Was wäre, wenn das Wetter immer perfekt wäre, und die Bahn immer pünktlich? Würden uns dann die Smalltalk-Themen ausgehen? Nun, wir werden es vermutlich nie erfahren. Aber am Elbriot-Samstag gibt sich Hamburg sehr viel Mühe, die Rioter mit bestem Wetter zu begrüßen. Die Sonne scheint, und eine leichte Brise schiebt immer wieder kleine Wolken vor die Sonne, um zu verhindern, dass sie zu sehr knallt. Viele Metalheads nutzen die Gelegenheit in den Pausen der Bands, um sich auf den warmen Asphalt zu setzen und sich auszuruhen.
Ein starker Gegensatz zum verregneten Wacken vor einer Woche, das in Dauerregen und Schlamm versunken war. Und so dreht sich viel Smalltalk darum, welches Wacken nun schlimmer war: Dieses Jahr, oder 2023, als zum ersten Mal die Anreise gestoppt wurde. Ich persönlich werfe dann immer wieder 2015 rein, als der Schlamm durchgehend so schlimm war, dass danach eine Drainage unter dem heiligen Acker installiert wurde. Oder 2007, als der “Heli-Föhn” eingesetzt wurde: Bundeswehr-Helikopter, die das Infield im Tiefflug trocken gepustet haben.
Das Zusammenrücken der beiden Festivals (Elbriot ist nur eine Woche nach Wacken) und die geographische Nähe führen zwangsläufig dazu, dass viele Wochen-Besucher sich auf dem Riot einen Metal-Nachschlag holen. Und dass das Lineup sich überlappt: Headliner Papa Roach war schon auf Wacken auf der großen Bühne. Aber das Riot-Lineup muss sich auch dieses Jahr in keinster Weise hinter Wacken verstecken.
The Chats
“Ihr steht auf Metal? Dann habt ihr Pech gehabt.” Mit diesen freundlichen Worten begrüßt Eamon Sandwich die Metalheads des Riot. Der Mitgründer, Bassist und Frontmann der australischen Punk Rock Band haut darauf in die Saiten seines Bass und stimmt “Billy Backwash’s Day” an. Klassische, schnelle Punk-Basslines wie man sie u.a. von “Sex-Bo-Bomb” aus “Scott Pilgrim against the World” kennt, oder halt von den Ramones.
Ja, wer NUR auf Metal steht, wird bei “The Chats” kein Metal bekommen. Aber wer auf energiegeladenen Rock n Roll aller Couleur steht, wird mit soliden klassischen Punkrock belohnt. Die Songs sind knackig, kurz, schnell und laut. Einfache Riffs und Basslines, ein lausbubenhafter Gesang über unpolitische Themen mit einem Aussi-Akzent, und eine Band die noch mal kurz drauf hinweist dass man sich mit Sonnenschutz eincremen sollte und dann einfach nur ihr Set abrockt. Viel besser kann man kaum ein Festival starten. Und alle, die gerade Antrieb und gute Laune brauchen, sollten mal dringend in “The Chats” reinhören.
Smash into Pieces
Zwei senkrechte Displays links und rechts vom Schlagzeug zeigen verschiedene Animationen. Und dann kommt Drummer und Keyboarder “The Apocalypse DJ” auf die Bühne. Komplett in schwarz gekleidet, mit Laserpointern in den Fingerspitzen seiner Handschuhe und einem Helm, auf dem das Logo der Band in roten LEDs leuchten, die später noch die Farben wechseln werden. “Smash into Pieces” ist eine Alternative Metal Band aus Schweden, die sich mittlerweile zu Recht einer starken Fanbase erfreut.
Songs wie “Flow” beginnen meist mit einem elektrischen Sample, bis dann Drums, Gitarre und Bass einstimmen. Anders als bei anderen Alternative Metal bzw. Nu Metal Bands wird nicht gerappt, dafür singt Sänger Chris Adam Hedman Sörbye (ich hoffe ich hab das richtig geschrieben) mit einer samtweichen, leicht mit Effekten versehenen Stimme die Lyrics auf den Stampfenden Beats und rockigen Metal-Riffs.
Passend zu diesem Stil sind die Songs wie “Heroes Are Calling” oder “Six Feet Under” langsamer und zum Mitsingen geeignet. Dennoch hauen Gitarre, Bass und Drums hart rein, und die darunter gelegten Samples und Keyboard-Layer pushen die Energie der Songs in das Publikum rein. Allein die eingespielten Backing-Voices in den Refrains lassen einen kurz stutzen ob Chris Adam wirklich alles selber singt, aber den Zweiflern die der Ansicht sind dass bei Alternative/Nu Metal alles nur Playback ist kann ich versichern, dass die Jungs tatsächlich life und „manuell“ abgeliefert haben. Und Lust auf mehr machen.
