal dringender als Yoga.
Clueso
Clueso brachte anschließend einen jener Auftritte, bei denen der Eichenring kurz weicher wurde, ohne an Energie zu verlieren. Der Erfurter Musiker Thomas Hübner, seit Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Pop- und Songwriting-Künstler, bewegt sich musikalisch zwischen Pop, Rap, Reggae, Soul, Singer-Songwriter-Momenten und sehr eigener Lässigkeit. Songs wie „Chicago“, „Gewinner“, „Cello“, „Flugmodus“, „Zusammen“, „Tanzen“ und „Andere Welt“ haben längst gezeigt, wie gut Clueso Alltagsbeobachtung, Melodie und Festivalrefrain verbinden kann. In Scheeßel stand er mit Band auf der Bühne und wirkte wie jemand, der große Flächen nicht überreden muss, sondern einfach öffnet. Besonders sehenswert war die Show, weil sie nach mehreren härteren Slots Luft in den Tag ließ, ohne ihn zu bremsen. Clueso war der Beweis, dass ein guter Song manchmal mehr Druck machen kann als drei Gitarrenwände.
Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Clueso beim Hurricane 2026 zu fotografieren.
A Day To Remember
A Day To Remember sorgten danach für genau jene Mischung aus Pop-Punk-Euphorie und Metalcore-Breakdown, die sie seit Jahren zu Festivalgaranten macht. Die Band aus Florida um Jeremy McKinnon, Neil Westfall, Kevin Skaff, Alex Shelnutt und Bobby Lynge verbindet eingängige Refrains, schwere Gitarren, Hardcore-Schübe und dieses dauernde Gefühl, dass gleich jemand sehr hoch springt. Mit Songs wie „The Downfall of Us All“, „If It Means a Lot to You“, „All I Want“, „Have Faith in Me“, „Right Back at It Again“ und „Miracle“ hatten sie genug Hymnen im Gepäck, um Scheeßel in eine kollektive Oberkörperbewegung zu versetzen. Live war das ein perfekter Hurricane-Slot, weil ADTR sowohl die Mitsingfraktion als auch die Pit-Abteilung zuverlässig bedienten. Besonders war die Show, weil die Band ihre Gegensätze nicht glättete, sondern frontal ausspielte. Erst Herzschmerz, dann Breakdown – so einfach kann Festivaldramaturgie manchmal sein.
Empire of the Sun
Visuell beeindruckend wurde es anschließend bei Empire of the Sun . Das Bühnenbild machte demBandnamen alle Ehre: Eine leuchtende Büste, Tänzerinnen in roten Kostümen mit goldenenMondmasken und ein aufwendig gekleideter Sänger mit rotem Gewand und goldenen Akzenten schufen eine beinahe surreale Atmosphäre. Besonders nahbar zeigte sich der Frontmann bereits beim zweiten Song, als er den Bühnengraben betrat und das Publikum aus nächster Nähe begrüßte.
Halsey
Halsey brachte anschließend einen der großen internationalen Popmomente des Sonntags auf den Eichenring. Die US-Künstlerin Ashley Frangipane hat sich seit „Badlands“ und dem Welthit „Closer“ mit The Chainsmokers als eine der markantesten Stimmen zwischen Alternative Pop, Elektropop, Indie-Düsternis und emotionaler Direktheit etabliert. Songs wie „Without Me“, „Bad at Love“, „Graveyard“, „You Should Be Sad“, „Nightmare“ und Material aus ihrer späteren Diskografie zeigten, wie gut sie Verletzlichkeit, Wut und große Popdramaturgie verbinden konnte. In Scheeßel wirkte Halsey nicht wie ein eingekaufter Streaming-Name, sondern wie eine Künstlerin, die die Bühne mit Haltung füllte. Besonders sehenswert war die Show, weil sie Pop nicht als glatte Oberfläche präsentierte, sondern als Ort für Brüche, Körperlichkeit und kontrollierte Explosionen. Der Eichenring bekam Glamour, Drama und genug Schärfe, damit niemand in Zuckerwatte ertrank.
Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Halsey beim Hurricane 2026 zu fotografieren.
