Das Open Flair-Festival lockt seit mittlerweile über 40 Jahren Freunde der guten Musik aus allen Ecken Deutschlands nach Eschwege. Auch in diesem Jahr konnten die Veranstalter im Vorfeld “ausverkauft” melden, was in heutigen Zeiten nicht mehr selbstverständlich ist, da eine gute Balance aus zumutbaren Ticketpreisen und den immer weiter steigenden Kosten gefunden werden muss. Viele Besucher hört man sagen, dass es hier, mitten in dieser beschaulichen Stadt, einfach immer wieder eine besondere Atmosphäre sei und man immer wieder komme, auch wenn das Line-Up vielleicht einmal nicht ganz so sehr überzeugt. Neben den drei Hauptbühnen (zwei am Werdchen, eine am See) bietet das Open Flair einfach so viel mehr mit Kleinkunst, Elektrogarten, Oase der Ruhe, und und und. Es ist wirklich jeder willkommen, ob groß oder klein, Technofan oder Punkrocker oder Indie-Pop-Liebhaber. Und ja, vermutlich sind das auch all die Gründe, warum ich jedes Jahr wiederkomme und mich besonders auf meine lieben Fotokollegen und die großartige Security freue. Das ist immer wieder wie ein Familientreffen, kennt man doch den Kern teilweise schon über 10 Jahre.
Da ich es dieses Jahr leider nicht am Mittwoch zum Open Flair geschafft habe, begann das Festival offiziell erst am Donnerstag an der Seebühne für mich. Den Auftakt machte die Indie-Pop-Band Kapa Tult aus Leipzig, die bereits vor drei Jahren schon einmal hier gespielt hat. Ihre Texte drehen sich um Liebe, Alltagskrisen und gesellschaftliche Erwartungen. Das Publikum an der Seebühne zeigte sich zum Auftritt noch etwas müde, dennoch haben sich einige Fans vor der Bühne eingefunden. In der Zwischenzeit starteten die ersten Walking Acts über das Gelände. Es ist echt wahnsinnig spannend, auf welche Ideen die Leute kommen und wie gut die Kostüme etc. umgesetzt sind.
Als Bluthund als nächster Act auf die Bühne kamen, herrschte direkt eine andere Stimmung. Mit einem Weihrauch-Pendel kam Sänger Abraxas auf die Bühne und direkt dann auch ins Publikum. Die Band, welche stets maskiert auftritt, lässt sich vielleicht irgendwo zwischen Elektro, Punk und Hip Hop einordnen. Falls das überhaupt möglich ist. Sie sprengen Grenzen und begeisterten damit von der ersten Minute an ihre Fans. Erster Song war Scheißwut. Mit Ansagen wie “Gott erschuf Himmel, Erde und das Open Flair” katapultierte sie sich sicher auch direkt in viele Herzen. Bei “Büro until Rente” holten sie ihren Special Guest auf die Bühne: einen Bürostuhl, liebevoll verpackt in silberfarbene Folie. Es war eine ausgelassene Stimmung, energiegeladen, mit vielen Moshpits. Stillstehen schien keine Option gewesen zu sein. Am Ende ließ es sich Sänger Abraxas nicht nehmen, noch auf die Leinwand neben der Bühne zu klettern. Kann man machen.
South Arcade aus den UK bildeten dann, insbesondere auch durch das Outfit von Sängerin Harmony Cavelle, einen großen stilistischen Gegensatz. Ihre Musik wird als modern Alternative Pop Punk beschrieben und man bekam das Gefühl, irgendwo in die 2000er zurückversetzt worden zu sein. Vielleicht etwas zu poppig, aber dennoch eine gelungene Show.
Poppige Elemente hatten auch From Fall To Spring im Gepäck, allerdings dann doch verpackt in wesentlich härtere Klänge. Die Band um die beiden Brüder Philip und Lukas Wilhelm war bereits schon zweimal auf dem Open Flair. Auch sie brachten etwas Nostalgie auf die Bühne mit ihrem Sound zwischen Nu-Metal und Post Hardcore, angelehnt an die Klänge der 2000er. Mit den beiden Coversongs “Incomplete” von den Backstreet Boys und “Last Resort” von Papa Roach hatten sie dann auch ein sehr textsicheres Publikum vor sich. Man konnte viele glückliche Crowdsurfer in der untergehenden Sonne beobachten. Was will man mehr für die perfekte Festivalstimmung?
