Das Deichbrand Festival 2026 hatte am Samstag und Sonntag noch einmal gezeigt, warum dieses Open Air in Nordholz an der Wurster Nordseeküste längst mehr ist als nur ein großes Festival mit Campingplatz, Bierdurst und Bühnenlicht. Zwischen Flugplatzgelände, Nordseeluft, Foodständen, Elektrobeats, Rockgitarren, Rap-Abriss und Popmomenten entstand erneut diese eigene Deichbrand-Mischung: ein bisschen Küstenurlaub, ein bisschen Ausnahmezustand und sehr viel „Wir bleiben noch kurz“ – was bekanntlich die gefährlichste Festival-Lüge überhaupt ist.
Das Wetter spielte über weite Strecken gut mit, auch wenn der Sonntagmorgen mit einem kräftigen Regenguss noch einmal daran erinnerte, dass Nordholz nicht Kalifornien ist. Danach blieb es aber festivalfreundlich genug, um die nassen Zelte wegzulächeln und sich wieder vor die Bühnen zu schieben. Programmmäßig war das Wochenende breit aufgestellt: Rock, Punk, Hip-Hop, Pop, Indie, elektronische Acts, neue Bühnenbereiche und sogar Fußball-Public-Viewing sorgten dafür, dass sich das Deichbrand 2026 wie eine kleine Stadt mit sehr gutem Soundtrack anfühlte.
Samstag
257ers
Die 257ers eröffneten euren Samstag mit genau jener Mischung aus Deutschrap, Abrisshumor und Ruhrpott-Wahnsinn, die man entweder sofort versteht oder nach drei Songs trotzdem mitgrölt. Das Duo Shneezin und Mike steht seit Jahren für Rap, Party, Quatsch mit Punchlines und diese spezielle Form von kontrollierter Unvernunft, bei der „Holland“ gefühlt immer noch irgendwo im Hinterkopf hupt. Mit Songs wie „Holz“, „Holland“ oder „Baby du riechst“ haben sie längst bewiesen, dass man Deutschrap auch als kollektiven Ausnahmezustand betreiben kann. Beim Deichbrand funktionierte das besonders gut, weil die Menge früh bereit war, den Ernst des Lebens an der Garderobe abzugeben. Die Show war sehenswert, weil die 257ers keine Distanz zwischen Bühne und Publikum ließen: Es wurde gesprungen, gelacht und sehr wahrscheinlich mindestens einmal eine schlechte Entscheidung gefeiert. Genau dafür sind Festivals schließlich auch da.
Raum27
Raum27 brachten danach deutschsprachigen Indie-Pop mit Melancholie, Kante und Küstenkompatibilität auf die Bühne. Das Duo aus Bremerhaven steht für Songs, die zwischen Coming-of-Age-Gefühl, Gitarrenpop und nachdenklichen Refrains pendeln, ohne sich in Betroffenheit einzuigeln. Ihre Musik lebt von Nähe, ehrlichen Texten und diesem leicht rauen Nordlicht-Charme, der auf dem Deichbrand natürlich besonders gut passte. Mit Songs wie „Sommerregen“, „Plattenbaum“ oder „Anfangen Anzufangen“ hatten sie sich längst eine wachsende Fanbase erspielt. In Nordholz wirkte ihr Auftritt wie ein kurzer Atemzug zwischen Party und späterem Hauptprogramm. Besonders sehenswert war die Show, weil Raum27 bewiesen, dass junge deutsche Gitarrenmusik nicht laut protzen muss, um hängen zu bleiben.
Anna Grey
Anna Grey setzte anschließend einen modernen Pop-Akzent, der deutlich internationaler klang, als man es auf einem norddeutschen Festivalgelände vielleicht erwartet hätte. Die Sängerin steht für eingängigen Pop mit elektronischen Elementen, emotionaler Direktheit und einer Stimme, die sowohl verletzlich als auch sehr präsent wirken kann. Ihre Songs leben von klaren Hooks, glatter Produktion und dieser Mischung aus Selbstsuche und Selbstbewusstsein, die auf Festivalbühnen gut funktioniert, wenn sie nicht zu brav verpackt wird. Beim Deichbrand überzeugte sie vor allem dadurch, dass ihre Show zwischen all den lauteren Acts nicht unterging, sondern einen eigenen glänzenden Moment setzte. Das Publikum bekam keinen lauten Abriss, sondern einen sauber gebauten Popslot mit Gefühl und guter Energie. Sehenswert war das, weil Anna Grey zeigte, dass Pop auch im Festivaltrubel Atmosphäre schaffen kann.
