Das Deichbrand Festival 2026 hatte in Nordholz an der Wurster Nordseeküste wieder sehr eindrucksvoll gezeigt, warum dieses Open Air längst zu den wichtigsten Festivaladressen Norddeutschlands gehört. Zwischen Flugplatzgelände, Nordseeluft, Campingchaos, Bühnenlichtern und diesem speziellen „Wir sind hier oben am Meer, also darf es auch mal wehen“-Gefühl entstand erneut eine Festivalwelt, die Rock, Pop, Punk, Rap, Elektro und Nostalgie ziemlich selbstverständlich nebeneinanderstellte. Rund 60.000 Besucherinnen und Besucher machten das Gelände zu einer eigenen Stadt auf Zeit, in der man tagsüber zwischen Foodständen, Campingplatz, Kreativflächen und neuen Bühnenbereichen pendelte und abends vor den großen Stages komplett die Stimme ruinierte.
Das Wetter spielte an Donnerstag und Freitag weitgehend mit: überwiegend trocken, angenehm festivalfreundlich und eher nach Küsten-Sommer als nach Gummistiefel-Endgegner. Genau diese Mischung passte zum Deichbrand: ein bisschen Wind, viel Bewegung, wenig Stillstand und ein Programm, das nicht lange herumfragte, ob man bereit sei. Neu und spürbar war 2026 vor allem, wie breit das Festival aufgestellt war – mit großen Headlinern, elektronischer Erweiterung, New-Port-Bühne, Rock- und Punk-Schwerpunkten, Party-Abriss und Acts, die zwischen Nostalgie und Gegenwart erstaunlich gut funktionierten. Donnerstag und Freitag fühlten sich deshalb nicht wie Anlaufphase an, sondern eher wie ein Festival, das sofort wusste, wo der Lautstärkeregler sitzt.
Donnerstag
Leap
Leap sorgten für einen modernen Indie-Rock-Moment mit ordentlich Druck und großem emotionalem Griff. Die britische Band um Sänger Jack Balfour Scott verbindet Alternative Rock, Indie, Pop-Energie und dramatische Refrains zu einem Sound, der zwischen Clubbühne und Festivalfläche erstaunlich schnell wächst. Mit Songs wie „Energies“, „Exit Signs“, „One Way Out“ oder „Where the Silence Goes“ hatte sich die Band bereits eine wachsende Fanbase erspielt. Beim Deichbrand überzeugte Leap vor allem dadurch, dass sie nicht wie ein kleiner Zwischenstopp klangen, sondern wie ein Act, der genau wusste, wie man neue Hörer in wenigen Minuten abholt. Die Show lebte von Bewegung, Intensität und einer Stimme, die deutlich mehr wollte als höflich durch den Nachmittag winken. Sehenswert war das, weil Leap bewiesen, dass moderner Gitarrenpop auch 2026 noch Biss haben kann.
Jet
Jet brachten anschließend australischen Rock’n’Roll nach Nordholz und erinnerten daran, wie effektiv ein gutes Riff auch nach zwei Jahrzehnten noch sein kann. Die Band aus Melbourne um Nic Cester, Chris Cester, Cameron Muncey und Mark Wilson wurde Anfang der 2000er mit ihrem Debütalbum „Get Born“ und vor allem dem Hit „Are You Gonna Be My Girl“ international bekannt. Ihr Sound lebt von Garage Rock, Classic-Rock-Kante, dreckigem Groove und einer Portion Lederjacken-Energie, die live deutlich besser riecht, als sie auf Papier klingt. Beim Deichbrand war Jet besonders sehenswert, weil sie diesen angenehm unmodischen Rock direkt auf die Bühne stellten: keine große Theorie, einfach Gitarren, Stimme und Vorwärtsdrang. Songs wie „Cold Hard Bitch“, „Look What You’ve Done“ und natürlich „Are You Gonna Be My Girl“ funktionierten wie eingebaute Zeitmaschinen mit Festivalzulassung. Nordholz bekam damit einen Auftritt, der nicht nostalgisch verstaubt wirkte, sondern herrlich geradeaus.
