Das Hurricane Festival 2026 hatte am Freitag, den 19. Juni, wieder gezeigt, warum Scheeßel für Musikfans längst mehr ist als ein Ort auf der Landkarte zwischen Bremen, Hamburg und Lüneburger Heide. Der Eichenring wurde erneut zur eigenen kleinen Festivalrepublik: Zelte, Dosenbier, Glitzer im Gesicht, Gitarren im Bauch und diese ganz spezielle Mischung aus norddeutscher Gelassenheit und kollektiver Eskalationsbereitschaft. Seit Jahrzehnten gehört das Hurricane zu den wichtigsten deutschen Festivals für Rock, Alternative, Indie, Pop und elektronische Ausreißer.

Mit Temperaturen über 30-Grad, staubiger Luft und strahlendem Sonnenschein startete das Hurricane Festival am Freitag in sein 30. Jubiläumsjahr. Der Auftakt am Freitag war kein langsames Herantasten, sondern ein sauber gebauter Festivalbogen: von politisch aufgeladenem Alternative-Rock über sonnigen Indie-Pop, Punkrock-Veteranen, Ska-Pogo, australischen Ohrwurmschmelz, deutsche Live-Institutionen und kalifornische Skatepunk-Hymnen bis hin zu Yungbluds flamboyanter Pop-Punk-Explosion und Kraftklubs finalem Chemnitz-Krawall. Wer an diesem Tag über das Gelände lief, bekam das Hurricane in seiner ganzen DNA serviert: große Bühnen, schnelle Wege, viel Wiedererkennen, aber auch genug stilistische Haken, damit niemand in der eigenen Playlist einschlief. Der Eichenring war dafür die perfekte Kulisse – weit genug für die großen Gesten, erdig genug für dreckige Schuhe und vertraut genug, um selbst bei internationalen Headlinern nie steril zu wirken.

Hurricane Swim Team

Traditionell eröffnete das Hurricane Swim Team das Festivalgeschehen auf der Forest Stage. Doch in diesem Jahr lag eine besondere Stimmung über dem Auftritt. Die Band hatte bereits im Vorfeld angekündigt, dass es ihr letzter Auftritt beim Hurricane Festival sein würde. Statt einer reinen Abschiedsparty präsentierte sich die Gruppe emotional und nahbar. Mit viel Herzblut und ehrlichen Momenten verabschiedeten sich die Musiker von ihrem Publikum und erinnerten daran, warum sie über viele Jahre hinweg zu den festen Größen des Festivals gehörten.

Anda Morts

Während die Sonne weiterhin erbarmungslos auf das Gelände brannte, zog es zahlreiche Besucher vor die River Stage. Dort sorgten Anda Morts aus Linz für einen energiegeladenen Auftakt, bevor Grandson mit seiner Mischung aus Alternative Rock und modernen Sounds die Menge zum Tanzen brachte.

Grandson

Grandson hatte den ersten Festivaltag mit einem Set eröffnet, das politisch brannte und musikalisch nicht lange um Erlaubnis bat. Der kanadisch-US-amerikanische Künstler Jordan Benjamin, der unter dem Namen Grandson auftritt und live von einer Band unterstützt wurde, verbindet Alternative Rock, Rap, elektronische Beats und Protest-Pop zu einem Sound, der klingt, als hätten Rage Against the Machine, Twenty One Pilots und ein sehr wütender Nachrichtenfeed gemeinsam Nachtschicht geschoben. Mit Songs wie „Blood // Water“, „Despicable“, „Dirty“, „Rock Bottom“ und Material aus seinen Alben „Death of an Optimist“, „I Love You, I’m Trying“ und „Inertia“ hatte er längst bewiesen, dass Haltung und Hookline keine Gegensätze sein müssen. In Scheeßel wirkte Grandson besonders stark, weil seine Songs auf einem Festivalgelände nicht wie Parolen klangen, sondern wie kollektive Entladung. Er schrie, sprang, predigte und ließ den Eichenring früh wissen: Dieser Freitag würde nicht bequem starten. Genau deshalb war sein Auftritt sehenswert – weil er die Festivalmaschine nicht nur anwarf, sondern ihr direkt eine Meinung mitgab.