Nico Santos
Nico Santos brachte am frühen Abend den großen Radiopop-Moment auf das Gelände. Der Sänger und Songwriter, der auf Mallorca aufwuchs und längst zu den erfolgreichsten deutschen Popstimmen gehört, verbindet Soul, Pop, Dance-Elemente und sehr sichere Refrains zu Songs, die zwischen Autoradio, Festivalbühne und Sommerabend erstaunlich gut funktionieren. Mit Hits wie „Rooftop“, „Safe“, „Better“, „Play With Fire“, „Weekend Lover“ oder „Number 1“ hatte er genug Material dabei, um auch Gelegenheitsfans regelmäßig beim Mitsingen zu erwischen. Beim Deichbrand zeigte Santos, dass seine Songs live mehr Druck haben, als man ihnen im Radio manchmal zutraut. Besonders stark war die Mischung aus professioneller Leichtigkeit, starker Stimme und publikumsnaher Ansprache. Sehenswert war der Auftritt, weil er den Samstag für einen Moment sehr hell, sehr poppig und sehr breit anschlussfähig machte.
Dropkick Murphys
Dropkick Murphys brachten danach Boston nach Nordholz – und zwar mit Dudelsack, Punkrock und der Wucht einer sehr gut gelaunten Kneipenschlägerei. Die Band um Ken Casey steht seit Jahrzehnten für Celtic Punk, Arbeiterklassenpathos, Mitsingchöre und diese Energie, bei der man spätestens nach dem zweiten Refrain fremde Menschen wie alte Freunde behandelt. Mit Songs wie „I’m Shipping Up to Boston“, „Rose Tattoo“, „The State of Massachusetts“ oder „The Boys Are Back“ haben sie längst Festivalgeschichte geschrieben. Beim Deichbrand war ihre Show besonders, weil dieser Sound an der Küste fast unanständig gut funktioniert: Wind, Bier, Fäuste in der Luft und ein Publikum, das sofort verstand, dass hier nicht gegrübelt, sondern mitgebrüllt wird. Die Dropkick Murphys spielten nicht subtil, aber genau darin lag die Schönheit. Sehenswert war das, weil sie den Samstag in ein keltisch-punkiges Gemeinschaftsritual verwandelten.
Nura
Nura brachte anschließend eine ganz andere Farbe ins Programm. Die Rapperin und Sängerin, bekannt geworden als Teil von SXTN, hat sich solo mit einer Mischung aus Rap, Pop, R&B, Haltung, Humor und klarer Kante längst eine eigene Position geschaffen. Ihre Musik lebt von direkten Ansagen, eingängigen Refrains und einer Bühnenpräsenz, die keine Erlaubnis braucht. Beim Deichbrand funktionierte das besonders gut, weil Nura zwischen all den Gitarren- und Partyacts einen selbstbewussten, urbanen Gegenpol setzte. Ihre Show war laut, frech, körperlich und trotzdem nah genug, um nicht wie ein bloßer Festival-Slot zu wirken. Sehenswert war der Auftritt, weil Nura zeigte, wie gut Rap, Pop und Haltung auf einem großen Festival zusammengehen können.
Zartmann
Zartmann lieferte danach deutschen Pop und Rap mit viel Gegenwartsgefühl. Der Berliner Künstler steht für eine Mischung aus Indie-Pop, Rap, elektronischer Leichtigkeit und Songwriter-Melancholie – Musik, die nach Nachtbus, Großstadt, Liebeskummer und trotzdem nach Sonnenbrille klingt. Mit Songs wie „Wie du manchmal fehlst“, „Ein Anruf entfernt“ oder „Eehhhyyy“ hatte er sich in kurzer Zeit vom Geheimtipp zu einem der auffälligen neuen deutschsprachigen Acts entwickelt. In Nordholz wirkte sein Sound angenehm unaufgeregt, aber nie belanglos. Besonders war die Show, weil Zartmann nicht nach maximaler Pop-Geste suchte, sondern nach Stimmung, Melodie und Nähe. Genau deshalb blieb der Auftritt hängen: leise clever, lässig und sehr zeitgemäß.
