Am Samstag, den 20. Juni 2026, hatte das Hurricane Festival in Scheeßel noch einmal eindrucksvoll gezeigt, warum der Eichenring längst nicht nur ein Festivalgelände ist, sondern eine eigene kleine Sommer-Zivilisation mit Stromgitarren, Campingkochern und emotionaler Restwürde. Zwischen Lüneburger Heide, Staub, Dosenbier und sehr vielen Menschen, die nach einem Festivaltag bereits aussahen wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Merchstand, entfaltete sich dieser zweite Tag als genau jene Mischung, für die das Hurricane seit Jahrzehnten steht. Hier trafen Punkrock auf Pop, Rap auf Indie, große internationale Namen auf deutsche Durchstarter und nostalgische Mitsingmomente auf sehr aktuelle Streaming-Realität.

Das Hurricane ist seit jeher stark, wenn es nicht versucht, eine Szene sauber zu bedienen, sondern mehrere Welten in einen gemeinsamen Ausnahmezustand wirft. Der Samstag war dafür fast ein Lehrbuchbeispiel: Destroy Boys brachten kalifornischen Punk-Schmutz, Ritter Lean und Kasi den neuen deutschen Zwischenraum aus Rap, Indie und Gefühl, All Time Low die Pop-Punk-Schule, Natasha Bedingfield den großen 2000er-Popmoment, Alexisonfire den Post-Hardcore-Brocken, Kaffkiez den bayerischen Indie-Rausch, Nothing But Thieves die britische Rock-Architektur, OG Keemo die Rap-Schwere, Wolf Alice die Indie-Klasse, Papa Roach die Nu-Metal-Therapie, Florence + The Machine die große Kunstgeste, SSIO den Bonner Basshumor, Twenty One Pilots die Arena-Psychologie und Finch zum Schluss die Abrissbirne mit Trainingsjacke. Kurz gesagt: Scheeßel bekam an diesem Tag nicht eine Playlist, sondern einen sehr gut kuratierten Kontrollverlust.

Destroy Boys

Destroy Boys eröffneten den Samstag mit genau der Sorte Punkrock, die nicht erst höflich fragt, ob jemand bereit ist. Die Band aus Sacramento um Alexia Roditis, Violet Mayugba, Narsai Malik und David Orozco steht für Garage-Punk, Punkrock und queere Gegenwehr mit viel Dreck unter den Fingernägeln. Mit Alben wie „Make Room“, „Open Mouth, Open Heart“ und „Funeral Soundtrack #4“ sowie Songs wie „Crybaby“, „Vixen“, „Drink“, „Fences“ oder „Shadow (I’m Breaking Down)“ hatten sie sich längst aus der kalifornischen Szene heraus in internationale Festival-Line-ups gespielt. In Scheeßel klangen sie roh, direkt und angenehm ungeschönt, als hätte jemand den Samstag mit einem Schraubenzieher aufgehebelt. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Destroy Boys nicht auf große Pose setzten, sondern auf Energie, Haltung und Songs, die auch bei Tageslicht nach verschwitztem Club rochen. Das war kein gemütlicher Start, sondern ein Weckruf mit Gitarren.

Drei Meter Feldweg

Drei Meter Feldweg hatten beim Hurricane Festival 2026 genau den Heimvorteil ausgespielt, den man als Punkrockband aus der Lüneburger Heide auf dem Eichenring nun einmal nicht kaufen kann. Die fünfköpfige Band aus Salzhausen südlich von Hamburg stand für deutschsprachigen Punkrock mit Tempo, Mitsingrefrains, Humor, klarer Kante und dieser charmanten „Wir räumen jetzt kurz den Dorfsaal auf links“-Energie. Gegründet wurde Drei Meter Feldweg 2011 von fünf Jungs aus der Lüneburger Heide; aus der ursprünglichen DIY-Idee war längst eine feste Größe der deutschen Punkrock-Szene geworden. Beim Hurricane wirkten ihre Songs nicht wie ein höflicher Festivalbeitrag, sondern wie der direkte Weg vom Campingplatz in den Pogo: laut, ehrlich, schwitzig und mit genug Refrain, damit selbst müde Sonntagsbeine noch einmal diskutieren mussten. Nach ihrem Auftritt machten sich Drei Meter Feldweg direkt auf den Weg zum parallel stattfindenden Southside Festival, wo bereits der nächste Gig auf sie wartete.