Beauty & The Beats
Beauty & The Beats lieferten am Donnerstag genau jenen DJ- und Live-Party-Mix, der auf einem Festival wie Deichbrand sofort zündet. Hinter dem Projekt steht eine Crew, die bekannte Songs, elektronische Beats, Mash-ups und Live-Entertainment zu einem tanzbaren Dauerfeuer zusammenrührt. Musikalisch ging es weniger um Feuilleton-taugliche Tiefenbohrung, sondern um kollektive Wiedererkennung, Bass und diese Sorte Übergänge, bei denen man gerade noch „Kenn ich!“ ruft und schon im nächsten Refrain landet. Beim Deichbrand funktionierte das besonders gut, weil das Publikum früh bereit war, den Alltag abzugeben und in den Festivalmodus zu wechseln. Beauty & The Beats spielten damit nicht einfach ein Set, sondern betätigten den großen Startknopf für den Donnerstagabend. Sehenswert war die Show, weil sie den perfekten Übergang zwischen Ankommen, Tanzen und erstem Kontrollverlust lieferte.
Our Mirage
Our Mirage brachten am Donnerstag die emotional schwerere Seite des Line-ups auf die Bühne. Die Band aus Marl um Sänger Timo Bonner steht für Post-Hardcore und modernen Metalcore mit viel Melodie, persönlichen Texten und dieser Mischung aus Verletzlichkeit und Druck, die live schnell unter die Haut geht. Mit Songs wie „Nightfall“, „Lost“, „Through the Night“ oder „Fractured“ hatten sie sich in der deutschen Core-Szene längst einen festen Platz erspielt. Beim Deichbrand war der Auftritt besonders, weil Our Mirage zwischen all den Party- und Rockmomenten eine ernstere, intensivere Farbe setzten. Die Band spielte nicht auf bloßen Abriss, sondern auf Verbindung: große Refrains, harte Ausbrüche und Texte, die für viele im Publikum spürbar mehr waren als nur Zeilen zwischen zwei Breakdowns. Sehenswert war die Show, weil sie zeigte, dass Härte auf einem Festival nicht immer nur Muskelspiel sein muss, sondern auch Herzklopfen mit verzerrten Gitarren sein kann.
Freitag
No Angels
No Angels brachten am Freitag den großen Pop-Nostalgie-Moment ans Meer. Die Gruppe, die Anfang der 2000er aus „Popstars“ hervorging und mit Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling und Jessica Wahls zur erfolgreichsten deutschen Girlgroup wurde, hat längst Popgeschichte geschrieben. Mit „Daylight in Your Eyes“, „There Must Be an Angel“, „Still in Love with You“, „Something About Us“ und „Disappear“ lieferten sie Songs, die mehrere Generationen sofort wiedererkennen. Beim Deichbrand war ihre Show besonders, weil sie nicht nur als Retro-Ausflug funktionierte, sondern als selbstbewusster Popslot inmitten von Rock, Rap und Rave. Die Stimmen, die Choreografie und die große Wiedererkennung machten den Auftritt zu einem charmanten Kontrastprogramm. Sehenswert war das, weil die No Angels zeigten, dass Pop-Nostalgie dann am besten funktioniert, wenn sie nicht verstaubt, sondern glänzt.