BHZ
Nachdem sich BHZ nach dem tragischen Tod eines engen Freundes von Februar 2024 bis zum Sommer2025 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatten, führte ihr Weg inzwischen wieder auf zahlreicheFestivalbühnen. Beim Hurricane Festival feierte die Berliner Crew nun jedoch ihre Premiere – und zeigte vom ersten Moment an, dass sie nichts von ihrer Energie verloren hat. Mit viel Leidenschaft undEuphorie eroberten sie die Mountain Stage. Natürlich durfte auch das mittlerweile legendäre, auf derBühne versprühte Bier nicht fehlen.
Provinz
Provinz übernahmen danach den emotionalen deutschsprachigen Abendmoment und machten genau das, was sie am besten können: große Gefühle so verpacken, dass sie weder peinlich noch klein wirken. Die Band aus Vogt besteht aus Vincent Waizenegger, Robin Schmid, Moritz Bösing und Leon Sennewald und hat sich mit ihrem Mix aus Indie-Pop, Folk-Anklängen, Rock und jugendlicher Melancholie schnell in große Hallen und Festival-Line-ups gespielt. Songs wie „Was uns high macht“, „Liebe zu dritt“, „Tanz für mich“, „Zorn & Liebe“, „Wenn die Party vorbei ist“ oder „Pazifik“ sind längst fester Bestandteil vieler Sommernächte geworden. In Scheeßel funktionierte Provinz besonders gut, weil ihre Songs nach Nähe klangen, obwohl vor der Bühne Tausende standen. Die Band spielte mit jener Mischung aus Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein, die moderne deutsche Popmusik gerade dann stark macht, wenn sie nicht zu glatt wird. Das war ein Auftritt für Menschen, die am letzten Festivaltag noch ein bisschen Restgefühl übrig hatten.
Billy Talent
Billy Talent setzten schließlich den Schlusspunkt unter das Hurricane 2026 – und zwar mit der Erfahrung einer Band, die sehr genau weiß, wie man ein müdes Festivalpublikum noch einmal kollektiv aufrichtet. Die Kanadier um Sänger Benjamin Kowalewicz, Gitarrist Ian D’Sa, Bassist Jonathan Gallant und Drummer Aaron Solowoniuk gehören seit den 2000ern zu den prägenden Alternative- und Punkrock-Bands ihrer Generation. Mit Songs wie „Try Honesty“, „Red Flag“, „Fallen Leaves“, „Devil in a Midnight Mass“, „Rusted from the Rain“, „Viking Death March“ und „Reckless Paradise“ hatten sie genug Material, um den Eichenring ein letztes Mal komplett auf Temperatur zu bringen. Ihr Sound lebte auch in Scheeßel von D’Sas messerscharfen Gitarrenfiguren, Kowalewicz’ unverwechselbarer Stimme und Refrains, die mehr nach Ventil als nach Unterhaltung klangen. Besonders sehenswert war diese Show, weil Billy Talent den letzten Tag nicht sentimental auslaufen ließen, sondern ihn mit Haltung, Wucht und sehr viel gemeinsamer Stimme beendeten. Als die letzten Akkorde über den Eichenring gingen, fühlte sich das Hurricane nicht vorbei an – eher wie etwas, das im Körper noch ein paar Tage weiterdröhnte.
Der letzte Festivaltag zeigte eindrucksvoll, wie vielseitig das Hurricane Festival sein kann: Vongefühlvollen Pop-Momenten über brachialen Metal bis hin zu energiegeladenem Punkrock, Metalcore und Rap war für jeden Geschmack etwas dabei. Ein Tag voller Kontraste, Überraschungen und unvergesslicher Live-Momente.
Auch der Blick in die Zukunft fiel äußerst positiv aus. Bereits am ersten Ticketverkaufstag wurden die ersten 30.000 Tickets für das Hurricane Festival 2027 verkauft. Schon am darauffolgenden Tag wechselten weitere Karten der zweiten Preisstufe den Besitzer. Ein deutliches Zeichen dafür, dass dieVorfreude auf die nächste Ausgabe bereits jetzt riesig ist und das Hurricane Festival auch in Zukunft nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.