Headliner des Tages waren wohl unangefochten die Könige des Folk-Punk, die Dropkick Murphys aus Boston. Vom ersten Ton an war es einfach großartig: Sänger Ken Casey kam sehr oft vor zum Publikum in den Graben, es gab Moshpits, viele tanzende Menschen. Man merkte sofort: hier stehen wirklich Vollprofis auf der Bühne, die nicht zu unrecht schon über 30 Jahre ihr Publikum begeistern und ihre Fanbase wachsen lassen. Nicht nur das Open Flair liebt diese explosive Mischung aus Irish Folk und Punkrock. Wunderbar.
FREITAG
Der Freitag startete mit ordentlich Frauenpower auf dem Hauptgelände, welches an diesem Tag seine Tore öffnete. Auf der Freibühne gaben sich Frau Paul die Ehre. Das Hamburger/Berliner Trio ist seit fünf Jahren zusammen unterwegs und verpackt ihre feministischen und gesellschaftskritischen Texte in eine ordentliche Portion Post Punk und Indie. Das Werdchen schwang sich ein, auch wenn sicher auch wegen der hohen Temperaturen noch nicht so der Funke überspringen wollte.
Besser klappte es dann mit Deiner Cousine auf der Radio Bob Bühne. Hier herrschte von Anfang an Stimmung im Publikum, als sie mit “St. Pauli” das Konzert eröffnete. Kein Wunder, steht Powerfrau Ina Bredehorn gefühlt unter Dauerstrom und das übertrug sich natürlich auch von der Bühne auf ihre Fans. So voll habe ich das Werdchen an einem Freitagnachmittag bisher selten erlebt. Ein Bad in der Menge rundete die Show ab.
Musikalisch etwas andere Töne wurden direkt im Anschluss auf der Freibühne angespielt: Shoreline aus Münster gaben sich die Ehre. Die Band, deren Musik man als Emo-Punk mit Herz und Haltung beschreiben kann, hat sich durch viele Konzerte und Tourneen europaweit eine solide Fanbase aufgebaut. Und so war es an der Freibühne vom ersten Ton an ein großes Fest mit fantastischer Stimmung.
Schneller Wechsel zur Seebühne: hier traf Hardcore auf Funk bei Slope aus Duisburg. Nach ihren bisherigen, absolut chaotisch-wilden Auftritten auf dem Open Flair war klar, dass es dieses Jahr nicht weniger energiegeladen von Statten gehen würde. Von Anfang an bildeten sich Moshpits im Publikum, musikalisch fühlte man sich irgendwo zwischen Beasty Boys und modernen Elementen.
Mit Moshpits ging es dann fast übergangslos weiter bei Our Mirage. Seit fast 10 Jahren sind die Musiker aus Nordrhein-Westfalen gemeinsam unterwegs. Ihre Musik, im Post-Hardcore angesiedelt, ist ein gelungenes Wechselbad der Gefühle: melodiöse Refrains durchbrechen brachiale Screams. Bei der Show erlebte man auch wieder einen Moment, der eigentlich nur so beim Open Flair passiert: ein Papa im Einhornkostüm mit Tochter auf den Schultern mischte sich in den Moshpit. Herrlich.
Weiter ging es an der Seebühne dann mit April Art. Modern Metal mit brachialer Energie: Mit ihrer roten Mähne und einer Stimmgewalt wirbelte Frontfrau Lisa-Marie Wärner über die Bühne. Die Band begeisterte das Publikum. Vor 10 Jahren hatten sie wohl schon einmal beim Open Flair angefragt und wurden abgelehnt, aber nun hatte es ja geklappt und sie spielten direkt zu bester Zeit am Werratalsee.
Für den Auftritt des Freitag-Headliners SDP führte mich mein Weg noch einmal kurz zum Hauptgelände zur Radio BOB-Bühne.Hier wurde alles rausgehauen, was geht: Konfetti, Feuer, aufblasbare Riesenfiguren. Das Werdchen war sehr gut gefüllt und es herrschte eine gute Stimmung.
Mein persönlicher Headliner waren allerdings definitiv die Emil Bulls. Zu fast unchristlicher Zeit spielten sie von 00:30 bis 2:00 auf der Seebühne. Aber das hinderte weder mich noch unzählige andere Festivalbesucher daran, gut anderthalb Stunden mit den fünf Münchnern zu feiern. Schon mehrfach waren sie beim Open Flair und lieferten auch in diesem Jahr eine starke Show, die es musikalisch in sich hatte. Direkt mit den beiden Brettern “Most Evil Spell” und “Battle Royal” legten sie zu Beginn des Konzertes den Grundstein. Moshpits, Headbanger, alles vom Feinsten. Bevor dann mit einer Wall Of Death und dem klassischen letzten Emil Bulls-Song “Worlds Apart” der Abend zu Ende ging, gab es noch den A-Ha-Klassiker “Take On Me” auf die Ohren. Ein grandioser Abschluss.