Rise Against
Rise Against rissen den Samstagabend dann wieder mit politischem Punkrock und internationaler Wucht nach vorne. Die Band aus Chicago um Tim McIlrath, Joe Principe, Brandon Barnes und Zach Blair steht seit Jahren für melodischen Hardcore, Punkrock, klare Haltung und Songs, die gleichzeitig Faust und Herz treffen. Mit „Savior“, „Prayer of the Refugee“, „Satellite“, „Give It All“ oder „Hero of War“ haben sie einen Katalog, der auf Festivals sofort kollektive Energie freisetzt. Beim Deichbrand war die Show besonders, weil Rise Against nicht einfach Nostalgie verwalteten, sondern immer noch wie eine Band klangen, die etwas zu sagen hat. Zwischen schnellen Songs, großen Refrains und politischem Unterton entstand ein Auftritt mit Druck und Dringlichkeit. Sehenswert war das, weil hier Punkrock nicht zur Kulisse wurde, sondern zur Haltung mit Verstärker.
Felix Jaehn
Felix Jaehn übernahm danach den elektronischen Teil der Nacht und brachte das Deichbrand zuverlässig in den Dance-Modus. Der DJ und Produzent aus Mecklenburg-Vorpommern wurde mit seinem Remix von „Cheerleader“ weltweit bekannt und landete später mit Songs wie „Ain’t Nobody“, „Bonfire“, „Book of Love“ oder „Close Your Eyes“ weitere große Erfolge. Sein Sound verbindet Deep House, Pop, Dance und sommerliche Melodien zu einem Set, das weniger Clubkeller als große Festivalfläche sucht. In Nordholz funktionierte das perfekt, weil Jaehn genau weiß, wann ein Drop kommen muss und wann ein Refrain die Menge übernimmt. Die Show war sehenswert, weil sie nach all dem Rock- und Rapdruck den Samstag in eine große, tanzbare Nacht überführte. Der Bass war da, die Arme waren oben, und der Küstenwind hatte plötzlich sehr viel Rhythmus.
SDP
SDP setzten schließlich den späten Schlusspunkt unter den Samstag. Vincent Stein und Dag-Alexis Kopplin haben aus Pop, Rap, Rock, Ironie, Melancholie und Mitsingrefrains längst eine eigene Festivalformel gebaut. Mit Songs wie „Die Nacht von Freitag auf Montag“, „Ich will nur dass du weißt“, „Ne Leiche“, „Tanz aus der Reihe“ oder „Unikat“ haben sie sich von der Berliner Spaßbude zur großen Live-Marke entwickelt. Beim Deichbrand funktionierte das besonders gut, weil SDP genau diese Mischung aus Albernheit und erstaunlich echtem Gefühl beherrschen. Das Publikum konnte lachen, springen und plötzlich doch sehr textsicher sentimental werden. Sehenswert war die Show, weil SDP den Samstag nicht einfach beendeten, sondern ihn mit Konfetti im Kopf und heiseren Stimmen verabschiedeten.
Sonntag
Cascada
Cascada eröffneten den Sonntag mit einem direkten Schuss Eurodance-Nostalgie. Das Projekt um Sängerin Natalie Horler, geprägt von den Produzenten Manian und Yanou, steht seit den 2000ern für Dance-Pop, Trance-Anleihen, große Refrains und Songs, die bis heute in jeder Party-Playlist sofort zünden. Mit „Everytime We Touch“, „Evacuate the Dancefloor“, „Miracle“ oder „What Hurts the Most“ hat Cascada längst internationale Club- und Chartgeschichte geschrieben. Beim Deichbrand war der Auftritt besonders, weil dieser Sound am Sonntagmittag genau das tat, was er tun sollte: wachrütteln, bewegen, nicht zu viel nachdenken lassen. Horler brachte Stimme, Energie und charmante 2000er-Wucht auf die Bühne. Sehenswert war die Show, weil Cascada bewies, dass Eurodance nicht alt wird – er braucht nur genug Bass und ein williges Publikum.
100 Kilo Herz
100 Kilo Herz brachten danach Brass-Punk aus Leipzig an die Küste und setzten damit früh einen der charmantesten Punkmomente des Sonntags. Die Band beschreibt sich selbst herrlich passend als Mischung aus Punks, Jazzern und Indiekidern – und genau so klingt es auch: Bläser, Punkdruck, clevere Texte und entspannte Eskalation. Ihre Musik verbindet politische Haltung, Mitsingmomente und diese warme Live-Energie, bei der man gleichzeitig tanzen, nachdenken und ein bisschen schwitzen möchte. Beim Deichbrand wirkte das besonders, weil 100 Kilo Herz dem Sonntag sofort Bewegung und Kante gaben. Die Bläser machten Druck, die Gitarren schoben, und die Crowd nahm den Ball dankbar auf. Sehenswert war das, weil die Band zeigte, dass Punk mit Gebläse nicht nur funktioniert, sondern verdammt viel Spaß macht.