Querbeat
Querbeat verwandelten das Deichbrand anschließend in eine große Brass-Pop-Party. Die Bonner Band steht mit ihrer vielköpfigen Besetzung für Bläserdruck, Pop, Karneval, Funk, Reggae, Hip-Hop-Anleihen und eine Live-Energie, die selbst müde Festivalbeine noch einmal in Bewegung zwingt. Mit Songs wie „Guten Morgen Barbarossaplatz“, „Nie mehr Fastelovend“, „Randale & Hurra“ oder „Hoch“ haben sie sich vom Karnevals-Geheimtipp zur bundesweiten Festivalmaschine entwickelt. In Nordholz funktionierte Querbeat besonders gut, weil ihr Sound genau das kann, was ein Festival am Freitag braucht: sofort Gemeinschaft stiften. Die Bläser trieben, die Menge sprang, und für eine Weile fühlte sich das Gelände an wie eine sehr gut gelaunte Straßenparade mit Nordseeluft. Sehenswert war die Show, weil Querbeat nicht nur Musik machten, sondern ein kollektives „Jetzt erst recht“ in den Himmel pusteten.
Feine Sahne Fischfilet
Feine Sahne Fischfilet brachten anschließend Punkrock, Haltung und norddeutschen Ausnahmezustand auf das Gelände. Die Band aus Mecklenburg-Vorpommern um Sänger Monchi steht für politische Ansagen, Punkrock-Wucht, Bläser, Arbeiterverein-Pathos, Bierbecher-Energie und Refrains, die eher gebrüllt als gesungen werden wollen. Mit Songs wie „Komplett im Arsch“, „Warten auf das Meer“, „Alles auf Rausch“, „Zuhause“ oder „Mit dir“ sind sie längst eine der wichtigsten deutschen Festivalbands geworden. Beim Deichbrand funktionierte das besonders gut, weil Feine Sahne Fischfilet nie so tun, als sei ein Konzert eine distanzierte Kunstveranstaltung. Da dürfen sogar Besucher auf die Bühne um von dort zu stage diven. Hier ging es um Gemeinschaft, Haltung, Pogo und sehr viel Schweiß. Sehenswert war die Show, weil sie den Freitag kurzzeitig in eine politische Dorfdisco mit Gitarren, Herz und klarer Kante verwandelte.
Mehnersmoos
Mehnersmoos lieferten anschließend den wohl respektlosesten Spaß des Freitags. Das Frankfurter Duo MadFred und Maydn steht für Deutschrap zwischen derbem Humor, absurden Punchlines, bewusster Geschmacklosigkeit und einer Live-Energie, die irgendwo zwischen Abrissparty, Klassenfahrt und Kneipenschlägerei auf sehr hohem Unterhaltungsniveau liegt. Mit Alben wie „Pennergang“ und Songs aus ihrem herrlich unverschämten Kosmos haben sie sich längst eine treue Fanbase erspielt. Beim Deichbrand wirkten Mehnersmoos wie der unangemeldete Besuch, der eigentlich Hausverbot haben müsste, aber sofort die beste Party schmeißt. Das Publikum nahm die Einladung dankbar an und verwandelte den Auftritt in ein lautes, grinsendes Durcheinander. Sehenswert war die Show, weil Mehnersmoos den Ernst des Festivalbetriebs einfach in die Ecke stellten und ihm ein Bier in die Hand drückten.
Beatsteaks
Die Beatsteaks übernahmen am Freitag mit jener Selbstverständlichkeit, die man nur bekommt, wenn man seit Jahrzehnten zu den besten Livebands des Landes gehört. Die Berliner um Arnim Teutoburg-Weiß, Bernd Kurtzke, Peter Baumann, Thomas Götz und Torsten Scholz stehen für Punkrock, Alternative, Indie, Reggae-Momente, große Refrains und eine Bühnenenergie, die nie nach Dienst nach Vorschrift klingt. Mit Songs wie „Hand in Hand“, „I Don’t Care As Long As You Sing“, „Jane Became Insane“, „Let Me In“, „Hello Joe“ und „Milk & Honey“ haben sie längst Festivalgeschichte geschrieben. Beim Deichbrand war ihr Auftritt besonders, weil die Beatsteaks diesen seltenen Trick beherrschen: Sie wirken gleichzeitig wie Kumpelband und Headliner-Maschine. Arnim hatte die Menge schnell im Griff, aber nie von oben herab, sondern eher wie jemand, der gemeinsam mit allen vorne im Pit wohnen möchte. Sehenswert war das, weil Beatsteaks-Shows immer noch klingen, als müsse Rockmusik nicht gerettet werden – sie muss nur laut genug gespielt werden.
