Freitag, 4. September 2026. Das Glücksgefühle Festival am Hockenheimring ist eigentlich ziemlich eindeutig: große Bühnen, große Namen, viel Sonne, viel Party – und vor allem möglichst viel gute Laune. 2026 kam allerdings ein Thema dazu, das im Vorfeld wohl niemand auf dem Festivalgelände erwartet hatte. Die Diskussion um die zunächst ausgesprochene Ausladung von Alphaville und die Frage, wie viel Politik auf einer Festivalbühne stattfinden darf, begleitete das gesamte Wochenende.

Eigentlich hatten die Veranstalter das Festival ausdrücklich als unpolitische Veranstaltung positioniert. Nach der Ausladung von Alphaville, der anschließenden Entschuldigung und Wiedereinladung – die Band trat letztlich trotzdem nicht auf – entwickelte sich die Sache jedoch etwas anders als geplant. Und so war „Forever Young“ plötzlich überall. Verschiedene Künstler bauten den Klassiker in ihre Sets ein oder nutzten ihre Auftritte für Aussagen zu Freiheit, Demokratie und Toleranz. Was ursprünglich möglichst aus dem Festival herausgehalten werden sollte, wurde damit beinahe zum inoffiziellen Thema des Wochenendes.

Drei Bühnen, weite Wege und Temperaturen bis über 30 Grad

Abseits der Debatte blieb das Glücksgefühle vor allem das, was es sein wollte: ein riesiges Festival. Drei große Bühnen, zehntausende Menschen und teilweise sehr lange Wege zwischen den einzelnen Bereichen sorgten dafür, dass der Wechsel zwischen den Acts schon fast zum eigenen Programmpunkt wurde. Besonders zwischen Euphoria und Cloud 9 waren einige Meter zurückzulegen – vorbei an Ständen, durch die Boxengasse und quer über das Festivalgelände. Aber auch zur Dopamin Stage waren es mehrere hundert Meter durch die pralle Sonne.

Bei Temperaturen von über 30 Grad am Freitag und nur unwesentlich weniger am Samstag wurde das zusätzlich zur körperlichen Herausforderung. Schatten war auf dem weitläufigen Gelände eher Mangelware. Die Besucher machten deshalb aus allem, was irgendwie Schatten spendete, einen Aufenthaltsort: Mauern an der Boxengasse, Säulen, technische Aufbauten oder die wenigen überdachten Bereiche wurden schnell zu begehrten Plätzen.

Loi setzt früh ein Zeichen

Auf der Euphoria Stage eröffnete Loi den Tag mit einem Auftritt, der musikalisch zunächst ganz klassisch nach Festivalprogramm aussah. Vor ihrem letzten Song wurde es allerdings deutlich politischer. Sie sprach sich für Freiheit, Demokratie und Toleranz aus und forderte das Publikum auf, nicht zu schweigen. Damit griff auch sie indirekt das Thema auf, das zu diesem Zeitpunkt längst das Festival überschattete. Gleichzeitig zeigte sich schon hier: Die Debatte würde nicht einfach an den Bühnen vorbeiziehen.

Tom Gregory und das erste „Forever Young“

Auch Tom Gregory nahm Bezug auf die Diskussion. Der britische Sänger, der sich immer wieder auch auf Deutsch an das Publikum wandte, baute „Forever Young“ in seinen Auftritt ein. Die Besucher machten mit und sangen den bekannten Refrain gemeinsam mit ihm. Der Song sollte an diesem Wochenende noch sehr viel häufiger auftauchen.

Leony zeigt, wie schnell man wachsen kann

Für Leony war der Auftritt am Hockenheimring bereits der dritte beim Glücksgefühle Festival. Ganz anders als bei ihrem ersten Besuch, als sie mit gerade einmal zwei veröffentlichten Songs auf der Bühne stand, gehört sie inzwischen selbst zu den bekannten Namen des Line-ups. Mit Tänzerinnen und einer entsprechend größeren Show zeigte sie, wie sich ein Künstler innerhalb weniger Jahre entwickeln kann. Aus dem Nachwuchsact ist längst ein fester Bestandteil großer Festivalbühnen geworden.

Mia Julia spricht Klartext

Deutlich direkter wurde Mia Julia. Zwischen ihrer gewohnt energiegeladenen Partystimmung nutzte sie die Bühne auch für ein längeres Statement und forderte dazu auf, den Mund aufzumachen und die Augen zu öffnen. Dabei nahm sie auch Bezug auf ihre eigenen Erfahrungen mit rechtsextremen Anfeindungen und verteidigte Festivalveranstalter Markus Krampe gegen die Kritik an seiner Person. Ihre Botschaft war klar: Wegschauen sei keine Lösung. Danach ging es allerdings wieder um das, wofür Mia Julia bekannt ist – Party. Vor der Bühne wurde getanzt, gesungen und gefeiert, während die Stimmung sichtbar nach oben ging.