Militarie Gun

Einer der stärksten Auftritte des Nachmittags spielte sich jedoch etwas abseits des größten Trubels ab. Auf der Wild Coast Stage verwandelten Militarie Gun aus Los Angeles das Zelt in einen brodelnden Hexenkessel. Zwischen melodischem Hardcore, Punkrock und eingängigen Refrains entwickelte sich eine elektrisierende Atmosphäre.

Basement

Der Weg zur Mountain Stage fühlte sich bei den hohen Temperaturen beinahe wie eine kleine Wüstenwanderung an. Dort standen Basement auf dem Programm, während die Sonne langsam an Kraft verlor. Besonders positiv fiel die Organisation des Festivals auf. Zahlreiche Wasserstationen auf dem Gelände versorgten die Besucher mit ausreichend Trinkwasser. Zusätzlich sorgten Security- Mitarbeiter immer wieder mit Wasserfontänen für Abkühlung und wurden dafür regelmäßig mit lautem Jubel bedacht. Nasse Handtücher, Sonnenschirme und improvisierte Schattenspender prägten das Bild auf dem Gelände. Dennoch blieb die Stimmung durchgehend positiv. Mit jeder Stunde füllte sich das Infield weiter und die Vorfreude auf die großen Abendacts stieg spürbar an.

Esther Graf

Im Palastzelt ging es dann los mit Esther Graf und jeder Menge Energie und vielen Besuchern. Zu erleben gab es eine Mischung aus Pop-Punk, Emo-Vibes und rotzigem Charme – und sie brachte viel Bewegung in die Crowd. Ihre Songs und Texte trafen mit ehrlicher Verletzlichkeit und jugendlicher Wucht mitten ins Herz – mal laut, mal leise, aber immer direkt. Zwischen TikTok-Hype und echter Bühnenpräsenz bewies Esther, dass sie weit mehr ist als ein Social-Media-Phänomen: Sie lieferte live richtig ab, mit Haltung, Style und verdammt viel Persönlichkeit.

Royel Otis

Royel Otis brachten danach australischen Indie-Pop auf den Eichenring, der so entspannt klang, als hätte jemand die Sonne in einen Gitarrenverstärker gesteckt. Das Duo aus Sydney besteht aus Royel Maddell und Otis Pavlovic und wurde international mit seinem lässigen Mix aus Jangle-Pop, Indie-Rock, schwebenden Melodien und herrlich unaufgeregter Coolness bekannt. Spätestens mit ihrem Debütalbum „Pratts & Pain“ und Songs wie „Oysters in My Pocket“, „Sofa King“, „Kool Aid“ sowie den vielbeachteten Coverversionen von „Murder on the Dancefloor“ und „Linger“ hatten sie den Sprung aus der Indie-Blase in größere Festivalwelten geschafft. In Scheeßel war ihr Set die perfekte Zwischenlandung zwischen Pogo und Abendprogramm. Royel Otis klangen nicht nach großer Geste, sondern nach dieser schwer greifbaren Leichtigkeit, die live oft stärker wirkt als jede Pyro-Salve. Besonders war die Show, weil sie dem Freitag einen Moment schenkte, in dem alle kurz lässiger aussahen, als sie sich wahrscheinlich fühlten.