Yonaka

Yonaka hatten beim Hurricane Festival 2026 einen Auftritt hingelegt, der klang, als hätte jemand Alternative Rock, Pop-Attitüde und emotionalen Druck in einen sehr stylischen Vorschlaghammer gegossen. Die Band aus Brighton besteht aktuell aus Sängerin Theresa Jarvis, Gitarrist George Edwards und Bassist Alex Crosby und steht für wuchtige Riffs, große Refrains, elektronische Schärfe und Texte, die zwischen Selbstermächtigung, Verletzlichkeit und „Jetzt erst recht“-Energie pendeln. Mit ihrem Debütalbum „Don’t Wait ’Til Tomorrow“, Songs wie „Fired Up“, „Seize the Power“, „Teach Me to Fight“, „Ordinary“ und dem 2026 erschienenen Album „Until You’re Satisfied“ hatten Yonaka längst bewiesen, dass sie Rockmusik nicht nostalgisch verwalten, sondern auf moderne Festivalgröße ziehen konnten. In Scheeßel wirkte diese Mischung besonders stark, weil Theresa Jarvis die Bühne nicht betrat, sondern gefühlt sofort übernahm – mit Stimme, Blick und einer Präsenz, die auch zwischen größeren Namen keinen Zentimeter Platz verschenkte. Besonders erfreulich: Der Sound im großen Zelt war deutlich ausgewogener als noch am Vortag und ließ die Dynamik der Songs optimal zur Geltung kommen.

PA69

Wer danach zur Mountain Stage wechselte, bekam eine der unterhaltsamsten Shows des Tages geboten. PA69 lieferten nicht nur Musik, sondern ein komplettes Spektakel. PA69 hatten beim Hurricane Festival 2026 einen Auftritt hingelegt, der klang, als hätten Deichkind, Die Atzen und ein übermotivierter Dorf-DJ gemeinsam den Sicherungskasten des Eichenrings gefunden. Das Berliner Raptrio mit den rosa Sturmhauben – DJ Dope, Rabatto und Turbogianni – steht für Tech-Rap, Ballermann-Hip-Hop, linke Haltung, viel Quatsch mit Bass und eine Liveshow, die eher nach „Abriss im Getränkemarkt“ als nach klassischem Rapkonzert funktionierte. In Scheeßel wurde daraus ein maximal unterhaltsamer Ausnahmezustand, bei dem Songs wie „Biertornado“, „Dance“, „Sonnenstich“ oder Material aus „Bushalte Boogie“ und „XXL“ nicht gespielt, sondern in die Menge geworfen wurden. Besonders sehenswert war die Show, weil PA69 beim Hurricane genau diese seltene Mischung trafen: völlig drüber, sehr bewusst blödsinnig, musikalisch aber so effektiv, dass selbst skeptische Festivalgäste irgendwann grinsten, hüpften und so taten, als sei das alles ganz normal.

All Time Low

All Time Low lieferten anschließend das, was sie seit Jahren sehr zuverlässig können: Pop-Punk mit Glanz, Tempo und Refrains, die sofort auf Festivalgröße wachsen. Die Band aus Baltimore besteht aus Alex Gaskarth, Jack Barakat, Zack Merrick und Rian Dawson und gehört seit den 2000ern zu den erfolgreichsten Vertretern der modernen Pop-Punk-Welle. Mit Songs wie „Dear Maria, Count Me In“, „Weightless“, „Damned If I Do Ya“, „Somewhere in Neverland“, „Monsters“ und „PMA“ hatten sie genug Material, um Nostalgie und Gegenwart locker miteinander zu verschrauben. In Scheeßel klangen All Time Low wie eine Band, die genau wusste, wann man Gas gibt, wann man grinst und wann man das Publikum den Refrain übernehmen lässt. Besonders sehenswert war die Show, weil sie nicht nur alte Emo- und Pop-Punk-Herzen bediente, sondern auch zeigte, wie langlebig gut gebaute Hooks sein können. Das war Festivalhandwerk mit Sonnenbrille und sehr viel Erfahrung.