Scooter machen aus dem Hockenheimring eine Party

Auf der großen Euphoria Stage wurde es anschließend laut. Scooter brachten ihre typische Mischung aus Techno, Dance und Festivalklassikern auf die Bühne. Auch „Nessaja“ durfte dabei nicht fehlen. Tänzerinnen, große Showelemente und die bekannten Hits sorgten dafür, dass die ohnehin schon gut gefüllte Fläche vor der Bühne schnell zur riesigen Partyzone wurde.

Andreas Gabalier

Andreas Gabalier brachte auf der Dopamin Stage einen komplett anderen Sound auf das Festivalgelände. Zwischen Hip-Hop, elektronischer Musik und Party-Acts wirkte sein Auftritt fast wie ein eigenes kleines Genre innerhalb des ansonsten sehr breit aufgestellten Line-ups. Die bekannten Songs sorgten dabei für viel Mitsingen und eine entsprechend ausgelassene Stimmung vor der Bühne. Dass Gabalier ausgerechnet auf der Dopamin Stage zwischen Acts wie Ski Aggu, Mia Julia und SDP eingeordnet war, zeigte gleichzeitig ziemlich gut, wie breit das Festival augstellt war.

Ski Aggu lässt sich nicht stoppen

Ski Aggu hatte es dagegen nicht ganz einfach. Der Auftritt musste zweimal umgebaut werden, dazu kamen kurzzeitig technische Probleme. Davon ließ sich der Berliner aber nicht aus der Ruhe bringen. Auch bei ihm spielte „Forever Young“ eine Rolle. Aggu machte deutlich, dass er sich, solange er auf der Bühne stehe, für Freiheit einsetzen werde. Trotz der technischen Schwierigkeiten zog er seinen Auftritt konsequent durch und bekam das Publikum schnell wieder auf seine Seite. Da parallel auf der Hauptbühne mit Marteria ein weiterer großer Act spielte, war der Bereich vor Ski Aggu zwar nicht ganz so voll wie bei anderen Auftritten – die Besucher, die geblieben waren, machten dafür umso mehr mit.

Ayliva

Ayliva gehörte zu den großen Headlinern des Festivals und stand am Freitagabend auf der Euphoria Stage. Ihr Auftritt war damit einer der großen Pop-Momente des Wochenendes. Mit Songs wie „Wunder“ und „Liebe tut weh“ traf sie auf ein Publikum, das deutlich jünger wirkte als bei manch anderem Act auf der Hauptbühne. Ayliva war außerdem nicht einfach irgendein Name im Line-up: Sie war bereits beim Abschluss des Festivals 2025 als erster Headliner für die Ausgabe 2026 angekündigt worden.

Blue beweisen, dass 20 Jahre alte Songs noch funktionieren

Samstag, 5. September. Neuer Tag, neues Programm. Dort versammelte sich ein großes und neugieriges Publikum bei Blue. Die britische Boyband brachte Songs mit, die inzwischen mehr als 20 Jahre alt sind – und trotzdem dauerte es nicht lange, bis vor der Bühne mitgesungen und mitgefeiert wurde. Die Band bewies damit eindrucksvoll, dass ein guter Pop-Song offenbar kein Ablaufdatum hat. Für November kündigte Blue außerdem weitere Deutschland-Termine an.

Julian Sommer direkt von Mallorca nach Hockenheim

Bei Julian Sommer gehörte die Geschichte neben der Musik fast schon zur Show: Er erzählte, dass er erst am Morgen aus Mallorca angekommen war. Das Wetter am Hockenheimring mit Sonne und am Samstag mit rund 27 Grad konnte sich seiner Einschätzung nach durchaus mit der Insel messen. Für das Publikum war die Herkunft an diesem Nachmittag ohnehin zweitrangig. Vor der Bühne wurde gefeiert, gesungen und das Mallorca-Gefühl kurzerhand nach Baden-Württemberg verlegt.

Culcha Candela machen das Festival politischer

Auch Culcha Candela griffen die Debatte um politische Aussagen auf. Die Berliner Band hatte bereits im Vorfeld deutlich gemacht, dass sie sich nicht vorschreiben lassen wolle, politische Themen von der Bühne fernzuhalten. Beim Auftritt wurde daraus entsprechend mehr als nur ein Konzert. Zwischen den Songs ging es um Haltung, Demokratie und den Umgang mit rechtsextremen Positionen.

Max Giesinger und ein weiterer Klassiker

Auch Max Giesinger nahm „Forever Young“ mit in sein Set. Statt großer Produktion setzte er dabei auf eine deutlich ruhigere Version mit Gitarre. Seine Botschaft dazu war ebenfalls weniger eine politische Rede als ein Appell an das Publikum, „immer stabil“ zu bleiben. Ein kurzer Moment zum Durchatmen zwischen den großen Festivalproduktionen.