Kissin‘ Dynamite
Ist es Glam Rock, oder doch Metal? Auch ein schönes Diskussionsthema wenn es um Kissin’ Dynamite geht. Wenn man Sänger Hannes Braun in weißem, halb geöffnetem Hemd mit seiner wallenden blonden Mähne vor dem riesigen, glitzernd leuchtenden Kissin’ Dynamite Logo auf die Bühne kommt, denkt man eher an eine Pop-Band als an Metal.
Musikalisch reihen sich die Schwaben stark zwischen Hard Rock und „klassischem“ Heavy Metal ein. Also die 70er und frühen 80er Jahre, wo Bands wie Van Halen und Twisted Sister noch die Wahrnehmung von Metal in der Öffentlichkeit stark prägten. Eröffnet wird das Set mit “Back in a Bang”, Titelsong von 2024er Album mit dem Kissin’ Dynamite nun durch die Welt tourt. Starke, rockige Riffs und jaulende Gitarren leiten zu Hannes klaren Gesang über, der zum Refrain hin auch “jaulend” gestützt singt und mit den Gitarren konkurriert.
Wie das Dynamit im Bandnamen gibt Kissin’ Dynamite eine explosive gute Laune Show ab. Songs wie “No One Dies a Virgin” und “The Devil Is a Woman” beweisen warum Kissin’ Dynamite die perfekte Vorband für Steel Panther waren. Passagen wie “No, no, no” am Ende des Refrains geben dem Publikum die Möglichkeit, laut mitzuschreien. Spätestens bei “Not the End of the World” singt das gesamte Infield mit. Und zum Abschluss steigt Hannes auch noch mal ins Schlauchboot, das wie ein Crowdsurfer von der Menge einmal durchs Infield und wieder zurück getragen wird.
Kerry King
Ich habe tatsächlich Besucher getroffen, die mit dem Namen “Kerry King” nichts anfangen konnten. Aber spätestens nach “Der glatzköpfige Slayer-Gitarrist mit dem langen Bart.” kommt immer ein “Aaaaah, der.” Als Mitgründer und Dauermitglied der Thrash-Legende “Slayer” ist King eine Ikone des Metal. Zahlreiche Nachwuchs-Metalheads haben lange ihr Taschengeld gespart, um sich Kerry’s Signature-Gitarre leisten zu können. Und als Slayer sich dann 2019 aufgelöst haben, gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Gerüchte um ein Soloprojekt von Kerry.
Nun steht er also beim Riot auf der Bühne. Es ist Kerry Kings drittes Elbriot, aber das erste als Teil der “Kerry King” Band. Songs wie “Where I reign” und “From Hell I Rise” zeigen, dass Kerry den Thrash treu geblieben ist. Die Drums ballern wie ein Maschinengewehr, die tiefen Riffs und die unglaubliche schnelle Bassline werden einem nur um die Ohren geschmissen, selbst die jaulenden Soli sind aggressiv und hetzen den Zuhörer, ohne dabei hektisch zu wirken. Neben Bassist Kyle Sanders entpuppt sich vor allem Ex-Death-Angel-Sänger Mark Oseguda als Glücksgriff. Seine growlenden Shouts sind Thrash pur, und unterscheiden sich stark genug von Ex-Slayer-Frontmann Tom Araya. Denn “Kerry King” soll auf keinen Fall wie eine “Light Version von Slayer” klingen, und tut es auch nicht. Dennoch: Der Slayer-Altmeister lässt es sich nicht nehmen, “Raining Blood” zu covern. Und die Menge dreht durch. Nicht nur bei “Rainig Blood”, sondern das ganze Set über gibt es Moshpits, Crowdsurfer, Headbanger und die gelegentlichen Schulter-Rempler. Wer Slayer vermisst, hat in Kerry King definitiv einen würdigen Nachfolger gefunden.
Kreator
Wenn man Slayer zu den “Big Four” des amerikanischen Thrash Metals zählt (neben Metallica, Anthrax und Megadeth), so gehört Kreator zum deutschen Thrash-Dreigestirn mit Sodom und Destruction. Wenige europäische Bands haben das Genre so geprägt und sind so lange dabei wie die Kombo rund um Frontmann Miland Petrozza, der seit 1982 die Band anführt. Der Übergang von Kerry King zu Kreator is fließend, beide singen satanistische Motive mit donnernden Double-Bass-Drums, harten, schnellen Gitarren und Basslines, aufgelockert mit jaulenden Soli und dem krächzenden Gesang von “Mille” Petrozza. Kreator muss sich nicht hinter Slayer oder irgend einer anderen Thrash-Legende verstecken, und so selbstsicher führen sie auch durch ihr Set mit Songs aus 4 Jahrzehnten.