The Rasmus
The Rasmus brachten anschließend finnische Rock-Melancholie auf die Bühne. Die Band um Sänger Lauri Ylönen wurde mit „In the Shadows“ weltweit bekannt und hat mit Songs wie „First Day of My Life“, „Guilty“, „Livin’ in a World Without You“ oder „Jezebel“ einen Katalog zwischen Gothic-Pop, Alternative Rock und großen Refrains aufgebaut. Zur aktuellen Besetzung gehören neben Ylönen unter anderem Eero Heinonen, Aki Hakala und Gitarristin Emilia „Emppu“ Suhonen. Beim Deichbrand war ihre Show besonders, weil dieser leicht dunkle, melodische Sound am hellen Festivaltag einen schönen Kontrast setzte. „In the Shadows“ funktionierte natürlich als kollektiver Wiedererkennungsreflex, aber auch die übrigen Songs zeigten, dass The Rasmus mehr sind als ein einzelner Rabenfedern-Hit. Sehenswert war das, weil sie Nostalgie mit solider Live-Routine und nordischer Dramatik verbanden.
Remote Bondage
Remote Bondage lieferten danach auf der New Port Stage einen angenehm direkten, frischen Gegenentwurf. Die fünfköpfige Berliner Band verbindet Pop, Punk-Attitüde, rohe Emotion, dreistimmige Vocals und treibende Basslines zu einem Sound, der gleichzeitig tanzbar und widerspenstig wirkt. Mit ihrem Debütalbum „Good Girl“ hatten sie genau diesen Mix aus Liebe, Erwachsenwerden, Erwartungsdruck und Selbstbehauptung in Songs gegossen. Beim Deichbrand war die Show besonders, weil Remote Bondage nicht wie ein kleiner Nebenbühnen-Act wirkten, sondern wie eine Band, die ihren Platz sehr bewusst beanspruchte. Ihre Performance war körperlich, energiegeladen und direkt genug, um auch zufällige Vorbeiläufer festzuhalten. Sehenswert war das, weil hier ein junger Act mit klarer Haltung und spürbarer Bühnenlust auftrat.
102 Boyz
102 Boyz machten danach das, was 102 Boyz eben machen: Sie verwandelten den Sonntag in ein sehr lautes, sehr klebriges Rap-Kollektivgefühl. Die Crew aus Leer steht für Trap, Deutschrap, Abriss, Partyexzess und eine Live-Energie, bei der man sich fragt, ob irgendjemand vorher die Hausordnung gelesen hat. Mit Songs wie „Bier“, „Asozial Allstars“, „Rotzlöffel“ und zahlreichen Crew- und Solo-Veröffentlichungen haben sie sich eine treue, feierfeste Fanbase aufgebaut. Beim Deichbrand passte das natürlich ziemlich gut, weil Nordholz für solche kontrollierten Kontrollverluste offenbar gebaut wurde. Die Show war weniger Feingeist als Vollkontakt-Rap mit Bass und Dosenbier-Ästhetik. Sehenswert war das, weil die 102 Boyz genau wussten, wie man ein Festivalpublikum in ein grinsendes Durcheinander verwandelt.
The Molotovs
The Molotovs brachten anschließend britischen Punk- und Mod-Rock mit jugendlicher Schärfe auf die Bühne. Die Londoner Band um die Geschwister Mathew und Issey Cartlidge verbindet Punk, Garage Rock, Mod-Revival und Powerpop zu einem Sound, der an The Jam, The Clash und die frühen Indie-Bühnen erinnert, aber nicht nach Museum riecht. Mit ihrem Debütalbum „Wasted on Youth“ und Songs wie „More More More“ hatten sie sich schnell einen Ruf als eine der aufregenden neuen britischen Rockbands erspielt. Beim Deichbrand war ihr Auftritt besonders, weil sie mit wenig Schnickschnack, aber viel Haltung und Tempo überzeugten. Die Songs waren kurz, scharf und voller Vorwärtsdrang. Sehenswert war das, weil The Molotovs zeigten, dass junge Gitarrenbands noch immer klingen können, als hätten sie gerade etwas anzuzünden.
Makko
Makko brachte danach deutschen Rap und melancholischen Vibe in den Nachmittag. Der Berliner Künstler ist eng mit dem Produzenten-Kosmos um Miksu/Macloud verbunden und steht für Cloudrap, House-Anleihen, Autotune-Melodien und diese „alles egal, aber eigentlich doch nicht“-Stimmung. Mit Songs wie „Nachts wach“, „Aus dem Block“, „Lichter aus“ oder „P.S.“ hatte er sich längst eine Fanbase zwischen Rap, Indie und elektronischer Popnähe erspielt. Beim Deichbrand funktionierte sein Sound besonders gut, weil er nicht auf laute Ansagen angewiesen war. Makko ließ die Stimmung eher rollen als explodieren – und genau das hatte seinen Reiz. Sehenswert war der Auftritt, weil er zwischen Rap und Pop einen angenehm verschwommenen, sehr aktuellen Festivalmoment setzte.