Boris Brejcha, Noel Holler, Lost Frequencies & W&W

Auf der Cloud 9 wurde es dagegen durchgehend elektronisch. Boris Brejcha brachte seinen charakteristischen High-Tech-Minimal-Sound auf die Bühne, Noel Holler stand für die jüngere, deutlich EDM-lastigere Seite des Festivals. Lost Frequencies sorgten später mit ihrem Mix aus Dance und eingängigen Melodien für einen etwas anderen Zugang zur elektronischen Musik, bevor W&W noch einmal deutlich mehr Druck auf die Tanzfläche brachten. Die vier Acts zeigten dabei ziemlich gut, wie unterschiedlich die Cloud 9 trotz ihres klaren elektronischen Schwerpunkts klingen konnte. Lost Frequencies und W&W gehörten dabei zu den späteren Acts des Samstags, während Boris Brejcha und Noel Holler bereits am Freitag auftraten.

David Guetta macht aus „Forever Young“ einen Dance-Klassiker

Dass ausgerechnet David Guetta den Alphaville-Klassiker ebenfalls in seinen Auftritt einbaute, war einer der auffälligsten Momente des Wochenendes. In seiner Version wurde aus „Forever Young“ natürlich ein elektronischer Dance-Track – und der Hockenheimring sang trotzdem mit. Ansonsten lieferte Guetta ziemlich genau das, was man von einer David-Guetta-Show erwartet: große elektronische Produktionen, Pyrotechnik und ein Publikum, das auf jeden Drop reagierte. Ob die Wahl von „Forever Young“ als bewusste Reaktion auf die Debatte gedacht war, kommentierte Guetta beim Auftritt nicht. Der Song war zu diesem Zeitpunkt allerdings längst zu einem festen Bestandteil des Festivals geworden.

Auch abseits der großen Bühnen passiert einiges

Wer zwischen den Main Acts unterwegs war, bekam schnell mit, wie groß das Festival tatsächlich ist. Menschenmassen bewegten sich ständig zwischen den Bühnen, teilweise durch die Boxengasse und vorbei an den zahlreichen Ständen. Auch kleinere Bereiche sorgten für eigene Momente. Am Holy Stand sorgte André Schnurra beispielsweise mit seinem Saxophon für überraschend viel Stimmung. Ein einzelnes Instrument reichte aus, um eine kleine Menge zum Stehenbleiben und Mitfeiern zu bringen.

Nach dem offiziellen Bühnenprogramm war der Abend außerdem noch lange nicht vorbei. Rund um die Sponsoren-Locations liefen Aftershow-Partys weiter, während auf dem Kirmesbereich nach Sonnenuntergang noch einmal eine ganz andere Atmosphäre entstand.
Ein sehr unpolitisches Publikum – und trotzdem war Politik überall. Interessant war dabei ein Gegensatz, der sich über das gesamte Wochenende zog: Das Publikum selbst wirkte erstaunlich unpolitisch. Fußballtrikots waren deutlich häufiger zu sehen als T-Shirts mit politischen Botschaften. Die meisten Besucher waren offensichtlich gekommen, um Musik zu hören, Freunde zu treffen und ein Wochenende lang zu feiern.

Umso auffälliger war, wie häufig Künstler das Alphaville-Thema aufgriffen. Loi, Tom Gregory, Mia Julia, Ski Aggu, Culcha Candela, Max Giesinger und zahlreiche weitere Acts setzten eigene Akzente. „Forever Young“ wurde dabei zum verbindenden Element – unabhängig davon, ob man die politische Debatte überhaupt gesucht hatte. Mit der Zeit konnte man sich allerdings auch fragen, ob es nicht irgendwann etwas zu viel wurde. Denn genau das Gegenteil dessen, was die Veranstalter ursprünglich erreichen wollten, war eingetreten: Durch den Versuch, politische Aussagen aus dem Festival herauszuhalten, wurde die Frage danach erst recht zum Gesprächsthema.

Ein Festival zwischen Party und Haltung

Musikalisch hatte das Glücksgefühle Festival 2026 ohnehin viel zu bieten. Von Pop über Hip-Hop und Partyschlager bis hin zu Techno und EDM war auf den drei Bühnen praktisch alles vertreten. Mit Ayliva, Boris Brejcha, Leony, Loi, Scooter, Ski Aggu, Andreas Gabalier, Mia Julia, Noel Holler, W&W, Lost Frequencies, Culcha Candela, Max Giesinger, Marteria und David Guetta standen an den beiden von mir besuchten Tagen zahlreiche große Namen auf dem Programm.

Und trotzdem dürfte 2026 vor allem wegen einer Diskussion in Erinnerung bleiben, die eigentlich gar nicht Teil des Festivalplans war.
Das Glücksgefühle wollte „Good vibes only“. Am Ende gab es davon reichlich – aber eben auch eine ganze Menge Meinungen. Und vielleicht ist genau das die interessanteste Geschichte dieses Festivals.