Vom 2022 erschienen “Hate über alles” bis zu Klassikern wie “Satan Is Real” ist alles dabei, was das Metal-Herz begehrt. Und so werden die Circle-Pits wieder eröffnet, der Fluß der Crowsurfer fließt wieder ber die Menge nach vorne, die “Metal-Pommesgabeln” werden in die Luft gereckt und alle grölen laut mit. Ich kann nicht mehr abzählen wie oft ich schon Kreator live gesehen habe, aber es ist jedes mal geil die Legenden dabei zu erleben wie sie ihre Songs abreißen, die Crowd durchdrehen lassen und nebenbei noch auf der Bühne n paar Pyros abfeuern die es eigentlich nicht braucht, denn die Band ist heiß genug. Am Ende gibt es noch den Klassiker “Pleasure to Kill” aus 1986, und dann ist schon wieder alles vorbei – viel zu schnell ,wenn man mich fragt.
Papa Roach
Ich tue mich schwer, diesen Absatz zu schreiben. Denn es gibt meine objektive Meinung, in der Papa Roach auf dem Riot ein perfektes Papa Roach Set abgeliefert hat. Und meine private Meinung, in der ich nach Kerry King und Kreator einfach nicht in das Papa Roach Set reingefunden habe.
Fangen wir mit dem Set an sich an. Papa Roach, bekannt auch bei Nicht-Metal-/Rock-Fans durch ihren 2000er Hit “Last Resort”, ist eine Nu metal band aus Kalifornien und Teil der Crossover-Bewegung der 90er, die grandiose Bands wie Korn, Linkin Park, Deftones und Limp Bizkit hervorgebracht hat. Und natürlich auch Papa Roach. Songs wie “… To Be Loved” sind Dauerbrenner in meinen Playlists, und auch der gerade erst releaste Titel “Braindead” knallt voll rein. Dazu kommt ein ehrlich gemeintes Engagement gegen Mental Sickness, regelmäßige Spenden an Selbstmord-Prävention in allen Ländern in denen sie auftreten, und Songs wie “Leave a Light on (Talk Away The Dark)” die einsamen menschen kraft und Hoffnung schenken soll.
Als jemand, der schon auf zahlreichen Papa Roach Konzerten war, freue ich mich immer wieder, wenn Sänger Jacoby Shaddix mit seinen zwei auf tätowierten Tränen im Gesicht eine neue Tour ankündigt. Nur heute will der Funke nicht überspringen. Und das liegt nicht an Papa Roach, sondern am Line Up. Nach den Punkigen “The Chats” die schon energiegeladen gestartet sind, gefolgt von “Smash into Pieces” die mit ihren Synthies und Keyboard garnierten Alternative Metal das Level gehalten haben, “Kissin’ Dynamite” die eine fette Prise gute Laune und Mitmach-Aktion abgeliefert haben, und schließlich zwei fast schon grausam-schnellen Thrash-legenden wie Kerry King und Kreator war ich so aufgeheizt, dass eigentlich eine Band wie Machine Head, System of The Down oder Motörhead hätte folgen müssen um den Abend perfekt zu machen. Irgendwer der den Speed und die Energie und die Power hält, vielleicht sogar auf das nächste Level hebt, und mich antreibt direkt nach dem Riot in die nächste Metal-bar zu fahren und weiterzufeiern.
Papa Roach’s Nu Metal mit dem hip-hoppigen Grundbeat (der bei Design etwas langsamer ist als Thrash, das liegt einfach am Genre und damit man mit-rappen kann), mit den nachdenklichen Momenten, Tributen an Linkin Park Sänger Chester Bennington und dem gerade verstorbenen Ozzy Osbourne, einem Akustik-Song wie “Leave a Light on” hatte bei mir an diesem Abend nicht den ansatz einer Chance so viel Metal-Liebe zu bekommen die alle bands davor. Und das ist vor allem deshalb schade, weil Papa Roach eine unglaublich gute Band ist, die live echt abliefert.
Ganz am Ende macht Papa Roach noch mal die “Nu Metal Time Machine” auf und spielt ein Nu Metal-Tribute Medley aus “Blind” (Korn), “Shove it” (Deftones), “Break Stuff” (Limp Bizkit) und “Chop Suey” (System of a Down). Direkt gefolgt von ihrem Klassiker “Last Resort” als Closer des Sets. Bei diesen Songs blitzt noch mal ein Funke dieser Metal-Energie auf, der mir ab der Mitte des Sets gefehlt hat. Und so geh ich wieder angezündet vom Elbriot runter und freue mich bereits auf das nächste Jahr.

Foto: Julia Langmaack (Papa Roach bei Rock am Ring 2023)


































































































