Natasha Bedingfield

Natasha Bedingfield brachte danach einen jener Auftritte, bei denen man erst denkt: „Ach ja, die Songs kenne ich ja alle“ – und drei Minuten später überraschend textsicher im Refrain hängt. Die britische Sängerin wurde in den 2000ern mit „These Words“, „Unwritten“ und „Pocketful of Sunshine“ international bekannt und steht für Pop, der große Melodien, Soul-Anflüge und optimistische Radiomomente miteinander verbindet. Gerade „Unwritten“ hatte durch Serien, Social Media und Popkultur-Revival längst ein zweites Leben bekommen. In Scheeßel spielte Bedingfield mit Band und bewies, dass ihre Hits nicht nur nostalgische Playlist-Füller waren, sondern live erstaunlich frisch wirkten. Besonders war ihr Auftritt, weil er mitten in einem genrebreiten Festivaltag einen hellen, fast befreienden Popmoment setzte. Für ein paar Songs fühlte sich der Eichenring an, als hätte jemand tatsächlich das Fenster aufgemacht.

Alexisonfire

Alexisonfire brachten anschließend die kanadische Post-Hardcore-Schule mit maximaler Wucht auf den Eichenring. Die Band aus St. Catharines besteht aus George Pettit, Dallas Green, Wade MacNeil, Chris Steele und Jordan Hastings und wurde mit ihrem Wechselspiel aus Schreien, Melodie, Punkdruck und emotionalem Chaos zu einer der wichtigsten Bands ihres Genres. Songs wie „This Could Be Anywhere in the World“, „Young Cardinals“, „Boiled Frogs“, „Accidents“ und Material aus „Otherness“ standen für einen Sound, der live zwischen Kontrollverlust und großer Katharsis pendelte. In Scheeßel wirkte diese Band nicht wie ein nostalgischer Szenename, sondern wie ein sehr aktueller Sturm mit Backkatalog. Besonders war die Show, weil Dallas Greens klare Stimme und George Pettits rauer Ausbruch immer noch wie zwei gegensätzliche Wetterfronten aufeinanderprallten. Alexisonfire spielten nicht einfach laut – sie bauten Druck auf, bis das Publikum ihn freiwillig zurückschrie.

RØRY

Die anhaltende Hitze hatte das Festivalgelände inzwischen fest im Griff. Die Main Street erinnerte durch Staub und trockenen Boden stellenweise eher an eine kleine Wüste. Im aufgeheizten Zelt der Wild Coast Stage trat anschließend RØRY auf. Frontfrau Roxanne Emery fiel mit ihren blauen Haaren und ihrer auffälligen Erscheinung sofort ins Auge. Trotz der schwierigen Bedingungen gelang es der Band, die Zuschauer mit ihrer Mischung aus modernen Rock- und Alternative-Klängen zu begeistern.

Nothing But Thieves

Nothing But Thieves lieferten anschließend einen der elegantesten Rock-Momente des Tages. Die britische Band aus Southend-on-Sea besteht aus Conor Mason, Joe Langridge-Brown, Dominic Craik, Philip Blake und James Price und hat sich mit ihrem Mix aus Alternative Rock, Indie, Pop-Dramatik und massiver Stimme international etabliert. Songs wie „Amsterdam“, „Sorry“, „Trip Switch“, „Particles“, „Welcome to the DCC“ und „Overcome“ zeigten, wie gut diese Band zwischen Stadiongeste und innerer Spannung vermitteln kann. Conor Masons Stimme war auch in Scheeßel der große Trumpf: hoch, kontrolliert, emotional und trotzdem nie steril. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Nothing But Thieves Rock nicht nostalgisch, sondern zeitgemäß, stilbewusst und gefährlich eingängig klingen ließen. Das war kein bloßer Übergang zum Abendprogramm, sondern ein eigener Höhepunkt mit britischem Feinschliff.

Während die Sonne langsam tiefer stand und die Temperaturen angenehmer wurden, entstanden entlang der Main Street kleine besondere Momente. Die Wasserstrahler, die den Besucherinnen und Besuchern Abkühlung verschafften, erzeugten gemeinsam mit den Sonnenstrahlen einen kleinen Regenbogen. Gleichzeitig war überall auf dem Gelände zu beobachten, wie aufmerksam die Security-Teams arbeiteten. Immer wieder fragten sie Festivalgäste nach ihrem Befinden und sorgten dafür, dass die hohen Temperaturen möglichst keine ernsten Folgen hatten.