01099
01099 brachten anschließend Dresdner Leichtigkeit an die Küste. Das Kollektiv um Gustav, Zachi, Paul und Dani steht für Rap, Indie-Pop, elektronische Beats und Alltagsromantik, die oft nach Sommer, Fahrradweg und zu langen Nächten klingt. Mit Songs wie „Frisch“, „Durstlöscher“, „Dies & Das“, „Tempo“ oder „Jacke zu“ haben sie sich zu einer festen Größe der deutschen Streaming- und Festivalwelt entwickelt. Beim Deichbrand war ihr Auftritt besonders, weil 01099 keine harte Pose brauchen, um große Flächen mitzunehmen. Ihre Songs funktionieren über Lockerheit, Melodie und dieses Gemeinschaftsgefühl, bei dem das Publikum eher mitschunkelt als marschiert. Sehenswert war das, weil 01099 den Sonntag für eine Weile angenehm leicht und sehr gegenwärtig klingen ließen.
Ok.Danke.Tschüss
Ok.Danke.Tschüss brachten danach ihren sogenannten Einhornrock nach Nordholz – und ja, das klingt erst einmal albern, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Band aus Mannheim um Eva Sauter und Lucas Firmbach, live unterstützt von weiteren Musikerinnen und Musikern, verbindet Indie-Rock, Pop, gesellschaftskritische Texte, Humor und bunte Bühnenenergie. Mit Songs wie „Joel“, „Zu laut in der Disko“, „Vincent van Gogh“, „Soldat“ oder „Leukämie du Bitch“ haben sie sich eine treue Fanbase erspielt und gezeigt, dass politische und persönliche Themen auch tanzbar verpackt werden können. Beim Deichbrand überzeugten sie mit viel Charme, Haltung und einem Sound, der nie so harmlos war, wie er auf den ersten Blick wirkte. Besonders sehenswert war der Auftritt, weil Ok.Danke.Tschüss Kante und Leichtigkeit so zusammenbrachten, dass beides stärker wurde. Das war Indie-Pop mit Glitzer im Gesicht und Meinung im Rücken.
Giant Rooks
Giant Rooks sorgten anschließend für den großen Indie-Pop-Moment des Sonntags. Die Band aus Hamm um Frederik Rabe, Finn Schwieters, Luca Göttner, Finn Thomas und Jonathan Wischniowski hat sich mit ihrem internationalen Sound längst weit über die deutsche Indie-Szene hinausgespielt. Songs wie „Wild Stare“, „Watershed“, „Morning Blue“, „Tom’s Diner“ und Material aus Alben wie „Rookery“ und „How Have You Been?“ zeigen ihre Mischung aus Indie, Pop, Art-Rock, großer Melodie und feinem Groove. Beim Deichbrand wirkte ihre Show besonders, weil Giant Rooks diesen seltenen Spagat schaffen: Sie klingen groß, ohne glatt zu werden, und international, ohne beliebig zu wirken. Frederik Rabe führte die Band mit viel Bewegung und starker Stimme durch das Set. Sehenswert war das, weil Giant Rooks den Sonntag elegant auf Abendformat hoben.
Sido
Sido setzte danach den großen Rap-Schlusspunkt auf den Sonntag. Paul Würdig, der einst mit Maske, Aggro Berlin und Ansage in die deutsche Rapgeschichte platzte, gehört längst zu den erfolgreichsten und langlebigsten Künstlern des Genres. Mit Songs wie „Mein Block“, „Bilder im Kopf“, „Astronaut“, „Tausend Tattoos“, „Schlechtes Vorbild“, „Einer dieser Steine“ oder „Liebe“ hat er mehrere Rap-Generationen begleitet. Beim Deichbrand war seine Show besonders, weil Sido diese ganze Spannweite mitbrachte: Straßenrap-Vergangenheit, Pop-Gegenwart, Humor, Melancholie und sehr viele Refrains, die sofort ankamen. Er spielte nicht nur Hits, sondern ein Stück deutscher Pop- und Rapgeschichte. Sehenswert war das, weil Sido auch 2026 noch bewies, dass man erwachsen werden kann, ohne die alte Schlagkraft komplett zu verlieren.