Marteria
Marteria brachte danach Rostocker Rap, Melancholie und Festival-Euphorie in einer sehr eigenen Mischung nach Nordholz. Marten Laciny, der auch als Marsimoto bekannt wurde, verbindet Rap, elektronische Flächen, Pop-Refrains und Ostsee-Sehnsucht zu Songs, die zwischen Abriss und Nachdenklichkeit erstaunlich sicher pendeln. Mit „Lila Wolken“, „Kids“, „OMG!“, „Verstrahlt“, „Niemand bringt Marten um“ und „Welt der Wunder“ hat er längst einen Katalog, der auf Festivals verlässlich zündet. Beim Deichbrand war die Show besonders, weil Marteria nie wie ein Rap-Fremdkörper im Gitarren- und Partyumfeld wirkte, sondern wie jemand, der die Festival-DNA längst verstanden hat. Apropos DNA: Sein Sohn kam mit auf die Bühne und performte profesional mit Marteria zusammen. Da war der Papa stolz. Und die Fans begeistert. Seine Songs hatten genug Bass für Bewegung und genug Gefühl für die große Arm-in-die-Luft-Geste. Sehenswert war das, weil Marteria diesen seltenen Spagat schafft: Man kann zu ihm springen, grölen und trotzdem kurz über das eigene Leben nachdenken.
Electric Callboy
Electric Callboy lieferten danach den erwartbaren Ausnahmezustand in Neonfarben. Die Band aus Castrop-Rauxel um Kevin Ratajczak, Nico Sallach, Daniel Haniß, Pascal Schillo, Daniel Klossek und David-Karl Friedrich hat aus Metalcore, EDM, Eurodance, Pop-Hooks und Comedy-Timing eine international funktionierende Abrissformel gebaut. Mit „Hypa Hypa“, „We Got The Moves“, „Pump It“, „Spaceman“, „Everytime We Touch“ und dem Nummer-eins-Album „Tekkno“ schossen sie weit über die Core-Szene hinaus. Beim Deichbrand war ihre Show besonders, weil sie gleichzeitig hochprofessionell und komplett bescheuert wirkte – und genau diese Mischung ist längst ihr Markenzeichen. Breakdowns, Rave-Momente, Mitsingrefrains und ein Publikum, das zwischen Headbangen und Aerobic-Kurs pendelte, machten den Auftritt zu einem der großen Party-Momente des Freitags. Electric Callboy bewiesen einmal mehr: Man kann Spaß machen und trotzdem verdammt präzise spielen.
Scooter
Scooter setzten schließlich den späten Freitagspunkt mit maximaler Rave-Wucht. Die Hamburger Formation um H. P. Baxxter, Rick J. Jordan und Michael Simon steht seit den 90ern für Techno, Happy Hardcore, Eurodance, markige Shouts, Laserdruck und Refrains, die sich mit chirurgischer Präzision ins kollektive Gedächtnis brennen. Mit Hits wie „Hyper Hyper“, „How Much Is the Fish?“, „Maria (I Like It Loud)“, „Nessaja“, „Ramp! (The Logical Song)“ und „God Save the Rave“ haben Scooter deutsche Dance-Geschichte geschrieben. Beim Deichbrand war die Show besonders, weil Scooter genau wissen, dass Subtilität auf einem Festival um diese Uhrzeit komplett überschätzt wird. H. P. Baxxter bellte seine Ansagen, die Beats drückten, die Lichter feuerten, und das Publikum verwandelte sich in eine sehr große Rave-Gemeinde. Sehenswert war das, weil Scooter 2026 immer noch beweisen konnten: Wenn alle schon müde sind, hilft manchmal nur noch mehr Bass.