Orville Peck

Zu den außergewöhnlichsten Auftritten des Tages gehörte zweifellos Orville Peck. Er spielte beim Hurricane Festival 2026 einen Auftritt, der den Eichenring kurz in einen staubigen Neon-Western mit Herzschmerz, Samtstimme und sehr viel Stil verwandelte. Der maskierte Country-Crooner, der solo unter seinem Künstlernamen auftritt und live von einer Band begleitet wurde, verbindet klassischen Country, Americana, Indie-Rock, Queer-Pop-Ästhetik und diesen tiefen Bariton, der irgendwo zwischen Roy Orbison, Lagerfeuer und Spaghettiwestern-Geist wohnt. Mit „Pony“, „Show Pony“, „Bronco“, Songs wie „Dead of Night“, „C’mon Baby, Cry“, „Daytona Sand“ und Kollaborationen mit Künstlerinnen und Künstlern wie Shania Twain, Willie Nelson, Kylie Minogue und Elton John hatte er längst bewiesen, dass Country 2026 nicht nach Klischee riechen musste, sondern nach Haltung, Glamour und gebrochenem Herzen. Besonders sehenswert war die Show, weil Orville Peck in Scheeßel nicht einfach ein paar schöne Songs spielte, sondern ein ganz eigenes Paralleluniversum öffnete: geheimnisvoll, elegant, melodramatisch und so lässig, dass selbst der Festivalstaub plötzlich nach Wüstenwind aussah.

Edwin Rosen

Edwin Rosen hatte beim Hurricane Festival 2026 einen Auftritt gespielt, der den Eichenring kurz in ein melancholisch flackerndes Neonzimmer zwischen Achtziger-Synths, Post-Punk-Kühle und deutscher Zerbrechlichkeit verwandelte. Der Stuttgarter Musiker, der als Solokünstler unter seinem Künstlernamen auftritt und live mit Band auf der Bühne stand, gilt als eine der prägenden Stimmen der „Neuen Neuen Deutschen Welle“ und verbindet wavige Gitarren, kalte Synthesizer, treibende Drums und Texte, die eher nachts um halb drei als beim Frühstück funktionieren. Mit Songs wie „Leichter//Kälter“, „Vertigo“, „Verschwende deine Zeit“, „21 Nächte wach“ und seinem Album „Die Sterne“ hatte er sich längst eine Fanbase erspielt, die seine Mischung aus Tanzbarkeit und traurigem Blick ins Leere erstaunlich textsicher mittrug. Besonders sehenswert war die Show, weil Edwin Rosen in Scheeßel nicht auf laute Festivalposen setzte, sondern mit Atmosphäre, Spannung und dieser seltsamen Magie gewann, bei der plötzlich Tausende Menschen gleichzeitig tanzen und trotzdem ein bisschen verloren aussehen.

Papa Roach

Papa Roach übernahmen danach mit jener Mischung aus Nu Metal, Alternative Rock und emotionaler Direktheit, die sie seit Jahrzehnten auf Festivalbühnen trägt. Die Band aus Kalifornien besteht aus Jacoby Shaddix, Jerry Horton, Tobin Esperance und Tony Palermo und wurde mit „Last Resort“ Anfang der 2000er schlagartig weltbekannt. Dass ihr Katalog längst weiter reicht, bewiesen Songs wie „Scars“, „Getting Away with Murder“, „Between Angels and Insects“, „Help“ oder „Leave a Light On“. In Scheeßel war der Auftritt besonders, weil Papa Roach Nostalgie nicht wie ein Museum behandelten, sondern wie Brennstoff. Jacoby Shaddix führte die Menge durch Wut, Verletzlichkeit und kollektive Befreiung, ohne dabei eine Sekunde nach Routine zu klingen. Das war Therapiegruppe mit Gitarrenwand – und deutlich lauter als jede Krankenkasse erlauben würde.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Papa Roach beim Hurricane 2026 zu fotografieren.

Florence + The Machine

Florence + The Machine verwandelten den Eichenring danach in eine offene Kathedrale für Drama, Stimme und barfüßige Pop-Mystik. Im Zentrum stand Florence Welch, deren Band seit Jahren Art-Pop, Indie-Rock, Soul, Folk-Anklänge und orchestrale Größe zu einem unverwechselbaren Sound verbindet. Mit Songs wie „Dog Days Are Over“, „Shake It Out“, „Ship to Wreck“, „What Kind of Man“, „Spectrum“, „Hunger“ und „Free“ hatte sie längst bewiesen, dass große Gefühle nicht zwangsläufig kitschig sein müssen. In Scheeßel wirkte Florence Welch wie eine Hohepriesterin des Festivalmoments: rennend, singend, beschwörend, dabei immer knapp über dem Boden schwebend. Besonders sehenswert war diese Show, weil sie mitten in einem sehr lauten Samstag eine fast spirituelle Spannung erzeugte. Wo andere Bands Druck machten, öffnete Florence + The Machine Räume – und plötzlich sang der Eichenring, als hätte er Kerzen statt Dosenbier in der Hand.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich Florence + The Machine beim Hurricane 2026 zu fotografieren.