Donots

Die Donots waren am Freitag genau das, was sie seit Jahren auf deutschen Festivalbühnen sind: eine Bank, ein Abrisskommando und eine sehr sympathische Erinnerung daran, dass Punkrock auch nach Jahrzehnten noch Muskelkater verursachen darf. Die Band aus Ibbenbüren bestand aus Ingo Donot, Guido Donot, Alex Siedenbiedel, Jan-Dirk Poggemann und Eike Herwig und hatte sich vom melodischen Punkrock der frühen Jahre zu einer der wichtigsten deutschen Livebands entwickelt. Mit Songs wie „We’re Not Gonna Take It“, „Stop the Clocks“, „So Long“, „Calling“, „Ich mach nicht mehr mit“ und Material aus „Heut ist ein guter Tag“ hatten sie genügend Hymnen dabei, um aus einem Festivalgelände kurzfristig ein Familienfest mit Moshpit zu machen. Ingo Knollmann moderierte das Ganze wie immer mit Herz, Humor und der Energie eines Mannes, der vermutlich auch beim Bäcker zum Circle Pit aufruft. Besonders sehenswert war die Show, weil Donots-Auftritte nie nur Konzerte sind, sondern Gemeinschaftsübungen mit Gitarren. Am Hurricane funktionierte das einmal mehr hervorragend: Arme hoch, Stimmen weg, Glückspegel rauf.

Bosse

Bosse brachte danach den großen deutschsprachigen Pop-Moment in den Abend, ohne dabei weichgespült zu wirken. Axel Bosse, der aus Braunschweig stammt und seit Jahren zu den verlässlichsten Songwritern zwischen Indie, Pop, Melancholie und Euphorie gehört, stand mit seiner Band auf der Bühne und machte das, was er besonders gut kann: große Gefühle in klare Bilder übersetzen. Songs wie „Schönste Zeit“, „Der letzte Tanz“, „Frankfurt Oder“, „So oder so“, „Alles ist jetzt“ und „Ein Traum“ sind längst feste Größen im deutschen Festival-Repertoire. In Scheeßel wirkten sie besonders, weil Bosse diese intime Alltagspoesie in ein Geländeformat brachte, ohne sie zu aufblasen. Er tanzte, erzählte, lächelte und zog das Publikum in diese Mischung aus Nostalgie, Gegenwart und sehr viel Herz. Das war kein Bruch im Line-up, sondern der Moment, in dem der Freitag kurz tief Luft holte und trotzdem weitersang.

The Offspring

The Offspring hatten am Abend bewiesen, dass kalifornischer Punkrock auch 2026 noch erstaunlich gelenkig sein kann. Die Band um Dexter Holland und Noodles, ergänzt durch Todd Morse, Jonah Nimoy und Brandon Pertzborn, gehört seit den Neunzigern zu den großen Namen des Skatepunk und Pop-Punk. Ihr Sound verband Tempo, sarkastische Hooks, jugendlichen Trotz und Refrains, die inzwischen mehrere Generationen gleichzeitig triggern. „Self Esteem“, „Come Out and Play“, „The Kids Aren’t Alright“, „Pretty Fly“, „Why Don’t You Get a Job?“, „All I Want“ und neueres Material aus der „Supercharged“-Phase machten das Set zu einer sehr effizienten Zeitmaschine. Besonders sehenswert war die Show, weil The Offspring nicht versuchten, jünger zu wirken, als sie sind – sie spielten einfach Songs, die noch immer jünger machen. Scheeßel sprang, grinste und klang für eine knappe Stunde wie ein Skatepark mit 80.000 möglichen Backgroundsängerinnen und Backgroundsängern.