SSIO

SSIO brachte danach eine völlig andere Farbe in den Samstag und machte aus dem Mountain-Stage-Slot eine Bonner Rap-Sprechstunde mit Bassfundament. Der Rapper aus Bonn, bürgerlich Ssiawosch Sadat, steht für trockenen Humor, Funk- und G-Funk-Anleihen, lässigen Flow und eine Kunstfigur, die zwischen Straßenrap-Parodie und sehr präzisem Rap-Handwerk pendelt. Mit Alben wie „BB.U.M.SS.N“, „0,9“ und „Messios“ sowie Songs wie „Nuttööö“, „Hash Hash“, „Nullkommaneun“, „TBC“ oder „SIM-Karte“ hatte er sich längst einen eigenen Platz im deutschen Rap erarbeitet. In Scheeßel funktionierte das besonders gut, weil SSIO nicht versuchte, die große Popgeste zu liefern, sondern mit Timing, Bass und absurdem Charme arbeitete.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich SSIO beim Hurricane 2026 zu fotografieren.

Twenty One Pilots

Twenty One Pilots setzten danach einen der großen Höhepunkte des Samstags. Das Duo aus Columbus, Ohio, besteht aus Tyler Joseph und Josh Dun und hat sich mit einer Mischung aus Alternative Pop, Hip-Hop, Rock, Elektro, Ukulele-Melancholie und Konzeptwelt eine globale Fanbase aufgebaut. Mit Songs wie „Stressed Out“, „Ride“, „Heathens“, „Jumpsuit“, „Chlorine“, „Shy Away“ und Material aus der „Blurryface“-, „Trench“-, „Scaled and Icy“- und „Clancy“-Ära hatten sie längst bewiesen, dass Popmusik gleichzeitig massentauglich und seltsam sein kann. In Scheeßel war ihre Show eine hochpräzise Inszenierung aus Licht, Rhythmus, Fan-Codes und emotionaler Direktleitung. Tyler Joseph und Josh Dun wirkten dabei wie zwei Menschen, die genau wissen, wie man eine riesige Menge kontrolliert, ohne sie zu entmündigen. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Twenty One Pilots nicht einfach Songs spielten, sondern ein ganzes Koordinatensystem aus Angst, Trost und Eskalation aufbauten.

Finch

Finch machte schließlich den späten Deckel auf den Samstag – und zwar mit der Subtilität eines Basswagens auf dem Dorffest. Der Brandenburger Rapper Nils Wehowsky, früher als Finch Asozial bekannt, hat aus Ost-Identität, Battlerap, 90er-Rave, Schlager-Überzeichnung und Partyrap längst eine eigene Kunstform gebaut. Mit Songs wie „Abfahrt“, „Liebe auf der Rückbank“, „Keine bösen Wörter“, „Onkelz Poster“, „FiNCHiBOY“ oder „Herzalarm“ hatte er genug Material, um aus einem Festivalpublikum eine sehr große, sehr laute Dorfdisco zu machen. In Scheeßel war sein Auftritt besonders, weil nach einem Tag voller großer internationaler Namen plötzlich diese hemmungslose deutsche Eskalationsmaschine übernahm. Finch spielte nicht für Feingeister, sondern für alle, die nach Mitternacht noch Energie fanden, die sie eigentlich gar nicht mehr besitzen konnten. Sehenswert war das, weil es genau diesen Festival-Nerv traf: Man ist fertig, aber der Beat sagt nein.

Neben all den positiven Eindrücken überschattete auch eine traurige Nachricht den vorletzten Festivaltag. Während der Pressekonferenz am Sonntag informierten die Veranstalter über einen Todesfall auf dem Festivalgelände. Nach bisherigen Angaben standen eine Vorerkrankung sowie die hohen Temperaturen im Zusammenhang mit dem Vorfall. Trotz sofortiger medizinischer Hilfe und Reanimationsmaßnahmen konnte das Leben der betroffenen Person nicht gerettet werden. Gerade deshalb zeigte sich an diesem Wochenende einmal mehr, wie wichtig gegenseitige Rücksichtnahme auf Festivals ist. Ausreichend trinken, Pausen im Schatten einlegen und aufeinander achten – diese einfachen Maßnahmen können bei sommerlichen Temperaturen entscheidend sein.