Yungblud

Yungblud brachte anschließend genau jenen überdrehten, emotionalen, queeren, wütenden und zugleich maximal einladenden Pop-Punk-Zirkus auf die River Stage, für den ihn seine Fans lieben. Schwere Gitarrenriffs und eine bedrohliche Klangkulisse erinnerten stark an die frühen Tage von Black Sabbath und sorgten für Gänsehautstimmung, noch bevor Yungblud die Bühne betrat. Dominic Harrison, wie Yungblud bürgerlich heißt, steht für eine Mischung aus Punk, Alternative Rock, Pop, Hip-Hop-Attitüde und jugendlicher Überforderung mit sehr viel Eyeliner. Mit Songs wie „Parents“, „Loner“, „Fleabag“, „The Funeral“, „Tissues“, „I Think I’m Okay“ und Material aus seinen Alben „21st Century Liability“, „Weird!“, „Yungblud“ und „Idols“ hatte er längst bewiesen, dass er mehr ist als ein grell gekleideter Social-Media-Aufruhr. In Scheeßel war sein Set ein emotionaler Kurzschluss zwischen Ansage, Mitsingmoment und Bühnen-Sprint. Immer wieder suchte Yungblud die Nähe zum Publikum, rannte über die Bühne und präsentierte dabei seinen schweißnassen Oberkörper, der nach wenigen Songs bereits die intensive Hitze und die enorme körperliche Präsenz seines Auftritts widerspiegelte. Yungblud wirkte, als hätte jemand die komplette Teenager-Wut der letzten zehn Jahre in einen Verstärker gesteckt und mit britischem Akzent angezündet. Besonders war die Show, weil sie vielen im Publikum nicht nur Unterhaltung bot, sondern ein ziemlich lautes Gefühl von Zugehörigkeit.


Kraftklub

Einer der magischsten Augenblicke des gesamten Tages folgte kurz darauf. Ein Countdown erschien auf den Leinwänden und die Spannung auf dem Gelände stieg mit jeder Sekunde. Als die Menge gemeinsam die letzten Zahlen herunterzählte, färbte sich das gesamte Infield rot. Konfetti schoss durch die Luft und Kraftklub stürmten die Bühne. Kraftklub beschlossen den Freitag mit jener Mischung aus Indie-Rock, Rap, Punk-Energie und ostdeutscher Großmaulpoesie, die sie seit Jahren zu einer der wichtigsten deutschen Festivalbands macht. Die Band aus Chemnitz besteht aus Felix Brummer, Karl Schumann, Till Brummer, Steffen Israel und Max Marschk und hatte mit Alben wie „Mit K“, „In Schwarz“, „Keine Nacht für Niemand“ und „Kargo“ längst bewiesen, dass deutsche Rockmusik sehr wohl clever, tanzbar und massentauglich sein kann. Songs wie „Songs für Liam“, „Ich will nicht nach Berlin“, „Schüsse in die Luft“, „Unsere Fans“, „Chemie Chemie Ya“, „Randale“ und „Ein Song reicht“ funktionierten in Scheeßel wie Festivalbenzin mit eingebautem Refrainzünder. Felix Brummer führte durch den Abend wie jemand, der genau wusste, dass Ironie nur dann funktioniert, wenn die Band dahinter wirklich Druck macht. Kraftklub waren besonders sehenswert, weil sie den Eichenring nicht nur bespielten, sondern kurzzeitig übernahmen: viel Bewegung, viel Ansage, viel kollektives Gebrüll. Als der letzte Refrain über das Gelände ging, war klar: Dieser erste Hurricane-Tag war nicht einfach beendet worden, er war standesgemäß abgefackelt.

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys

Den Schlusspunkt des ersten Festivaltages setzten Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys. Für einen Moment fühlte sich das Hurricane Festival weniger wie ein norddeutsches Rockfestival an, sondern vielmehr wie eine italienische Sommernacht an der Riviera. Weiße Torbögen schmückten die Bühne, Italo-Pop-Klänge schwebten über das Gelände und tausende Besucher sangen die eingängigen Refrains mit. Ein ungewöhnlicher, aber gleichzeitig perfekter Abschluss eines außergewöhnlichen Tages.

Der erste Tag des 30. Hurricane Festivals bot alles, was ein gelungenes Festivalwochenende ausmacht: emotionale Abschiede, starke Live-Auftritte, große Gänsehautmomente und eine beeindruckende Gemeinschaft, die selbst den extremen Temperaturen trotzte. Schon am Freitag wurde deutlich, dass das Jubiläumsjahr des Hurricane Festivals das Potenzial hat, weitere unvergessliche Kapitel in der Geschichte des traditionsreichen Events zu schreiben.